Sein erstes Schalke-Jahr glich einer Achterbahn der Gefühle. Nach einer guten Hinrunde verschwand auch Benito Raman (25) in der sportlichen Versenkung. Der S04-Stürmer im Derby-Interview.

Gelsenkirchen

, 22.10.2020, 19:36 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wann beginnt bei Ihnen die Anspannung vor einem Bundesligaspiel?

Benito Raman: Das geschieht meistens bei der Abschlussbesprechung durch den Trainer, wenn noch einmal die wichtigsten Dinge zusammengefasst werden. Dann merke ich langsam, wie die Spannung ansteigt.

Und vor einem Derby?

Ich gehe es nicht anders an, um auf das Wesentliche fokussiert zu bleiben. Aber natürlich weiß ich, dass das Derby eines, wenn nicht sogar das wichtigste Spiel der Saison für viele unserer Fans ist. Was definitiv nicht mit anderen Spielen zu vergleichen ist, sind die Tage davor. Wenn Schalke gegen Dortmund spielt, wird man überall auf diese Partie angesprochen. Ich bin ja erst ein Jahr hier auf Schalke, aber es war sofort zu spüren, welche Bedeutung diese 90 Minuten für unsere Fans haben. Da ist das Kribbeln doch etwas ausgeprägter.

Schalke hat viele Monate der Erfolglosigkeit hinter sich. Haben Sie 20 Spiele in Folge ohne Sieg in Ihrer Karriere schon einmal erlebt?

Es gab schon mal Phasen, in denen es nicht lief. Aber so lange ohne Erfolgserlebnis? Nein, das ist für mich neu. Auf solch eine Erfahrung hätte ich gern verzichtet, das ist doch klar.

Warum ist Schalke nach der starken Hinrunde in der vergangenen Saison so abgefallen?

Dafür gibt es nicht den einen Grund. Viele Dinge sind offenbar zusammengekommen. Als Spieler denkst Du anfangs: Nächste Woche ist schon das nächste Spiel, dann machen wir es besser. Doch wenn dann das Erfolgserlebnis immer wieder ausbleibt, leidet bald das Selbstvertrauen. So sind wir in eine Negativspirale gelangt. Und die Corona-Krise hat uns dann noch weiter runtergezogen.

Inwiefern?

Für mich ist es ganz schlimm, ohne Zuschauer zu spielen. Ohne Stimmung und Atmosphäre im Stadion, das ist für mich schon eine Herausforderung. Gerade in den Heimspielen ist auf Schalke die Unterstützung unserer Fans sehr wichtig. Dies ist durch Corona weggefallen und hat sich immer noch nicht verändert. Das ist sehr bitter. Aber wir müssen damit, wie alle anderen Bundesligisten auch, lernen umzugehen. Wir sind froh und dankbar, dass wir in diesen schwierigen Zeiten überhaupt spielen dürfen.

Schalke hat mit Manuel Baum einen neuen Trainer verpflichtet. Ihr Eindruck von Baum?

Er versucht uns so schnell wie möglich wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Wir machen viele Videoanalysen, er zeigt uns, was gut war und was wir verbessern müssen. Es wird sicherlich noch etwas dauern, bis sich Trainerteam und Mannschaft vollständig aufeinander eingestellt haben.

Was hat der neue Trainer verändert?

Viele Dinge, so wie das bei einem Trainerwechsel eigentlich immer der Fall ist. Ein einfaches Beispiel: Mir kommt der neue Trainingsrhythmus entgegen. Meistens steigen wir sofort nach dem Frühstück in die Arbeit ein. Ich habe es nicht so gern, wenn erst am Abend trainiert wird, weil ich danach schlecht einschlafen kann und dann morgens gerädert bin. Mit dem neuen Rhythmus kann ich besser regenerieren.

Nicht nur der Trainer ist neu, sie haben auch neue Mitspieler in der Offensive. Können Vedad Ibisevic und Gonzalo Paciencia Schalke sportlich helfen?

Davon bin ich überzeugt. Besonders Vedad verfügt über sehr viel Bundesliga-Erfahrung. In unserer aktuellen Lage ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren. Und Gonzalo hat mit seinem Treffer gezeigt, über welche Qualitäten er verfügt.

Verläuft eine Derby-Vorbereitung anders als vor anderen Bundesligaspielen?

Im Großen und Ganzen nicht. Normalerweise muss das Trainerteam sogar weniger sagen, weil jeder Spieler weiß, welche Bedeutung dieses Derby hat.

Die „Derby-Generalprobe“ von Dortmund ging mit 1:3 in Rom daneben. Ist das ein Vorteil für Schalke?

Nein, das denke ich nicht. Sie haben in der Champions-League gespielt. Jetzt heißt es wieder Bundesliga. Das Derby ist ein ganz anderes Spiel. Und außerdem hat der BVB einen großen Kader, so dass er die Englischen Wochen verkraften kann.

Haben Sie sich das Spiel gegen Rom angeschaut?

Um ehrlich zu sein: Nein. Ich habe mir als Belgier nur die Partie zwischen St. Petersburg und Brügge angesehen. Auch wenn mit Brügge das belgische Team mit 2:1 gewonnen hat, kam bei mir aber keine richtige Stimmung auf, weil auch in diesem Spiel die Zuschauer fehlten. Aber das Trainer-Team hat die wichtigsten Szenen aus dem Dortmunder Spiel in Rom mit uns analysiert.

Welche BVB-Spieler schätzen Sie sportlich am meisten?

Namentlich kenne ich sie natürlich alle (lacht). Ernsthaft: Sie haben viel Qualität in ihrem Kader. Da gibt es keine Zweifel dran.

So viel, um Deutscher Meister zu werden?

Nicht nur Dortmund hat das Potenzial, um den Bayern den Titel streitig zu machen. Auch Mannschaften wie zum Beispiel RB Leipzig traue ich in dieser Saison eine Menge zu.

Wie muss Schalke auftreten, um in Dortmund eine Chance zu haben?

Die meisten Fußballfans erwarten, dass wir verlieren werden. Das sollte für uns eine zusätzliche Motivation sein. Mag sein, dass nicht viel für eine Überraschung spricht, aber was heißt das schon im Fußball? Wir müssen unsere Linie durchziehen.

Hat das 1:1 gegen Union Berlin der Mannschaft etwas Mut gemacht?

Zumindest war es sehr wichtig, dass wir nach dem Rückstand zurückgekommen sind. Zuletzt haben wir in solchen Situationen zu oft die Köpfe hängen lassen. Aber Fakt ist auch, dass wir uns in der Offensive steigern müssen.

Die Schalker Ultras haben nach dem Union-Spiel im Gespräch mit der Mannschaft eindeutig formuliert, was sie im Derby erwarten. Wie haben Sie das empfunden?

Unsere Anhänger fiebern mit dem Verein. Dass sie aktuell nicht zufrieden sind, wird jeder nachvollziehen können. Wir sehen das ganze als Motivation an. Glauben Sie mir, auch wir wollen so schnell wie möglich wieder ein Spiel gewinnen. Dann sind alle – Fans, Mannschaft, Verein – wieder glücklicher.

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