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Schalke spielt eine schlechte Hinrunde - und auch der in der Vorsaison noch so hochgelobte Trainer steht plötzlich in der Kritik. Im Interview nimmt Domenico Tedesco Stellung.

Benidorm

, 07.01.2019 / Lesedauer: 6 min

Warum wird Schalkes Rückrunde besser als die Hinrunde?

Man hat ja gesehen, dass wir bereits Dinge verändert haben. Nicht nur in der Mannschaft, wo es nach Abgängen voraussichtlich auch noch den einen oder anderen Neuzugang geben wird. Im Trainerteam gab es ebenfalls eine Veränderung. Dazu haben wir die Hinrunde sehr genau analysiert. Nicht nur, was auf dem Platz war, sondern auch außerhalb des Platzes – und nun nachjustiert. Das ist eine gute Basis, um jetzt den Reset-Knopf zu drücken.



Haben Sie denn schon den Grund gefunden, warum nach der guten letzten Saison diese Hinrunde folgte?

Es gibt nicht diesen einzelnen Grund – es sind eher viele Kleinigkeiten. Wir haben beispielsweise einige gute Spieler verloren. Erst, wenn ein Spieler weg ist, weiß man oft, wie wichtig er war.

Haben Sie die Auswirkungen des Abgangs von Leon Goretzka und Max Meyer unterschätzt?

Was heißt unterschätzt – wir hatten ja keine andere Wahl. Wir wussten ganz genau, welche Qualität wir verlieren. Dazu gab es ein paar Sachen, die uns innerhalb der Mannschaft nicht gefallen haben. Aber das sind interne Sachen.

Gab es im Sommer einen Moment, wo Sie das Gefühl hatten, dass die Saison nicht so gut werden könnte wie die letzte?

Wir hatten nicht die besten Vorbereitungsspiele, da gab es Partien, die zäh waren – bei Erzgebirge Aue beispielsweise. Auch in Phasen, in denen wir hochintensiv trainiert haben, hatten wir im Trainerteam manchmal den Eindruck, dass es in der vergangenen Saison ein bisschen spritziger, flüssiger, dynamischer war.

In dieser Saison wurde von Spiel zu Spiel sehr viel rotiert. Zum Teil hatte das Verletzungsgründe, zum Teil haben Sie aber auch bewusst immer wieder die Mannschaft verändert. Das hatte, nehme ich an, mit der Dreifachbelastung Bundesliga, Pokal und Champions League zu tun…

...auch, aber es ging auch um Leistungen. Das war ein Problem in der Vorrunde: Wir haben uns mehr Konstanz bei einzelnen Spielern gewünscht. Ein Spieler war bei der Partie am Samstag überragend, am Mittwoch musste er in der Halbzeit ausgewechselt werden. Immer, wenn wir glaubten, uns auf personelle Lösungen festlegen zu können, folgten Spiele, die einen nachdenklich machten. Wenn die Leistung in den Spielen nicht stimmt, dann muss man zwangsläufig auch mal wieder wechseln. Auch beim Thema Belastung: Wir haben es einmal bewusst nicht gemacht, bei Mark Uth: Der hatte gegen Hannover und gegen Istanbul getroffen, und deshalb lief er auch in Frankfurt auf. Dort holt er sich einen Muskelbündelriss. Ob es daran lag, weiß niemand, aber das Gegenteil eben auch nicht. Ich bleibe dabei: Mannschaften, die in der Champions League vertreten sind, müssen bisweilen rotieren. Ich würde am liebsten immer mit der gleichen Elf spielen, aber aus verschiedenen Gründen geht das eben nicht.

Daher konnte sich in dieser Saison aber auch keine Achse, kein Gerüst entwickeln.

Na klar. Das wissen wir auch, und wir hätten diese Achse gern gehabt, aber wir haben sie nicht gefunden. Hätten Sie eine gesehen?

Nein. Was aber auch auffällt, ist, dass in der Mannschaft Spieler fehlen, die auch mal laut werden, wenn es nicht läuft.

Max Meyer zum Beispiel war extrem in der Richtung. Aber wir haben diese Typen schon: Benjamin Stambouli, Ralf Fährmann auch. Guido Burgstaller, der leider gerade verletzt ist, ist auch jemand, der schon einmal eine Ansage macht.

Benjamin Stambouli ist jemand, mit dem Sie sich während des Spiels auch schon einmal an der Außenlinie besprechen, um etwa taktische Anweisungen zu geben. Sie haben in der Hinrunde öfter das System gewechselt, manchmal sogar mehrfach innerhalb eines Spiels. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie die Spieler überfordern?

Nein, überhaupt nicht. Wir machen nichts im Spiel, was wir nicht im Training besprechen und trainieren. Wenn wir die Spiele gewonnen hätten, hieße es: „Es ist ja Wahnsinn, wie flexibel die taktisch sind!“ Jetzt heißt es eben, dass wir die Spieler überfordern. Im Grunde haben wir mit Dreierkette ein System und in der Viererkette zwei Systeme. Teilweise sind sie sich auch sehr ähnlich, was die Abläufe angeht, wir trainieren sie auch regelmäßig. Aus meiner Sicht ist das keine Überforderung, Wir holen uns aber auch immer wieder das Feedback der Spieler, und die sagen auch, dass die Systeme passen.

Hat Hamza Mendyl die Position verstanden, die er im Derby spielen sollte? Er kam in der 36. Minute für den verletzten Guido Burgstaller und sollte ihn im Sturm ersetzen – obwohl er eigentlich Außenverteidiger ist.

