Schalke live - Zum ersten Mal im Stadion

Mein S04-Moment des Jahres

Ein Spiel des FC Schalke 04 live in der Veltins Arena. Das muss jeder Mal erlebt haben. Meinem Neffen wollte ich das in dieser Saison im Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach ermöglichen. Doch die fünf Niederlagen zu Saisonbeginn ließen mich zweifeln, ob das Spiel die richtige Wahl gewesen war. Am Ende kam aber alles anders.

GELSENKIRCHEN

28.12.2016, 07:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Schalke live - Zum ersten Mal im Stadion

Bilder der Bundesliga-Partie zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Mönchengladbach.

Eins vorweg: Journalisten, und das gilt auch für Sportjournalisten, haben gefälligst neutral zu sein – nichts ist schlimmer, als wenn man einem Text auf den ersten Blick anliest, dass der Schreiber die blau-weiße, rot-weiße oder schwarz-gelbe Brille auf hat. Den Grundsatz halte ich in Ehren, und wenn ich auf der Pressetribüne sitze und über Schalke schreibe, nenne ich gut, was gut ist und schlecht, was schlecht ist – ohne blau-weiße Brille.

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Ab und an zieht es mich aber auch ins Stadion, wenn ich frei habe. So wie an diesem besonderen Tag Anfang Oktober. Meine Begleitung an diesem Tag war mein siebenjähriger Paten-Neffen, der in fußballerisch unscharfen Verhältnissen aufwächst. Seine Mutter (meine Schwester) hält als gebürtige Gelsenkirchenerin für Schalke, das Herz meines aus Bochum stammenden Schwagers dagegen schlägt für den VfL. Dagegen ist grundsätzlich nichts zu sagen: Die Vereinsfarben stimmen, und die Bratwurst in dem niedlichen Stadion schmeckt auch ganz passabel.

Das echte Erlebnis

Noch komplizierter wird die Lage durch den Wohnort. Schwager, Schwester und Neffe wohnen in Schwerte, im schwarz-gelben Speckgürtel also – zusätzlich gibt es unter seinen Freunden in Schule und Fußballverein auch ein paar wenige verirrte Bayern-München-Fans. Was also tun? Von Schalke erzählen kann man viel, gegen das echte Live-Erlebnis bleibt aber jeder Erzählung blass. Es wurden also Karten besorgt, Sitzplätze natürlich, und die Wahl fiel auf das Spiel gegen Borussia Mönchengladbach.

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Eine gute Wahl, dachte ich zu Beginn der Saison. Eine furchtbare Wahl, dachte ich kurz vor dem Spiel: Schalke hatte die ersten fünf Partien verloren, stand auf dem letzten Tabellenplatz – was, wenn sie das Spiel gegen Gladbach auch verlieren? Was, wenn es demütigend wird? Wütende Fans, ratlose Spieler, Pfiffe, Chaos – sollte das der erste Eindruck von Schalke sein? Bekanntlich kam alles ganz anders.

Wie entfesselt

Schalke spielte wie entfesselt, das Publikum trieb die Mannschaft voran, die revanchierte sich mit vier Toren in der zweiten Halbzeit, die auch noch alle auf der Nordkurvenseite fielen, auf der wir saßen. Gute Laune allenthalben, und der Neffe wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte: Auf den Platz („Da ist der Fährmann!“ „Da ist der Höwedes!“ „Da ist der Kramer, den kenn‘ ich von der WM!“) oder in Richtung Nordkurve, wo an diesem Tag alles geboten wurde, was die Nordkurve an fröhlichem Lärm und blau-weißer Prachtentfaltung zu bieten imstande ist.

Für Schalke war es der Moment, in dem die bislang katastrophale Saison quasi neu gestartet wurde; danach folgte eine Serie von zwölf Pflichtspielen ohne Niederlage, die erst im Dezember in Leipzig endete. Der Neffe war tief beeindruckt – als dann auch noch nach dem Spiel bei Oma daheim der Pizzaofen angeworfen wurde, war der Tag perfekt.

Blau-weißes Pflänzchen

Zum glühenden Schalke-Fan ist er seitdem nicht geworden – das war auch nicht zu erwarten, und wenn er von seinem Vater die VfL-Vorliebe erbt und sich in Zukunft die Heidenheims und Sandhausens dieser Welt anschaut, ist das auch in Ordnung. Aber ich stelle mir gern vor, dass in Schwerte jetzt ein kleines blau-weißes Pflänzchen blüht. Vielleicht wächst es ja.