Es gibt technische Möglichkeiten, den Tachostand zu manipulieren. Beim Auslesen des Bordcomputers kommt der Betrug jedoch oft ans Tageslicht. © dpa
Gerichtsprozess

Betrug beim Autokauf in Schermbeck: Plötzlich fehlten 200.000 Kilometer

Für ein Auto mit 90.000 Kilometer Laufleistung zahlte der Kunde einen angemessenen Preis. Aber offenbar hatte der Verkäufer aus Schermbeck den Kilometerstand um 200.000 „geschönt“.

90.000 Kilometer gelaufen, erst vor wenigen Monaten vom TÜV begutachtet, drei Jahre alt: Für diesen Wagen reiste der Kunde sogar aus Berlin nach Schermbeck an. Vor Ort überzeugte ihn der gepflegte Anblick der Mercedes C220 D zusätzlich, und der 65-jährige Kraftfahrer im Ruhestand kaufte den Wagen für 22.000 Euro.

Ein paar Tage später erreichte ihn allerdings ein Anruf der Lebensgefährtin des Verkäufers aus Schermbeck: Sie bezichtigte den Vater ihres Kindes, mit dem sie offenbar gerade einen Streit am Familiengericht ausfocht, des Betruges. Der Tacho des Wagens sei um 200.000 Kilometer manipuliert worden.

Bordcomputer sprach eine andere Sprache als der Tacho

Eine Vertragswerkstatt bestätigte diesen Verdacht nach Auslesen des Bordcomputers: Anfang Juni 2020 habe der Wagen 289.000 Kilometer auf dem Buckel gehabt. Ein halbes Jahr zuvor seien es 213.000 Kilometer gewesen. Im November waren es fast 300.000. Der Käufer erstattete Anzeige wegen Betrugsverdachts, und am Donnerstag reiste er erneut in den Kreis Wesel, um hier als Zeuge vor Gericht auszusagen.

Er bewegt das Auto auf Anraten seines Anwalts schon seit Ende vorigen Jahres nicht mehr, er würde den Wagen am liebsten an den Käufer zurückgeben und seine 22.000 Euro zurückerhalten.

Dieses Angebot unterbreitete auch der Weseler Richter dem Angeklagten, aber der konnte sich dazu nicht entschließen. Vielmehr gab er an, das Auto als „Ersatzteilspender“ verkauft zu haben. Das habe ebenso im Kleingedruckten des Kaufvertrages gestanden wie der versteckte Hinweis, der Tachostand entspreche möglicherweise nicht der tatsächlichen Fahrleistung. Das Kleingedruckte fand sich tatsächlich im Kaufvertrag, sei aber im Verkaufsgespräch nicht thematisiert worden, sagte der Zeuge aus.

Richter zweifelt an der Version vom „Ersatzteilspender“

Und Richter Neddermeyer hielt dem Angeklagten sogar vor: „Man müsste ja schon völlig bescheuert sein, um 22.000 Euro für einen Ersatzteilspender zu zahlen.“ Er zweifelte auch am TÜV-Gutachten, das dem Wagen am 30. Mai 2020 einen Kilometerstand von 89.339 attestierte. „Dieses TÜV-Gutachten ist extrem merkwürdig“, sagte der Richter. Und auch der Angeklagte konnte die Widersprüche nicht aufklären, zog sich auf das Kleingedruckte im Kaufvertrag zurück.

„Ich kann mich heute noch dafür prügeln“, ging der Autokäufer mit sich selbst hart ins Gericht, „dass ich den Vertrag nicht Zeile für Zeile gelesen habe.“ Der Tachostand entsprach den Angaben im Kaufvertrag, die Fahrgestellnummer stimmte überein, das Auto sah gut aus – man kam ins Geschäft.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte mit Vorsatz getäuscht und den Tacho manipuliert hat. Es verurteilte den wegen Betruges bereits einmal vorbestraften Krankenwagenfahrer zu 120 Tagessätzen à 20 Euro.

Über die Entschädigung des Käufers wird demnächst ein Zivilgericht in Potsdam entscheiden. Er hofft weiter auf eine Rückabwicklung des schlechten Geschäfts.

Über die Autorin
Redaktion Dorsten
Geboren und geblieben im Pott, seit 1982 in verschiedenen Redaktionen des Medienhauses Lensing tätig. Interessiert an Menschen und allem, was sie anstellen, denken und sagen.
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Petra Berkenbusch

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