Coronavirus: Gastronomen sehen Öffnung mit zwiespältigen Gefühlen

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Eine Dachlatte entscheidet im Schermbecker Ramirez darüber, wo Gäste nach wochenlanger Corona-Zwangpause sitzen dürfen. Viele Gastronomen sehen der Öffnung mit gemischten Gefühlen entgegen.

Schermbeck

, 11.05.2020, 16:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der „Ramirez-Corona-Hygiene-Distanzometer“, wie Dirk Zerressen eine 1,50 Meter lange Dachlatte getauft hat, kam am Wochenende zum Einsatz, nachdem die Regeln verkündet wurden, unter welchen die Betreiber von Speisegastronomien wieder nach der wochenlangen Corona-Zwangspause öffnen können. Von 15 Tischen im Gesellschaftsraum dürfen noch etwas mehr als die Hälfte von Besuchern ab Mittwoch genutzt werden. „Die anderen Tische nehme ich als Raumteiler, um die Distanz zu wahren.“

Abstandsmessung per Dachlatte: Auch im Ramirez wurden die Tische und vor allem Stühle daraufhin überprüft, ob sie genug Abstand zwischen den Gästen bieten.

Abstandsmessung per Dachlatte: Auch im Ramirez wurden die Tische und vor allem Stühle daraufhin überprüft, ob sie genug Abstand zwischen den Gästen bieten. © Dirk Zerressen

Gastronomie in Corona-Zeiten bedeutet vor allem ein Füllhorn neuer Regelungen. „Sehr umfangreich“ seien diese, sagt auch Gerd Abelt, Vertreter des Schermbecker Bürgermeisters. „Unsere Wirtschaftsförderung hat die Hygieneregeln am Samstag an alle Gastronomen versendet.“ Jetzt sei in erster Linie die Verantwortlichkeit der Gastronomen gefragt. Einige von ihnen hätten bereits angekündigt, erst Ende der Woche oder Anfang nächster Woche öffnen zu wollen, „weil sie den Vorlauf brauchen“.

„Geht das in die Hose, ist der Laden wieder zu“

Gastronomen sollten sich stets darüber im Klaren sein: „Geht das in die Hose, ist der Laden wieder zu“, sagt Abelt. Dass die Situation „sehr zerbrechlich“ sei, sehe man etwa im Kreis Coesfeld. „Das kann uns alles schneller um die Ohren fliegen, als wir uns das wünschen.“

Manuela Radüchel von „Manu‘s Dorfcafé“ in Raesfeld-Erle hat schon ihre Außenterrasse auf Abstände überprüft. „Ich schätze, dass ich vier bis fünf Tische stellen kann.“ Im Innenbereich, wo sonst neun Tische seien, könnten sicherlich nur die Hälfte genutzt werden. Die Zwangsschließung sei „wirklich eine Katastrophe“ gewesen. „Ich hatte ja gerade erst gestartet und auch viel Geld in die Hand genommen.“

Welche Regeln für den Besuch von Manu's Dorfcafé jetzt gelten, wird Manuela Radüchel an die Fenster hängen.

Welche Regeln für den Besuch von Manu's Dorfcafé jetzt gelten, wird Manuela Radüchel an die Fenster hängen. © Berthold Fehmer

„Sehr berührt“ sei sie aber gewesen, erzählt Radüchel, „wenn Leute vorbeifahren, uns hier werkeln sehen und klatschen“. Was sie jetzt bei der „Wiedereröffnung“ am Freitag (15. Mai) erwartet? „Ich habe keine Erfahrung, was jetzt passiert. Sind die Leute eher verhalten oder gibt es einen Ansturm?“

„Ansturm unserer Stammgäste“

Das weiß auch Dennis Nappenfeld von der Gaststätte „Nappenfeld´s“ in Schermbeck nicht. Durch die Corona-bedingte Schließungszeit habe man sich mit Außer-Haus-Verkauf „über den Berg gerettet“. „Ich erwarte zumindest einen Ansturm unserer Stammgäste. Die haben alle Bock auf ein frisch gezapftes Pils, auch wenn sie sich an einen Tisch setzen müssen und nicht an die Theke dürfen.“

Dass er ab Freitag (15. Mai) Listen führen muss, wer wann mit wem am Tisch gesessen hat, kommentiert Nappenfeld mit den Worten: „Was haben die uns noch vor einem Jahr alle bekloppt gemacht mit der Datenschutzgrundverordnung.“ Dazu sagt Abelt, dass es darum gehe, Infektionsketten nachvollziehbar zu halten.

Manche Details in den Auflagen seien ihm auch noch nicht gänzlich klar, sagt Nappenfeld: „Ich soll eine Skizze machen, wie die Tische stehen. Aber wenn jetzt eine Familie kommt mit fünf statt zwei Kindern und Tische umgebaut werden müssen - muss ich dann zweimal am Tag ein Bild malen und ans Ordnungsamt schicken?“

„Wir müssen uns alle am Riemen reißen“

Was die Disziplin der Gäste betrifft, die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten, sagt Nappenfeld, „können wir nur an den gesunden Menschenverstand appellieren. Wir müssen uns alle am Riemen reißen und so verhalten, dass wir nicht die zweite Infektionswelle heraufbeschwören.“

Was das wirtschaftlich bedeuten würde, wenn es erneut zu Schließungen kommt? Nappenfeld geht bereits jetzt davon aus, dass er, wenn er am Jahresende Bilanz ziehen wird, mehr als 50 Prozent Einbußen beim Umsatz verkraften muss. Allein, dass das Kilianschützenfest ausfalle, bedeute herbe Verluste. „Kilian ist für uns wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zusammen.“

„Wie eine kleine Neueröffnung“

Keine Kommunionen, keine Hochzeiten: „Das Saalgeschäft wird noch länger tot sein“, glaubt Dirk Zerressen vom Ramirez. Er sieht dem Start am Mittwoch mit zwiespältigen Gefühlen entgegen: „Das ist wie eine kleine Neueröffnung. Du freust dich irgendwie, aber weißt auch, dass einige Situationen auf dich zukommen.“ Was passiert etwa, „wenn 50 Gäste im Biergarten sitzen und zehn gleichzeitig auf die Toilette wollen“?

Markus Büsken vom Raesfelder Ordnungsamt hat die Gastronomen persönlich besucht und informiert. „Einen euphorischen Gastwirt habe ich nicht getroffen.“ Oft seien die Toiletten „neuralgische Punkte“, weil es dort in schmalen Gängen zu Begegnungsverkehr kommen könne. In solchen Fällen sollten sich Gastronomen mit einem Ampelsystem, „grüne und rote Zettel“, behelfen, rät Büsken.

Mit Maske zur Toilette

Mit Maske zum Tisch geleitet werden, mit Maske zur Toilette gehen, keine Sitzpolster, laminierte Speisekarten, Service-Kräfte, die möglichst wenig mit Gästen sprechen sollen - so richtig „gastfreundlich“ könne man leider nicht sein, bedauert Zerressen. Obwohl er auch weiß, „dass einige schon mit den Füßen scharren und raus wollen“, rechnet er damit, dass die Vorsichtigeren „vielleicht erst mal ein bisschen abwarten“.

Für den Ramirez-Chef steht deshalb fest, dass es finanzielle Hilfen für Gastronomen geben müsse. Das Senken der Umsatzsteuer auf 7 Prozent, die beim Außer-Haus-Geschäft bereits gelten, könne ein Schritt sein. Aber dazu müsse auch erst mal wieder Umsatz gemacht werden, sonst bringe dies auch nichts.

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