Ein halbes Dutzend Bomber legte vor 75 Jahren den Schermbecker Ortskern in Schutt und Asche. 85 Häuser wurden zerstört - auch die Georgskirche brannte ab.

Schermbeck

, 28.03.2020, 13:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bis auf einzelne Bomben in den Jahren 1940 bis 1944, die meistens im Umfeld Schermbecks auf Äcker und Wiesen fielen, war Schermbeck von den Luftangriffen des Zweiten Weltkrieges verschont geblieben. Kurz vor Ostern 1945 war es damit vorbei.

Das Getöse explodierender Bomben und das nicht mehr abreißende Heulen der Sirenen während des Februar-Bombardements im benachbarten Wesel klangen den Schermbeckern noch im Ohr, als die Bevölkerung kurz vor Ostern die schlimmen Auswirkungen der Operation „Plunder“ hautnah zu spüren bekamen.

Ort war nahezu menschenleer

Von einem ähnlichen Bombenhagel, wie ihn das benachbarte Wesel seit den Mittagsstunden erlebte, blieb Schermbeck am 22. März 1945 noch ein paar Stunden verschont. Am 23. März 1945 war Schermbeck nahezu menschenleer. Zwischen 16 und 17 Uhr brach die Hölle los, als ein halbes Dutzend Bomber aus einem Geschwader ausscherten und sich den Ortskern Schermbecks zum Ziel nahmen.

Noch ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Schuttberge im Ortskern nicht überall beseitigt. Das Foto zeigt rechts das Gebäude, in dem sich heute „Pizza Pronto“ befindet, und in der Mitte jenes Gebäude, an dessen Standort später – von der Mittelstraße nach rückwärts versetzt - die Volksbank errichtet wurde.

Noch ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Schuttberge im Ortskern nicht überall beseitigt. Das Foto zeigt rechts das Gebäude, in dem sich heute „Pizza Pronto“ befindet, und in der Mitte jenes Gebäude, an dessen Standort später – von der Mittelstraße nach rückwärts versetzt - die Volksbank errichtet wurde. © Helmut Scheffler (Repro)

Eine halbe Stunde später wurde eine zweite Serie von Sprengbomben abgeworfen. Eine später angefertigte Liste der Zerstörungen weist für Schermbeck 85 zerstörte Häuser aus. Auch die Georgskirche brannte ab.

Die Angriffe der Alliierten hatten ihr Ziel erreicht: Demoralisierung der Truppen und Rückzug einzelner Kampfverbände, so dass der Weg frei wurde für die Invasion. Am Samstag ab 10 Uhr begann im westlichen Teil des Amtes Schermbeck die Operation „Varsity“, zu der die größte Luftlandeaktion des Zweiten Weltkriegs gehörte, die an einem Tag durchgeführt wurde. Die folgenden Tage haben sich in der Erinnerung Schermbecker Bürger tief verankert.

Drei Tage nach der Luftlandung im Raum Brünen-Lackhausen standen noch deutsche Panzer auf dem Vossenberg in Weselerwald. Am 27. März wurde Lehrer Mahling durch ein Geräusch in der Schulklasse geweckt. Als er nachsehen wollte, stand er unvermittelt vor zwei kanadischen Fallschirmspringern, die sämtliche Schränke durchwühlten.

„Im Augenblick sind wir sämtliche Uhren los“, schrieb er später in die Schulchronik, „auch zwei Fahrräder und die Schreibmaschine werden mitgenommen. Bei Freihoff wird ein Verbandsplatz eingerichtet. Und dann müssen die Männer in den Bunker vor Freihoffs Haus; die Frauen bleiben im Schulkeller und wären hier beinahe einem Unmenschen in die Hände gefallen, wenn nicht ein anständiger kanadischer Sanitäter ihnen zu Hilfe gekommen wäre.“

Das Foto entstand erst ein Jahr nach Kriegsende, aber es lässt erahnen, wie es in den Tagen der Bombenangriffe und des Frontübergangs in Schermbeck ausgesehen haben mag. In der Bildmitte erkennt man die zerstörte Georgskirche.

Das Foto entstand erst ein Jahr nach Kriegsende, aber es lässt erahnen, wie es in den Tagen der Bombenangriffe und des Frontübergangs in Schermbeck ausgesehen haben mag. In der Bildmitte erkennt man die zerstörte Georgskirche. © Helmut Scheffler (Repro)

Noch am selben Tag wurden die letzten deutschen Batterien niedergekämpft, und dann rollten die letzten feindlichen Panzer durch. Ein Schild wies ihnen den Weg: „Track up to Erle“. Dem selben Zweck dienten lange weiße Bänder an beiden Seiten der Vormarschstraße. Der Kampf ging schnell über Weselerwald hinweg.

Bilanz des Grauens

„Einzelne Gehöfte sind ganz, andere zum Teil zerstört und ausgebrannt“, zog Lehrer Mahling die Bilanz des Grauens. „Vollständig flach liegen die Gehöfte von Hülsmann, Kolbrink, Joh. Holloh und Musil.“ Ein deutscher Hauptmann versuchte an der Malberger Straße, mit einer Handvoll verzweifelter Soldaten das Heer der Alliierten aufzuhalten, die eine solche Wahnsinnstat mit brennenden Gehöften in der Ortschaft Damm quittierten.

