Sportlich gab es beim 1:1 gegen Leverkusen zwar wieder ein Lebenszeichen, aber abseits des Rasens lassen die Königsblauen derzeit kein Fettnäpfchen aus - Sympathieverluste sind garantiert.

Gelsenkirchen

, 15.06.2020, 07:04 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Sketch ist legendär und kommt fast ohne Worte aus, weil er für sich spricht: Nachdem Loriot im Gewand des seriösen Herrn im mittleren Alter ein stilvoll eingerichtetes Wohnzimmer durch das verzweifelte und tölpelhafte Verrücken und Zerstören des Mobiliars komplett zerlegt hat, schleicht er sich aus dem Haus mit dem hilfreichen Hinweis: „Das Bild hängt schief...“

Gemessen an dem Anspruch, den der FC Schalke 04 an sich selbst hat, ließe sich dieser Satz auch auf die Königsblauen übertragen. Die haben sich selbst, der eigenen stolzen Tradition entsprechend, zum „Kumpel- und Malocher-Klub“ ernannt, in dem Werte wie Solidarität und Volksnähe tatsächlich noch gelebt und nicht nur Marketing-Instrument sein sollen. Doch dieses Bild stimmt nicht mehr. Es hängt schief.

Image nur noch Karikatur

Schalkes Chefetage lässt spätestens seit Beginn der Corona-Krise kein Fettnäpfchen aus, das das Image vom „Kumpel- und Malocher-Klub“ nur noch zu einer Karikatur werden lässt. Beispiele gefällig? Der Härtefall-Antrag, mit dem Dauerkarten-Besitzer offenlegen sollten, warum sie Geld zurückerstattet haben wollen; die Streichung von Übungsleiter-Pauschalen in den einzelnen Abteilungen (60,- Euro pro Monat für ehrenamtliche Kräfte); die Kündigung von 24 Mitarbeitern im Fahrdienst der Jugend-Akadamie, darunter Rentner und Schwerbehinderte.

Jede einzelne dieser Entscheidungen mag ihre aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbaren Gründe haben. Und natürlich darf gerade in Zeiten, in denen es parallel dazu auch sportlich nicht läuft, jeder gern mit dem Finger auf Schalke zeigen und wird dann kaum Widerspruch ernten, weil Kritik - ob berechtigt oder unberechtigt, ob differenziert oder nicht, dann einfach ins Gesamtbild passt. Aber die Schalker Bosse machen es denjenigen, die den Klub gern beschimpfen oder Häme über ihn ausgießen, derzeit auch verdammt leicht.

Verlust der Basis droht

Denn wenn der FC Schalke 04 wirklich ein ganz besonderer Verein sein will, dürfen solche Entscheidungen ihren Ursprung nicht nur in der wirtschaftlichen Betrachtungsweise haben - und falls sie unumgänglich sind, müssen sie besser kommuniziert werden, was im Moment vielleicht sogar eine der größten Schalker Schwachstellen ist. Wie sich Schalke derzeit auch abseits des Rasens präsentiert, macht viele Fans, viele Mitglieder, viele Freunde des Klubs ganz einfach nur noch traurig, bestenfalls sprachlos. Den Verlust der Basis, die sich nun möglicherweise auch noch mit dem lange ausgeschlossenen Thema Ausgliederung der Profi-Abteilung beschäftigen muss, kann sich aber kein Verein leisten. Schalke schon gar nicht.

Sympathieverluste sind schon jetzt garantiert. Schalke steht derzeit nicht für einen „Kumpel- und Malocher-Klub“, da fällt Identifikation schwer. Zumal die Chefetage Themen nicht selbst vorgibt, sondern sich treiben lässt und immer nur auf das reagiert, was gerade publik geworden ist. So schafft man kein Vertrauen. Ob der nun oft geforderte „starke Mann“ das korrigieren könnte, sei mal dahingestellt. Als „starke Männer“ geholte Profis wie beispielsweise Felix Magath und Christian Heidel mussten früher oder später auch erkennen, dass der Verein immer größer ist als einzelne Personen.


Empathischer sein, nicht wirken

Es geht nicht um Personen, es geht darum, die Vereinsfamilie wieder mitzunehmen auf die Reise, bei der Schalke - wohin auch immer sie gehen soll - nur gemeinsam ans Ziel kommen kann. Sportvorstand Jochen Schneider hat es wahrscheinlich ganz anders gemeint, aber vielleicht war es sogar ein bezeichnender Versprecher. Schalke, so Schneider, müssen „wieder empathischer wirken“. Falsch: Schalke muss nicht empathischer wirken, sondern empathischer sein. Wer nur so „wirken“ will, wird schnell entlarvt. Und wird immer mehr Zeit benötigen, um ein schiefes Bild wieder gerade zu hängen.

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