Manager Christian Heidel und Trainer Domenico Tedesco stehen in der Kritik. Der Zug nach Europa ist wohl abgefahren. Hoffnung macht nun vor allem der DFB-Pokal - wie in der Saison 2010/11.

von Norbert Neubaum

Gelsenkirchen

, 04.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Manchmal ist es von Vorteil, einen Chef-Diplomaten in den eigenen Reihen zu haben. Also antwortete Olaf Thon im „Doppelpass“ bei Sport1 auf die Frage, wer auf Schalke derzeit denn überhaupt die Hauptdarsteller seien, mit staatstragender Miene: „Die Protagonisten!“

Bei näherem Zuhören entpuppte sich diese Antwort der Schalker Legende natürlich als relativ sinnfrei, aber bei einem Medien-Profi wie Thon weiß man nie, ob das nicht vielleicht sogar pure Absicht war. Die Diskussion über nicht zu erkennende Schalker Führungs-Strukturen auf dem Platz und auch abseits des Rasen-Rechtecks war damit jedenfalls beendet.


In der Liga droht Trostlosigkeit

Die Lage ist schließlich auch so verworren genug und droht in die Trostlosigkeit abzurutschen – zumindest, was die Bundesliga betrifft, und die ist für viele Schalker Fans allen internationalen königsblauen Ambitionen zum Trotz noch immer das „tägliche Brot“ ihres Lieblings-Klubs.

Ausgerechnet in diesem für sie wichtigsten Wettbewerb droht Schalke eine „verlorene“ Saison. Das 0:2 gegen Mönchengladbach hat wohl auch den letzten Optimisten aus den Träumen von einer noch in die Europa League führenden Aufholjagd gerissen – auf Platz sechs sind es nun neun Punkte Rückstand, mit sieben Zählern Vorsprung auf den Relegationsplatz ist Schalke im letzten Tabellendrittel aber immerhin noch das sorgenfreieste Team.

Heidel steht unter Beobachtung

Vom Vize-Meister zum Keller-Meister – es wäre das zweite verlorene Jahr unter der Regie von Christian Heidel. Am Ende seiner ersten Saison als S04-Manager konnte er den von ihm geholten Trainer Markus Weinzierl noch salopp mit dem Verweis darauf beurlauben, dass es halt nicht gepasst habe und diese Personalie ein Irrtum gewesen sei. In seinem dritten Schalke-Jahr steht Heidel dagegen nun wesentlich mehr unter Beobachtung und in der Kritik.

Schließlich schien durch die vergangene Vizemeister-Saison alles angerichtet zu sein, um eine neue erfolgreiche Ära zu prägen. Trainer Domenico Tedesco hatte sein erstes Jahr im „Stahlbad“ Bundesliga überragend hinter sich gebracht und war nun kein „Greenhorn“ mehr. Und als Neuzugänge wurden fast ausnahmslos Spieler mit Bundesliga-Erfahrung verpflichtet.

Zwar hatte Schalke mit Leon Goretzka, Max Meyer und Thilo Kehrer wichtige Spieler verloren, die 37 Millionen Euro Ablöse für Kehrer gaben Schalke aber auch erneut großen finanziellen Spielraum – von dem Heidel schon nach dem 50-Millionen-Euro-Verkauf von Leroy Sané profitieren konnte.

Warum Matondo einschlagen muss

Das Argument, Schalke sei bei Transfers quasi zum Sparen verpflichtet, zieht also nicht – u. a. mit Suat Serdar, Sebastian Rudy und Omar Mascarell hat Heidel genügend Spieler im jeweils zweistelligen Millionen-Bereich verpflichtet, „gezündet“ hat noch keiner. Die besten Heidel-Transfers waren die günstigsten oder ablösefreien: Naldo, Daniel Caligiuri, Guido Burgstaller.

Wenn’s um die Kohle geht, schaut man im Ruhrgebiet natürlich ganz genau hin. Heidel kam mit dem Ruf aus Mainz, aus wenig viel gemacht zu haben. Auf Schalke gerät Schalkes Manager nun unter Beschuss, weil er aufpassen muss, nicht den umgekehrten Weg einzuschlagen.

Insofern kommt dem Kauf von Rabbi Matondo eine ganz besondere Bedeutung zu: Schafft auch der Waliser den Durchbruch nicht zeitnah, gehen Heidel so langsam die Argumente aus.

Nachfolge-Kandidaten im Gespräch

Denn Mitte 2020 läuft sein Vertrag aus. Eine Verlängerung ist keine Selbstverständlichkeit mehr, schon werden erste Nachfolger-Kandidaten wie Klaus Allofs, Jonas Boldt oder sogar Heidels Vorgänger Horst Heldt gehandelt.

Heidel ist zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig die Leichtigkeit abhanden gekommen, er hat sich angreifbar gemacht. Beinahe trotzig reagierte er auf den lauten Gedanken von Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies, dass ein Kaderplaner Schalke vielleicht gut zu Gesicht stehen würde.

Mannschaft gleicht einem Puzzle

Und Heidels Sichtweise, ohne die fünf Start-Niederlagen wäre die Saison doch gar nicht so übel, wird nicht nur im Aufsichtsrat kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen. Schließlich lassen sich die fünf Spiele ja nicht einfach so „streichen“, außerdem ist Schalke auch danach von einer fulminanten Aufholjagd weit entfernt.

Die schwache Hinrunde wirkt nach. In der hat Domenico Tedesco viel von seinem erworbenen Kredit verloren. Schalkes Mannschaft wirkte zu lange wie ein Puzzle, bei dem der Trainer die einzelnen Teile vor jedem Spiel wieder neu aus dem Karton schüttete, um sie dann zusammenzusetzen.

Als er in der Rückrunde drauf und dran schien, die „wilde“ Rotation zu beenden, brachen ihm in Berlin mit Benjamin Stambouli, Alessandro Schöpf und Steven Skrzybski drei Spieler verletzt weg. Dass Tedesco Publikumsliebling und Vorjahres-Souverän Naldo scheinbar ohne Not ausgebootet hat, nehmen ihm viele Fans übel.

Tedesco hat an Kredit verloren

Der Manager in der Kritik, der Trainer längst kein „Messias“ mehr, die Mannschaft maximal Mittelmaß – die Lage ist kompliziert. Aber nicht hoffnungslos: In die Saison 2010/11 war Schalke ebenfalls als Vize-Meister gestartet, stolperte durch die Bundesliga, hatte aber einen Höhenflug in der Champions League (Halbfinale) und gewann den DFB-Pokal. In beiden Wettbewerben ist Schalke nun auch noch vertreten.

2011 war der DFB-Pokalsieg Trost

2011 waren allerdings Spieler wie Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Raul, Klaas-Jan Huntelaar und Christoph Metzelder dabei. Echte Protagonisten halt. Oder Hauptdarsteller.

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