Schalke gegen Augsburg – das erste Geister-Heimspiel für Königsblau. Die Ruhr Nachrichten waren in der Veltins-Arena vor Ort. Ein Erlebnisbericht zwischen Fieber-Messung und Schüttelfrost.

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 25.05.2020, 16:59 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als die Akkreditierungs-Zusage aus Schalke kommt mit der Ansage, vor der Einfahrt in die Veltins-Arena würde bei den Journalisten den DFL-Auflagen entsprechend eine Fieber-Messung vorgenommen, mangelt es nur kurze Zeit später nicht an guten Ratschlägen der Kollegen: „Am besten bei der Anfahrt alle Fenster im Auto aufmachen und die Klimaanlage volle Pulle einschalten. Dann kann da gar nichts schiefgehen...“

Bei 14 Grad Außentemperatur am Sonntag mittag kommen dem Berichterstatter dann doch leise Zweifel, ob die werten Kollegen es wirklich gut mit einem und vor allem mit dem deutschen Fußball meinen. Den will man ja nicht durch eine warum auch immer überhöhte Körpertemperatur zu Fall bringen. Hässliche Schlagzeilen gäbe das...

Mit 36,8 Grad in die Arena

Also: Fenster zu, Klimaanlage aus, das lässt sich alles aushalten. Die Anfahrt ist schließlich kurz zum ersten Schalker Geisterspiel – von Gelsenkirchen-Buer sind es ohnehin nur ein paar Auto-Minuten, die durch die komplett freien Zufahrtswege nun noch weniger werden.

Nach dem Passieren erster Kontroll-Stationen an der Arena gibt es dann gleich die erste gute Nachricht. 36,8 Grad hat der Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz mit dem Pieks ins linke Ohr seines nervösen „Patienten“ ermittelt. Das muss ein guter Wert sein, denn obwohl der DRK-Mann eine Schutzkleidung trägt wie ein Imker, lässt sich hinter seiner transparenten Plastik-Maske ein zufriedenes Lächeln vermuten.

Schalke spielt, Stadion ist leer

Fieber-Messung bestanden, Schutzmaske längst auf, alle Formulare ordnungsgemäß ausgefüllt und abgegeben – das Arena-Ticket ist damit quasi gelöst. Der Presse-Parkplatz ist leer wie nie, direkt nach dem Aussteigen weist ein Ordner freundlich, aber mindestens genauso energisch auf die nun einzuschlagende Richtung zur Pressetribüne hin. Vom Sonderweg, den die Corona-Schutzmaßnahmen erfordern, darf keiner abweichen. Aber das will auch niemand.

Alles ist anders. In einer dreiviertel Stunde spielt Schalke, das Stadion ist leer. Die Parkplätze sind abgesperrt und autofreie Zonen. Stille in einem Stadion, in dem auch trotz der sowieso schon gewöhnungsbedürftigen Anstoßzeit sonntags um 13.30 Uhr das Leben zwischen Bier- und Würstchenständen pulsiert hätte. Neben den Mannschaften, Schiedsrichtern, Trainer-Stäben, Fernseh-Teams und einigen wenigen Vereins-Offiziellen sind von der DFL auch zehn Journalisten zugelassen. Die auf Schalke ohnehin recht üppig bemessene Pressetribüne wirkt nun beinahe gigantisch groß. Und verlassen.

Keine Fans aus Pappe

Der Blick ins weite Rund bestätigt das klamme Gefühl vom Hinweg. Der Schalker Vorstand hat auf das Aufstellen von „Papp-Kameraden“, die eine wie auch immer geartete Atmosphäre erzeugen sollen, verzichtet. Eine gute Entscheidung. Schließlich sind Schalkes Fans nicht von Pappe, und anstatt auf die blaue Arena-Bestuhlung nun auf emotionslose Papp-Figuren zu schauen, würde den Blick nicht weniger deprimierend machen.

Zumindest die Stadion-Regie bemüht sich um das Inszenieren von etwas Normalität. Ca. 15 Minuten vor Spielbeginn, die Mannschaften haben ihr schüchternes Aufwärmprogramm beendet und machen sich in den Kabinen bereit für den Anpfiff, schlägt über den Arena-Lautsprecher die Stunde der Hit-Giganten: Aber selbst das bei jedem Heimspiel voller Inbrunst geschmetterte Steiger-Lied und die so herrlich optimistische schönste Vereins-Hymne der Welt („Blau und Weiß, wie lieb ich Dich“) verlieren nur vom Band kommend ein wenig an Faszination, wenn niemand da ist, der mitsingen könnte.

Dabei käme es jetzt auf jede einzelne Stimme an.