Genau auf der Position ist er eine Woche zuvor in Hoffenheim eingewechselt worden. Dort hätte er fast noch das 2:1 erzielt. Die Idee dahinter war, dass wir vorne einen sehr schnellen Spieler haben wollten. Und es war ja auch den vielen Verletzungen in der Offensive geschuldet. Cedric Teuchert saß zwar wieder auf der Bank, hatte jedoch eine sechswöchige Verletzungspause hinter sich und hatte gerade drei Mal trainiert. Hätte Guido in der 60. oder 70. Minute raus gemusst, hätten wir sicherlich nicht Hamza, sondern ihn gebracht. Aber so früh war eine Einwechslung von Cedric nicht möglich.

Eine Sache, die die Fans bewegt, ist der Abschied von Naldo. Der kam auch für Sie überraschend…

...sehr überraschend!

Gerade Naldo war jemand, der in der Kabine auch schon einmal den Mund aufgemacht hat. Wie kann man den ersetzen?

Wenn ein Spieler weggeht, entwickelt sich eine neue Gruppendynamik, weil die Hierarchie sich verändert. Andere Spieler können Verantwortung übernehmen, können in der Hierarchie aufsteigen. Das ist aber ein Prozess, das muss sich entwickeln.

Domenico Tedesco: „Ich will niemanden, der mir Honig ums Maul schmiert“

Ex-Schalker Naldo: Sein Abschied überraschte auch den Trainer. © imago

Naldo ist weg – drei andere Spieler sind gar nicht erst im Trainingslager, bei Johannes Geis, Franco Di Santo und Abdul Rahman Baba stehen die Zeichen auf Abschied. Vor allem Geis und Di Santo sind Spieler, die mit vielen Vorschusslorbeeren zu Schalke gekommen sind. Warum ist es nicht gelungen, sie erfolgreich zu integrieren?

Sehe ich bei Franco im vergangenen Jahr anders: da hat er 34 Spiele für uns gemacht. Das Problem ist, dass er in dieser Saison nie so richtig in Fahrt gekommen ist. Wir brauchen jetzt einen kleinen, kompakten Kader, auf den wir uns fokussieren. Wir haben einige Gespräche mit allen drei Spielern geführt – das bin ich ihnen auch schuldig. Wir müssen jetzt aber auch zusehen, dass wir noch enger zusammenrücken und den Kader so aufstellen, dass wir die Energie dort hineinbringen, wo wir sie auch wieder zurückbekommen. Bei Johannes Geis habe ich schon vor der vergangenen Saison gesagt, dass es für ihn nicht einfach wird. Und auch vor dieser Saison wieder. Transparenter und ehrlicher geht es nicht.

Für Sie war das vergangene Jahr eine Achterbahnfahrt. Nach der Vizemeisterschaft waren Sie gefühlt der Trainer des Jahrhunderts – in dieser Saison blieben Sie relativ lange von der Kritik verschont, gerieten gegen Ende aber auch in die Schusslinie. Was macht das mit einem?

Ich bekomm es natürlich mit. Das ist ja auch für mich eine neue Situation, aber ich will mich auf die Mannschaft fokussieren. Symptomatisch war das Spiel in Freiburg. Dort haben wir uns im vergangenen Jahr schwer getan, aber gewonnen. In diesem Jahr haben wir besser gespielt - und verloren.

Aber wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich habe das Thema im vergangenen Jahr nicht so hoch gehängt und werde das jetzt auch nicht machen. Man muss sich eben aufs Wesentliche fokussieren.

Was ist denn für Schalke in diesem Jahr noch drin?

Grundsätzlich ist alles, was mathematisch möglich ist, auch in der Praxis möglich. Wir setzen uns aber jetzt kein tabellarisches Ziel sondern wollen uns von Woche zu Woche steigern. Die Stimmung in der Mannschaft ist so gut wie schon lange nicht mehr: sehr konzentriert und sehr fokussiert, die Vorbereitung aufs Training, die Nachbereitung – das klappt alles super. Das war in der Hinrunde aus verschiedenen Gründen nicht immer so: In der Vorbereitung geht es jetzt darum, Selbstvertrauen zu entwickeln und das erste Heimspiel gegen Wolfsburg entsprechend zu gestalten.

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Soll zunächst eine Beobachterrolle einnehmen: Schalkes neuer Co-Trainer Seppo Eichkorn. © imago

Was kann denn Seppo Eichkorn, der neue Co-Trainer, dazu beitragen?

Er ist jemand, der sich von außen, nahezu unbeeinflusst im Trainingslager ein Bild verschaffen kann. Dann wird es viele Gespräche geben, in denen er uns sein Feedback gibt, anschließend wird er viele Individualeinheiten leiten. Da kann Seppo ein wichtiger Baustein werden.

Kann er auch jemand sein, der Ihnen bewusst widerspricht, wenn Sie etwa eine neue Idee haben?

Das ist ja nicht neu. Das machen Lars Gerling, unser Videoanalyst, Torwarttrainer Simon Henzler, und mein Co-Trainer Peter Perchtold schon lange. Das ist mir auch wichtig. Ich will keine Ja-Sager, ich will niemanden, der mit Honig ums Maul schmiert. Ganz im Gegenteil: Auch, wenn wir mal ein Spiel gewinnen, brauche ich Leute, die mir sagen, dass diese oder jene Einwechslung nicht optimal war oder dass das Training anders gestaltet werden muss.

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