Clemens Tönnies hat Diskussionen über ein Thema angekündigt, von dem viele Schalker (noch) nichts wissen wollen. Dass die Basis „rebellisch“ sein kann, hat sie schon unter Beweis gestellt.

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 18.05.2020, 07:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Endlich hat mal jemand das ausgesprochen, worum die meisten Schalker Verantwortlichen einen großen Bogen machen: Clemens Tönnies, und das ehrt ihn, hat nach der Schalker Derby-Pleite eben nicht um den heißen Brei herumgeredet. Das Thema Ausgliederung, so Schalkes Aufsichtsrats-Chef auf „Sky“, werde demnächst mit den Mitgliedern diskutiert. Es sei, so Tönnies weiter, die Aufgabe der Schalker Führungsmannschaft, solche Diskussionen anzustoßen.

Der Anlass, warum Schalke dieses „heiße Eisen“ nun auch ganz offiziell anpackt, ist klar. Die Corona-Krise hat deutliche Schwächen im Schalker Finanzwesen offenbart. Keine Spiele, keine Einnahmen - kein Europapokal, weniger Einnahmen als erforderlich, bei trotz aller Einsparungen nach wie vor hoher Kosten. Ungewöhnlich offensiv sprach die Schalker Chefetage von einer „existenzbedrohenden“ Gefahrenlage. Mehr Schreckens-Vokabular geht nicht - offenbar sollten die Mitglieder auf diesem Weg schon auf das Ausgliederungs-Szenario vorbereitet werden.

Mehr finanzielle Stabilität

Die Ausgliederung der Fußball-Abteilung, so die Befürworter, würden den Profifußball auf Schalke unabhängiger davon machen, ob - etwas vereinfacht - ein Stürmer nun den Pfosten trifft oder ins Tor. Eine Krise wie die Corona-Zwangspause - obwohl die in dieser Form ja nun wirklich nicht vorherseh- und schon gar nicht planbar war - würde deutlich machen, dass ein Verein bzw. ein Unernehmen wie eine hochdotierte Profi-Fußballmannschaft wie die des FC Schalke 04 mehr finanzielle Stabilität brauchen würde.

Klingt plausibel, hat aber gerade auf Schalke einen Haken: Denn sowohl der Schalker Vorstand als auch der Aufsichtsrat tragen nun schon seit vielen Jahren wie eine Monstranz das Bekenntnis zum „eingetragenen Verein“ vor sich her. Eine Ausgliederung, wurden skeptische Mitglieder stets besänftigt, sei kein Thema. Es geht hier also auch um ein großes Stück Glaubwürdigkeit den Schalker Vereinsmitgliedern gegenüber, die befürchten, die Ausgliederung der Fußball-Abteilung sei der Bruch des letzten Tabus - der Verein würde damit quasi seine Tradition und seine Wurzeln aufgeben, weil durch die Ausgliederung externe Investoren die Oberhand gewinnen könnten.

Fingerspitzengefühl erforderlich

Nun ist die Ausgliederung der Fußball-Abteilung ja nicht automatisch gleichbedeutend mit dem Verramschen der Profi-Mannschaft an den berühmten reichen Scheich oder den großen Onkel aus Amerika, was ja oft als Schreckens-Szenario an die Wand der Fußball-Traditionalisten gemalt wird. Trotzdem dürfen die Bedenken der Ausgliederungs-Gegner nicht einfach so beiseite gewischt werden - Schalke wird verdammt gute Argumente und viel Fingerspitzengefühl brauchen, um die Ausgliederungs-Gegner von den Plänen zu überzeugen.

Letztlich werden die Mitglieder vor die Wahl gestellt werden: Wenn Ihr auch damit zufrieden seid, dass Schalke demnächst nur noch um die Plätze zehn bis zwölf mitspielen kann, dann brauchen wir keine Ausgliederung. Wenn ihr Spitzenfußball sehen wollt mit europäischen Ambitionen, dann haben wir auf Dauer keine Wahl. Es wird spannend sein, wie die Mitglieder auf diese Alternativen reagieren, welchen Preis sie dafür bereit sind zu zahlen.


Nun ist es ja nicht so, dass die oft noch wohltuend romantisch empfindende Schalker Vereinsfamilie Neuerungen prinzipiell argwöhnisch gegenübersteht und nicht bereit ist, auch zunächst Unbequemes zu akzeptieren. Als Gazprom 2006 Hauptsponsor wurde, war der Aufschrei zunächst groß - mittlerweile ist diese Aufregung der Normalität gewichen. Den Stadion-Namen „Arena AufSchalke“ wollten die Königsblauen eigentlich hüten wie ihren Augapfel - heute pilgern die Fans (wenn nicht gerade Corona-Zwangpause ist) wie selbstverständlich in die „Veltins-Arena“, auch weil es dem Verein mehrere Millionen Euro pro Jahr in die Kasse spült. Und die Eingliederung einer E-Sports-Abteilung auf Schalke durch Marketing-Vorstand Alexander Jobst sorgte zunächst für Kopfschütteln sogar bei Clemens Tönnies, „bis der Alex mir erklärt hat, dass man damit richtig Kohle machen kann“.

Deal mit „Viagogo“ gestoppt




Also: Die Schalker Vereinsmitglieder, deren Zustimmung der Verein für die Ausgliederung bräuchte, sind durchaus auch bereit für Veränderungen. Aber die Basis kann auch „rebellisch“ sein. Die geplante Zusammenarbeit mit der Ticketbörse „Viagogo“ musste der Verein im Jahr 2013 nach dem Protest auf der Mitgliederversammlung beenden. Auch wenn das ein ganz anderes Thema war: Aber ein Selbstläufer wird die Diskussion um eine Ausgliederung der Fußball-Abteilung nicht. Zumindest nicht auf Schalke. Und dass darüber gestritten wird, ist auch ganz gut so!

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