So ein Geisterspiel ist schließlich keine Einbahnstraße. Das dämmert so langsam auch den Journalisten, die natürlich eine gewisse Vorfreude darauf haben, dass jetzt jedes Wort, das unten auf dem Platz oder der Trainerbank gesprochen, gerufen oder gar geschrien wird, gut zu verstehen sein wird.

Nur nicht laut telefonieren...

Aber das gilt ja auch umgekehrt. Bei den Telefonaten mit den Redaktionen daheim empfiehlt es sich also, Kritiken an einzelnen Spielern oder taktischen Varianten des Trainers möglichst dezent zu übermitteln – wer allzu laut lästert, ist unten möglicherweise gut zu verstehen und könnte den spontanen Einspruch eines Beteiligten provozieren. Die Vergabe der Noten sollte – das lehrt dann auch der Spielverlauf – am besten per schriftlicher Nachrichtenübermittlung erfolgen. Die Spieler müssen ja nicht sofort alles mitkriegen.

Geisterspiele in der Bundesliga. Der Fußball, so lautet eine Theorie, sei dadurch ehrlicher, weil Einflüsse von außen keine Rolle spielen würden. Ungeschminkter sozusagen. Wie im Amateurfußball halt. Oder auch bei vielen Jugendspielen. Oder wie in der eigenen Hobby-Truppe. Da ist man ja ohnehin Geister-Experte. Aber der Rahmen ist ein anderer, die Stadien bzw. Hallen sind kleiner. In so einer Arena wirkt die ganze Szenerie, die ja auf die Anwesenheit von zigtausenden Zuschauern basiert, unwirklich. Gespenstisch halt.

Klassisches Fußballer-Vokabular

„Drauf, drauf“, „Kommt, Männer, kommt“, „Weiter, weiter“ – was sich beide Mannschafte im Laufe des Spiels so zurufen, ist klassisches Fußballer-Vokabular. Beruhigend für diejenigen, die fürchten, der Fußball würde zur Wissenschaft mutieren.

Täuscht der Eindruck, oder sind die Augsburger irgendwie lauter?

Zumindest sind sie an diesem tristen Fußball-Sonntagmittag erfolgreicher. Schalke verliert mit 0:3, einer schwachen ersten Halbzeit folgt eine noch schwächere zweite Hälfte – daran ändert nicht mal die große Geste des Autors dieser Zeilen etwas, der den von Schalke geforderten Wechsel der Mund-Nasen-Maske zur zweiten Halbzeit farblich von Weiß auf Blau-Weiß vollzogen hat. Etwas Lokalpatriotismus wird in diesen Zeiten doch wohl erlaubt sein...

Blau-Weiße Maske hilft nicht

Aber auch diese Motivationsspritze läuft genau so ins Leere wie alle Schalker Angriffsbemühungen. Alles ist anders bei so einem Geisterspiel, aber irgendwie alles auch wie sonst: Denn auch ohne Live-Publikum wirkt Schalke wie schon fast in der gesamten Rückrunde seltsam statisch, einfallslos, irgendwie bemüht zwar, aber auch genau so hilflos.

Daran hat sich also nichts geändert.

Die Pressekonferenz nach dem Spiel findet wie so vieles in diesen seltsamen Zeiten nur virtuell statt. Fragen werden der Schalker Presse-Abteilung per WhatsApp eingereicht, Trainer David Wagner antwortet auf jede einzelne und schildert seine Sicht der Dinge. Auch ohne ihm wie sonst persönlich gegenüber zu sitzen, ist eine gewisse Ratlosigkeit bei ihm zu erkennen.

0:3 - der Spuk ist vorbei

Der Geister-Nachmittag in der Arena ist zu Ende, zumindest für diesen Spieltag ist der Spuk vorbei. Es gilt Obacht zu geben bei der Wahl der Worte im nun fälligen Bericht zum Spiel. Das Pulver des versammelten Corona-Spotts wie „Lockerungen in NRW: Schalke macht die Tore wieder auf“ oder „Vorbildlich: Schalke hält Abstand – sogar während des Spiels“ oder „Schalke blamiert sich: Aber wenigstens pfeift keiner“) ist ja schon nach der 0:4-Pleite im Derby verschossen worden. Neue Kreativität ist also gefragt.

Wie wäre es also mit der Rückkehr zur Sachlichkeit? Denn letztlich zwingt die Gesamtlage dazu, das Atmosphärische auszublenden und sich auf das zu konzentrieren, um das es eigentlich geht: Um den Fußball. Und da verursachte Schalke auch im ersten Geister-Heimspiel eher Schüttelfrost.

Man darf gespannt sein auf die nächste Fieber-Messung.

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