„Insolvenz“, „Pleite“, „Ruin“ – ausgerechnet dem selbstbewussten Schalke setzt die Corona-Krise sehr zu. Fußball-Deutschland fragt sich: Wie konnte es soweit kommen? Wo ist die Kohle hin?

Gelsenkirchen

, 17.04.2020, 17:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer sich in Gelsenkirchen derzeit über die Corona-Krise und die damit verbundenen schlimmen Folgen für die Wirtschaft unterhält, landet irgendwann – das ist in Gelsenkirchen zwangsläufig so – auch beim FC Schalke 04. Aber selbst hart gesottene Königsblaue haben dann oft nur ein schmales Lächeln für die großen Sorgen ihres Lieblings-Klubs übrig: „Die sollen jetzt bloß nicht jammern. Was haben die denn mit der ganzen Kohle gemacht?“


Eine reflexartige, aber durchaus berechtigte Frage.

Steht es wirklich so schlimm um Königsblau?



Die sich im übrigen ganz Fußball-Deutschland stellt. Dass ausgerechnet die in den letzten Jahren so selbstbewusst auftretenden Schalker in der Corona-Krise so ziemlich als Erste, vor allem aber am lautesten Alarm geschlagen haben, verblüfft. Konsequenz: Schalke wird mit einem Vokabular in Verbindung gebracht, das seit dem Jahr 2005, als Wirtschaftsprofessor Karlheinz Küting den Königsblauen den nahenden finanziellen Untergang prophezeite und es so bundesweit in die Schlagzeilen schaffte, verbannt zu sein schien: „Schalke droht die Insolvenz“, „Die Pleite rückt näher“, „Schalke kurz vor dem Ruin“ – drei Überschriften-Beispiele diverser Zeitungen aus den letzten Tagen.


Steht es wirklich so schlimm um Schalke? Und wie konnte es überhaupt so weit kommen? Der Fall Schalke erfordert zur Analyse mehr als das schiere Unverständnis, das sogar in Teilen des Vereins selbst über die angespannte Situation herrscht.


Rotstift wird kräftig angesetzt


Dabei hat die Schalker Chefetage zunächst einmal nichts anderes gemacht, als es andere, zum Teil sogar noch größere Wirtschaftsunternehmen (und als solches sollte Schalke in der Gesamtbetrachtung angesehen werden), auch getan haben. Ein Verein, der als einer der größten Arbeitgeber der Stadt, als Steuerzahler und auch als sozial engagiertes Element geschätzt wird, hat wie jedes andere Unternehmen auch das Recht dazu, auf seine Lage aufmerksam zu machen und – falls er die Notwendigkeit sieht – auch Hilfen der öffentlichen Hand in Anspruch zu nehmen, zumal der „Rotstift“ intern ja schon kräftig angesetzt wurde.


Was auf Schalke überraschte, war das schnelle Schlagen der Alarmglocke. Hat denn ein Verein, der seit dem UEFA-Cup-Sieg 1997 alleine acht Mal in der Champions League spielte, seitdem insgesamt 19 Mal auf der Europa-Bühne dabei war, der alleine durch die Transfers der Eigengewächse Manuel Neuer, Leroy Sané, Julian Draxler und Thilo Kehrer insgesamt ca. 140 Millionen Euro eingenommen hat, der beinahe monatlich die Abschlüsse neuer Sponsoren-Deals verkündet, der bei jedem Heimspiel volles Haus hat – hat denn so ein Verein keinerlei Rücklagen für schlechte Zeiten gebildet?


Das Wachstum kostete




Ebenfalls eine Frage, die sich geradezu aufdrängt. Dabei hatte Schalkes Wachstum immer auch seinen Preis: Die nahezu in finanzieller Eigenleistung erbaute und mittlerweile abbezahlte Arena kostete ca. 180 Millionen Euro. Der weitere Umbau des Vereinsgeländes im großen Stil wird am Ende ca. 95 Millionen Euro verschlungen haben. An Gehältern zahlte Schalke den ca. 600 Angestellten inklusive Lizenzspieler-Abteilung im Jahr 2019 124 Mio. Euro. Den Verein drücken Finanz-Verbindlichkeiten in Höhe von 198 Millionen Euro. Spielt Schalke wie 2019 nicht international, verbucht der Klub trotz eines Jahresumsatzes von 275 Millionen Euro ein Minus von 26 Millionen Euro.

Eine Zahl, die längst bekannt ist, aber in der öffentlichen Wahrnehmung lange beinahe ignoriert wurde. Dabei macht gerade sie deutlich, wie sehr das Gesamt-Konstrukt Schalke in der jetzigen Struktur auf sportlichen Erfolg angewiesen ist.

Die Corona-Krise trifft aber nun alle Vereine völlig losgelöst vom Erfolg. Sie entzieht allen Klubs – auch Schalke – die Geschäftsgrundlage komplett. Im Klartext: Keine Spiele, keine Einnahmen, aber trotz aller Sparmaßnahmen dauerhaft hohe Kosten. Nur ein Beispiel: Selbst bei einem Rücklagen-Volumen von 50 Millionen Euro wäre bei monatlichen Kosten von 20 Millionen Euro nach zweieinhalb Monaten Schicht im Schacht – dass dann auch ein Verein wie Schalke, der offenbar alles knapp auf Kante genäht hat, ächzt und von einer „potenziellen Existenzgefährdung“ spricht, kommt dann schon gar nicht mehr so überraschend.

Sehnsucht nach TV-Geldern


Insofern ist die Sehnsucht nach den noch ausstehenden 26 Millionen Euro aus den TV-Geldern nachvollziehbar. Sonst wird die Luft (wahrscheinlich nicht nur) für den FC Schalke 04 immer dünner.

Auf der klubeigenen Homepage ruft Schalke zu einer Spendenaktion für durch die Corona-Krise in Not geratene lokale Unternehmen auf. Ab einem Euro kann gespendet werden.

Für Schalke selbst müsste es schon etwas mehr sein.

Vom Alarmruf bis zum Rotstift: Königsblau in der Corona-Krise

16. März: Schalkes Marketing- und Kommunikationsvorstand Alexander Jobst schlägt wegen der Corona-Krise Alarm: „Die Auswirkungen der aktuellen Situation zeigen, dass es um die Existenz des FC Schalke 04 und der Klubs der Ersten und Zweiten Liga geht.“

17. März: Finanzchef Peter Peters warnt auf der Bilanzpressekonferenz 2019: „Auf Dauer ist es existenzgefährdend, wenn wir keinen Fußball spielen können.“

19. März: Schalke 04 kündigt an, alle Zukunftspläne auf den Prüfstand zu stellen.

27. März: Schalkes Mannschaft stimmt Gehalts-Einsparungen zu. Insgesamt beteiligen sich 70 Angestellte an dem Sparpaket, das zehn Millionen Euro an Einsparungen bringen soll. Ende März beantragt Schalke für den Großteil seiner Angestellten Kurzarbeit.

8. April: Schalke bittet Dauerkarten-Inhaber auf den Verzicht von Rückerstattungen, bietet stattdessen Trikots oder Gutscheine an.

14. April: Der „Rotstift“ kreist: Schalke verzichtet auf einen Lizenzantrag für die ProA-Basketballer (Zweite Liga). Einsparungen angeblich: ca. 700.000 Euro.

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