Interview mit Ahmed Kutucu, dem einzigen gebürtigen Gelsenkirchener im S04-Kader. Der 20-Jährige über ungewöhnliche Wochen und seine Bereitschaft zu weiteren finanziellen Opfern.

von Frank Leszinski

Gelsenkirchen

, 14.05.2020, 17:06 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Donnerstag vergangener Woche fand wieder das erste richtige Mannschaftstraining mit Zweikämpfen und Körperkontakt statt. Wie hat sich das für Sie angefühlt?

Etwas komisch war es schon, dass wir endlich nach so vielen Wochen gemeinsam auf dem Platz standen. Ich war sehr glücklich, dass das Training wieder in normalen Bahnen verlief. Und gerade die erste Trainingseinheit hat mir sehr viel Spaß gemacht.





Vorangegangen waren zwei Monate, die man ohne klares Ziel trainieren musste. Wie schafft man das?

Das war schon etwas schwierig, das ist keine Frage. Wir sind einen Wochenrhythmus gewöhnt, aus dem man nun völlig herausgerissen war.. Immerhin war ich regelmäßig an der frischen Luft und habe mein Einzeltraining durchgezogen. Aber ich will nicht klagen, auch in allen anderen Berufen müssen die Menschen sich auf die veränderten Bedingungen einstellen.


„Das muss man wegstecken“



Wie lange hätten Sie diese Phase noch ohne Schäden durchgestanden?

(lacht) Das muss man als Profi wegstecken. Aber ich gebe zu, manchmal war es nicht einfach, weil ich gerne Fußballer bin.




Wie groß war ihre Erleichterung, als das Einzel- bzw. Kleingruppentraining vorbei war?

Ich habe aufgeatmet. Es war ja schwer abzuschätzen, wie stark sich das Virus ausbreitet.




Reichen denn knapp zehn Tage aus, um wieder in Bundesligaform zu kommen?

Schwierig zu sagen. Fitnessmäßig wird es keine Probleme geben. Alles andere wird man sehen.



„Die Mannschaft wird alles geben“


Auf welchem Niveau erwarten Sie die restlichen Spieltage?

Auch das wird man abwarten müssen. Aber seien Sie sicher: Da es für uns gleich mit einem Derby weitergeht, wird die Mannschaft am Samstag alles geben.






Sie sind gebürtiger Gelsenkirchener. Ist das am Samstag überhaupt noch ein richtiges Derby, wenn keine Zuschauer im Stadion sind?

Jein. Einerseits fehlen die Fans, die natürlich zu jedem Bundesligaspiel und gerade zu einem Derby gehören, wo Emotionen bis auf das Spielfeld von den Rängen transportiert werden. Andererseits heißt das Spiel Dortmund gegen Schalke. Also ist es ein Derby und ich freue mich darauf ebenso wie die Fans vor dem Fernseher.






Muss man sich als Spieler mental anders vorbereiten für die Geisterspiele?

Ich persönlich nicht. Natürlich wird es ungewohnt sein, in ein fast leeres Stadion einzulaufen. Aber ich bereite mich ansonsten genauso vor wie sonst auch.






Ist es für Schalke ein Vorteil, dass ohne Zuschauer gespielt werden muss?

Nein. Das spielt keine Rolle. Es geht darum, mit den ungewohnten Bedingungen klar zu kommen und sein Spiel durchzuziehen. Wem das besser gelingt, wird als Sieger vom Platz gehen.






Wie ist die Stimmung in den Trainingseinheiten gewesen, die ja auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden?

Wir sind guter Dinge, auch wenn es ungewohnt ist, gerade in einer Derbywoche ohne Fans zu trainieren.



„Ich habe keine Angst“


Einige Bundesligaspieler haben Ängste formuliert, ob es richtig ist, jetzt wieder zu spielen. Können Sie das nachvollziehen?

Das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass ich keine Angst habe.






Hertha-Spieler Salomon Kalou hat mit seinem Video viele Vorurteile bestätigt, was den Profifußball betrifft. Ist so ein Verhalten in der Schalker Kabine auch denkbar?

Nein, das schließe ich bei uns aus. Wir wissen alle, um was es geht und wie wir uns verhalten müssen.




Wie gehen Sie mit der Auflage um, dass nach einem Tor der Jubel auf ein Mindestmaß zu beschränken ist?

Das wird in der Tat schwierig. Da muss sich jeder Spieler am Riemen reißen. Instinktiv willst du einen Mitspieler beglückwünschen, wenn ihm ein Tor gelingt.




„Derby ist Derby“


Gehen Sie davon aus, dass Schalke seine Spielweise wieder offensiver ausrichtet, weil sich die Personalsituation verbessert hat?

Das wird der Trainer entscheiden. Fakt ist: Mit unserer offensiven Spielweise waren wir in der Hinrunde sehr erfolgreich, ehe die Verletzungsmisere begann.





Von den letzten sieben Bundesligaspielen hat Schalke keines gewonnen. Spielt das eine Rolle, wenn das Derby angepfiffen wird?

Überhaupt nicht. Derby ist Derby, was vorher war, hat keine Bedeutung. Denken Sie an die vergangene Saison. Da sind wir als klarer Außenseiter nach Dortmund gefahren und haben 4:2 gewonnen.



Der BVB muss auf eine Reihe verletzter Stammspieler verzichten. Schalkes Personalsituation hat sich verbessert - ein Vorteil für Königsblau?

Auch das spielt keine Rolle. Jeder Spieler im Dortmunder Kader kann gut kicken.



Der Schalker Vorstand hat sehr offen über die schwierige finanzielle Situation des Vereins gesprochen. Hat es Sie überrascht, wie ernst die Lage ist?

Ein bisschen. Aber in solch einer schwierigen Situation kommt es jetzt nur darauf an, dass wir alle zusammenstehen. Deshalb wollte die Mannschaft dem Verein mit dem Verzicht auf Teile des Gehalts helfen. Das war das richtige Zeichen.


„Das wäre für mich keine Frage“

Wären Sie zu weiteren finanziellen Opfern bereit, wenn der Vorstand mit diesem Plan auf die Mannschaft zukommen würde.

Auf jeden Fall. Ich habe dem FC Schalke 04 so viel zu verdanken. Ich komme aus der Jugend und bin hier Profi geworden. Das wäre für mich gar keine Frage. Aber ich hoffe jetzt einfach, dass sich die Gesamtsituation verbessert, wir die Saison zu Ende spielen können und Platz sechs verteidigen.



Letzte Frage: Welches war Ihr bisher schönstes Derby?

Das war in meinem ersten A-Jugendjahr. Da haben wir 3:1 gegen Dortmund gewonnen und mir sind zwei Tore gelungen.

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