Trainer Baum auf der Palme, Sportvorstand Schneider außer sich: Gerade im finsteren Tabellenkeller ist es völlig legitim, sich gegen fragwürdige Entscheidungen zur Wehr zu setzen.

Gelsenkirchen

, 09.11.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Jochen Schneider sah so aus, als hätte er am liebsten ins Sky-Mikrofon gebissen. „Es reicht jetzt“, zischte Schalkes Sportvorstand nach dem 2:2 in Mainz und legte sofort nach: „Wir fühlen uns schlecht behandelt!“ Ein paar Minuten später versuchte Manuel Baum gar nicht erst, seine schlechte Laune zu überspielen. Als „ungeheuerlich“ empfand Schalkes Trainer im Keller-Duell den zweiten Elfmeterpfiff gegen Schalke.

Zur Wehr gesetzt

Von Schalkes Fußballern wird verlangt - und in Mainz hat die Mannschaft es auf der Basis ihrer Fähigkeiten getan - dass sie sich auf dem Platz zur Wehr setzt. Diese Bereitschaft ist eine im Abstiegskampf, und im Prinzip sind die Königsblauen schon mittendrin, unerlässliche Tugend, quasi eine Grundvoraussetzung. Außerhalb des Platzes haben die anderen Schalker Verantwortlichen dazu genau das gleiche Recht, das im finsteren Tabellenkeller sogar zur Pflicht wird. Es gilt, sich zur Wehr zu setzen, wenn es angebracht ist. Und am Samstag war es durchaus angebracht.

Um eines vorauszuschicken, und Manuel Baum hat das ja auch sofort klargestellt: Es soll dabei nicht darum gehen, den Schalker Profis für ihre nach wie vor miserable Lage irgendein Alibi zu liefern und am Ende gar in eine „Opferrolle“ zu drängen. Da gehört Schalke nicht rein. Wer in acht Pflichtspielen (inklusive des Pokalspiels) sieben Elfmeter gegen sich bekommt, ist in der Defensive eher schlecht sortiert oder zu langsam oder zu ungeschickt als ein Fall für den öffentlichen Kummerkasten.

Zweifelhafter Ablauf

Wenn aber so seltsame Dinge wie in Mainz passieren, müssen die auch angesprochen werden - und nichts anderes haben Schneider und Baum getan. Es gilt, sich nicht alles gefallen zu lassen, und das darf durchaus auch als Signal für die Mannschaft dienen, die bislang mehr oder weniger teilnahmslos durch die Liga und Richtung Tabellenende zu taumeln schien. War Elfmeter Nummer eins in der Abfolge noch nachvollziehbar (zu ungestümes Einsteigen von Nastasic, dann Intervention aus dem Kölner Keller und Elfmeter-Entscheidung nach Video-Studium von Schiedsrichter Patrick Ittrich), war der komplette Hergang des zweiten Elfmeters doch reichlich zweifelhaft.

Denn der ganze Vorgang dokumentierte, dass längst nicht glasklar ist, was eigentlich glasklar ist. Nur bei krassen oder glasklaren Fehlentscheidungen soll der Kölner Keller eingreifen. Aber die Grauzone bei Zweikämpfen ist - anders als bei Abseits- oder Tor-Entscheidungen - halt auch bei genauem Hinsehen nicht zu leugnen. Wenn der zunächst ausgebliebene Elfmeterpfiff beim ersten Strafstoß eine glasklare Fehlentscheidung war, warum war der Pfiff beim zweiten dann keine? Denn schon beim ersten Hinsehen im realen Tempo war aufgefallen, dass der Arm des Mainzer Stürmers Mateta zuerst im Gesicht von Kabak landete, bevor dieser seinen Arm ausfuhr. Hätte also der Kölner Keller da nicht eingreifen müssen? Die Szene wurde offenbar nur in einem kurzen Zwiegespräch zwischen Ittrich und dem Video-Assistenten erörtert, vom Schiedsrichter aber danach nicht noch einmal am Bildschirm überprüft. Weil sie offenbar nicht als glasklare Fehlentscheidung eingestuft wurde.

Keine pauschale Kritik

Das verstehe, wer will. Baum und Schneider verstanden es nicht und regten sich - glasklar und unmissverständlich - darüber auf. Dass es ihnen um die Sache und nicht um eine pauschale Schiedsrichter-Kritik ging, machten sie deutlich, als sie die Aberkennung des Kabak-Tors wegen Handspiels (wie Elfer Nummer eins nach Video-Überprüfung) als regelkonform bezeichneten - wenn auch zähneknirschend. Und über den möglichen, nicht gegebenen Elfmeter nach sekundenlangen Trikotziehen gegen Paciencia wurde gar nicht groß gesprochen. Zum Thema des Tages hätte es gepasst.

Kratzen, spucken, beißen: Nicht wörtlich nehmen - aber in der Fußballer-Sprache sind das die Eigenschaften, ohne die im Abstiegskampf kein Blumentopf zu gewinnen ist. Im übertragenen Sinne hat sich am Samstag in Mainz auch die Mannschaft hinter der Schalker Mannschaft so kämpferisch gezeigt. Schweigen wäre diesmal eben nicht Gold gewesen, weil ganz einfach zuviel Blech gepfiffen wurde. Und darüber darf man sich auch mal aufregen. Wahrscheinlich muss man es sogar.

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