In den Tagen des Frontübergangs geriet das Haus der Familie Stegemann, welches erstmals am 24. Juni 1940 von Sprengbomben beschädigt worden war, erneut unter feindlichen Beschuss. Es befand sich in unmittelbarer Nähe einer Flak- und Scheinanlage.

1945 entstand dieses Bild von der Mittelstraße und der nördlich angrenzenden Bausubstanz. Links die unzerstörte ehemalige reformierte Kirche.

1945 entstand dieses Bild von der Mittelstraße und der nördlich angrenzenden Bausubstanz. Links die unzerstörte ehemalige reformierte Kirche. © Helmut Scheffler (Repro)

Viele Dammer waren vor der Front nach Osten gewichen, unter ihnen auch die Familie Krüger, die in aller Eile Bettzeug und Lebensmittel auf einen Pferdewagen lud und in Richtung Freudenberg aufbrach, wo man sich mit Pleines, Dames und Benninghoff traf. „In Bentheim, wo wir in der Jugendherberge schliefen“, erinnerte sich Fritz Krüger, „gerieten wir in einen Fliegerangriff, dass uns Hören und Sehen verging.“ Als die Familie sechs Monate später nach Damm zurückkehrte, war das Haus abgebrannt; in der Schreinerei Hövel fand die Familie ein notdürftiges Quartier.

Löcher in die Türen geschossen

Im Dammer Norden war Erich Dellmann nicht vor der heranrückenden Front gewichen. „Die Nächte verbrachten wir auf der Diele und in den Ställen von Buschmann, während die Engländer im Vorderhaus schliefen. Die Soldaten gingen streng mit uns um, aber es gab auch erstmals seit mehreren Jahren wieder Schokolade und Zigaretten. Zwar war unser Haus stehen geblieben, aber die Fensterscheiben waren zersplittert, ein paar Löcher in die Türen geschossen, Schweine und Kühe liefen über die Felder. Zwischen unserem Haus und dem Dellbach lag eine JU 88, die am Tag des Frontübergangs abgestürzt war.“

In der Karwoche des Jahres 1945 marschierten die alliierten Soldaten über die Mittelstraße am Café Schnitzler vorbei in Richtung Dorsten. Der Fotograf stand auf dem Platz vor der Ludgeruskirche.

In der Karwoche des Jahres 1945 marschierten die alliierten Soldaten über die Mittelstraße am Café Schnitzler vorbei in Richtung Dorsten. Der Fotograf stand auf dem Platz vor der Ludgeruskirche. © Helmut Scheffler (Repro)

An ähnliche Geschenke erinnerte sich vor zwei Jahrzehnten in der Rückschau auf das Jahr 1945 Elisabeth Prost vom Waldweg: „Die Kinder vom Waldweg staunten natürlich die Truppen an und sahen hungrig zu, wie die Soldaten Schokolade und Kekse aßen. Es war damals verboten, mit den Besiegten Kontakt aufzunehmen. Aber am anderen Tag fanden die Kinder Päckchen im Graben: Schokolade, Kekse in Stanniol verpackt, Tütchen mit Kaffee und Trockenmilch. Nach ein paar Tagen zog die englische Truppe ab. Die Kinder suchten die ganze Wiese ab.“

Panzer rollten durch Schermbeck

Am Mittwochmorgen (28. März) rollten die ersten feindlichen Panzer durch Schermbeck. Über die Durchfahrt der Alliierten informiert ein Film, der in den frühen 1990er-Jahren dank einer großzügigen Unterstützung seitens der Volksbank gekauft werden konnte. Das Filmmaterial, das von drei englischen Militärfilmern erstellt wurde, lagerte im „Imperial War Museum“ in London.

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Fernsehzuschauer hatten während der Vorführung eines Filmes über den Zweiten Weltkrieg Sequenzen des Filmes erkannt, die sich auf den Schermbecker Raum bezogen. In dem unvertonten Schwarz-Weiß-Film marschieren Soldaten über die Reichsstraße 58. Gezeigt werden Kriegsgefangene, die von Soldaten verschiedener Waffengattungen - vermutlich in Damm - nach Waffen durchsucht werden.

Sprengbombe zertrümmerte den Saal

Wenig später rücken die Truppenverbände mit ihren Panzern in Schermbeck ein. Der Film zeigt Panzer, die am Café Schnitzler vorbeifahren, auf beiden Seiten begleitet von Fallschirmjägern. Der Kameramann stand auf dem Kirchenhof von St. Ludgerus. Während eines Kameraschwenks erkennt man das Haus Grüter und den von einer Sprengbombe zertrümmerten Saal der ehemaligen Gaststätte „Rheinisch-Westfälischer Hof“.

Der dörfliche Lebensraum hat inzwischen nahezu sämtliche Spuren verwischt, die an den Zweiten Weltkrieg erinnern können. Die Zahl derer, die noch von den dramatischen Vorgängen im Umfeld des Frontübergangs berichten können, nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ab.

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