aRTPARK zeigt große Kunst im Kälberstall

Ausstellung

Skulpturen von Markus Lüpertz und Jörg Immendorf, die „Nagel-Insel“ Günther Ueckers oder die letzte Mappe von Otto Piene. All das findet sich am Freitag (21.9.) in einem Kälberstall.

Schermbeck

, 20.09.2018, 10:29 Uhr / Lesedauer: 3 min
Hella Sinnhuber und Heiner Nachbarschulte im ehemaligen Kälberstall mit dem Werk "Black Triangle" von Robbert de Goede, der am Freitag zur Ausstellung nach Gahlen kommt.

Hella Sinnhuber und Heiner Nachbarschulte im ehemaligen Kälberstall mit dem Werk "Black Triangle" von Robbert de Goede, der am Freitag zur Ausstellung nach Gahlen kommt. © Berthold Fehmer

Hoher Berg 15 in Schermbeck-Gahlen: So lautet die Adresse. Dort einen hohen Berg zu erkennen bei etwa 60, 70 Metern über Normalnull, gelingt wohl nur Leuten aus dem Flachland. Und auch die Suche nach dem neuen Kunstraum gestaltet sich zunächst schwierig, da nur ein altes Stallgebäude zu sehen ist.

Am Datum der Tag- und Nachtgleiche (21. September) wollen die vier Mitglieder von „aRTPARK“, Heiner Nachbarschulte, Norbert Hürland und das Ehepaar Hella Sinnhuber und Bernd Caspar Dietrich („SINN:RICH“), hier ein Experimentierfeld der Kunstrichtung ZERO schaffen. Von Mittag bis Mitternacht werden zwölf Stunden lang Arbeiten aus den 50er- und 60er-Jahren (Otto Piene, Heinz Mack, Günther Uecker) mit aktuellen Werken (Marcello Morandini, Kees de Vries, Robbert de Goede, Tonneke Sengers und viele mehr) in Kontrast gesetzt. „Wir haben richtige Kracher“, sagt Hella Sinnhuber.

„ZERO als Stunde Null“

ZERO als Kunstrichtung wurde 1958 von Otto Piene und Heinz Mack in Düsseldorf gegründet. Günther Uecker stieß 1961 zur Künstlergruppe. ZERO stehe für die „Stunde Null“, erklärt Bernd Caspar Dietrich. Die Künstler hätten die Nachkriegskunst durch den Nationalsozialismus als belastet gesehen und gesagt: „Wir starten neu. Wir betrachten die Dinge neu.“ 1964 habe sich die Gruppe aufgelöst, Ende der 1960er-Jahre hätten die Mitglieder ZERO für beendet erklärt. „Es ist die letzte weltumspannende Kunstrichtung des 20. Jahrhunderts gewesen“, so Bernd Caspar Dietrichs Einschätzung.

Erfahrungen verarbeitet

Wie muss man sich das vorstellen, dieses neue Betrachten? Die Nägel, die Uecker in seiner Kunst verwendet habe, müsse man im Kontext seiner Lebensgeschichte sehen, so Bernd Caspar Dietrich. „Er hat damals ein Zimmer vernagelt, um seine Schwester vor den Russen zu beschützen.“ Otto Piene sei Flakhelfer gewesen und habe 1972 unter dem Titel „More Sky“ Lichtinstallationen und Feuerbilder für die Schlussfeier der Olympischen Spiele in München geschaffen, darunter den „Olympia-Regenbogen“, einen 72 Meter langen Regenbogen. „Sie haben ihre Erfahrungen in konkrete Bilder umgesetzt und so die Verarbeitung mit den Geschehnissen begonnen: Wir lassen das hinter uns, arbeiten das auf und gehen in eine neue Richtung“, so Bernd Caspar Dietrich, der selbst am Freitag „rotierende Sandarbeiten“ zeigt.

„Man kann scheitern, aber muss Spaß dabei haben.“

Der 61-Jährige lebt und arbeitet nach der Maxime: „Man kann scheitern, aber muss Spaß dabei haben. Das gehört einfach dazu.“ Nach Digitalisierung und Wiedervereinigung sei der Gedanke hinter ZERO von anderen Künstlern als ZERO 2.0 weiterentwickelt worden in Richtung Kybernetik. Bernd Caspar Dietrich zeigt als Beispiel ein Werk von Ludwig Wilding, das man schwer erklären, aber im Video zeigen kann:

Neue Materialien stünden den heutigen ZERO-Künstlern zur Verfügung, sagt Bernd Caspar Dietrich - im Gegensatz zu den ersten ZERO-Vertretern, die mit einfacherem Material auskommen mussten. ZERO-2.0-Kunst zwingt den Betrachter fast schon zum Perspektivwechsel. Einen solchen erleben die Besucher auch, wenn sie in den ehemaligen Kälberstall eintreten, in dem am Freitag viele Werke internationaler Künstler ausgestellt werden, von denen einige ebenfalls erwartet werden.

Bernd Caspar Dietrich (vorne rechts) und Robbert de Goede, dessen Werke am Freitag in Gahlen gezeigt werden.

Bernd Caspar Dietrich (vorne rechts) und Robbert de Goede, dessen Werke am Freitag in Gahlen gezeigt werden. © privat

Wie man an so viele Originale bekannter Künstler kommt, um sie in so einem Rahmen präsentieren zu können? „Bernd hat immer viel Freude am Erschaffen von Kunst gehabt, aber auch an Kunstwerken von Kollegen“, sagt seine Frau Hella Sinnhuber. Er habe viel für andere Künstler getan, aber auch Sammler beraten. Man wolle die Werke „ziemlich durcheinander“ hängen und stellen, sagt Dietrich, aber man werde den Unterschied zwischen Alt und Neu deutlich erkennen können. „Ein Kunsthistoriker würde anders damit umgehen“, sagt Hella Sinnhuber. Für den „Herkules“ von Markus Lüpertz (das große Modell steht auf einem ehemaligen Förderturm der früheren Zeche Nordstern im Nordsternpark in Gelsenkirchen) hat Dietrich schon eine Ecke des ehemaligen Stalls als passenden Platz reserviert.

Der "Herkules" von Markus Lüpertz. "Wir bekommen alle sechs großen Skulpturen von ihm", freute sich Bernd Caspar Dietrich schon vor der Ausstellung am Freitag.

Der "Herkules" von Markus Lüpertz. "Wir bekommen alle sechs großen Skulpturen von ihm", freute sich Bernd Caspar Dietrich schon vor der Ausstellung am Freitag. © Berthold Fehmer

Für den Stall, der mal 120 Kälbern ein Dach über dem Kopf geboten ha und zunächst entrümpelt und mit einer Beleuchtungsanlage versehen werden musste, haben die Galerien Kellermann aus Düsseldorf und Franzis Engel aus Amsterdam zum größten Teil Originale zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung, zu der viele geladene Gäste erwartet werden, stehe aber auch Menschen offen, „die wirklich Freude haben und neugierig sind“, so Hella Sinnhuber: „Künstler treffen auf Neugierige, Sammler und Kunstversierte.“

Einführungen sind um 12.59 und 18.59 Uhr geplant, Gespräche mit den Künstlern um 14.59 und 20.59 Uhr. Für Musik sorgen „Holger Teuber & Friends“.
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