Schalkes neuer Trainer weiß, dass er in der Branche nicht den Namen hat, der für die ganz große Euphorie sorgt. Das kann sogar von Vorteil sein. Es gibt wichtigere Dinge, auf die es ankommt.

Gelsenkirchen

, 01.10.2020, 12:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ich weiß, was ich tue!“ Das sagte der recht unkonventionell agierende TV-Polizist Sledge Hammer in der gleichnamigen Kult-Serie regelmäßig, kurz bevor er seine Umwelt mit recht waghalsigen Aktionen verlässlich an den Rand des Untergangs brachte.

„Lasst mich mal machen. Ich weiß, was ich tue“. Das sagte am Mittwoch auch Manuel Baum. Allerdings nicht, um damit die ersten Turbulenzen seiner Amtszeit anzukündigen, sondern um den Zweiflern zu begegnen, die sich jetzt schon skeptisch fragen, „ob dieser Baum zu klein für Schalke“ ist, wie Manuel Baum selbstironisch hinzufügte.

„Lasst mich mal machen“

Es gibt ja auch genügend Gründe, Baums Verpflichtung skeptisch zu sehen. In der Bundesliga hat er bislang ausschließlich den FC Augsburg trainiert, dann die U18-Nationalmannschaft. Naja. Dabei durfte die Schalker Vereinsfamilie nach der Beurlaubung von David Wagner anderthalb Tage ja sogar vorn der Rückkehr Ralf Rangnicks träumen - was alleine schon offenbart, dass sich viele Teilnehmer im Schalker Umfeld noch immer nicht mit den aktuellen Realitäten abgefunden haben.

Denn diese Realitäten schlossen ein Comeback von Ralf Rangnick im Prinzip von vornherein aus. Für diese „große Lösung“ hätten zu viele Protagonisten - einschließlich Rangnick selbst - über ihren eigenen Schatten springen müssen.

Den „Traum-Mann“ gibt‘s nicht

Wenn Schalke auf Trainersuche ist, und das war der Verein in den letzten Jahren viel zu oft, zeichnen viele Beobachter stets ein Anforderungsprofil, das nicht zu erfüllen ist. Im Idealfall soll der neue Trainer schon reichlich Titel gesammelt haben, aber trotzdem noch erfolgshungrig sein, er muss erfahren, darf aber auch noch nicht zu alt sein, und weil er seine gesamte Spieler-Karriere ohnehin von der Jugend bis zur Traditionsmannschaft auf Schalke verbracht hat (wo er als Jugendlicher natürlich in der Fan-Kurve stand), arbeitet er als Trainer auf Schalke selbstverständlich im Niedriglohn-Sektor. Der Fußball, den er spielen lässt, ist begeisternder Offensiv-Fußball mit kompletter Absicherung nach hinten.

Sie ahnen schon: Diesen Trainer gibt‘s wahrscheinlich nicht. Aber sind die natürlich etwas überspitzt aufgezählten genannten Anforderungen überhaupt wichtig? Wer Manuel Baum alleine schon deshalb zum Scheitern verurteilt sieht, weil er „keinen Stallgeruch“ habe, sollte sich in der Schalker Trainer-Historie mal ein wenig genauer umsehen als dieses ewig populäre Argument aus der Mottenkiste zu holen.

Um die Zeitreise mal relativ weit hinten zu beginnen: Ivica Horvat, Jörg Berger, Ralf Rangnick, Huub Stevens - vier Trainer (es ließen sich noch mehr nennen), die keinerlei „Stallgeruch“ hatten und auf Schalke trotzdem äußerst erfolgreiche Arbeit ablieferten, jeder auf seine Art. Was sie vereinte: Alle vier waren bzw. sind äußerst starke Persönlichkeiten, hatten Durchsetzungsvermögen und die erforderlichen Ideen, wie sie aus ihren jeweiligen Mannschaften das Bestmögliche herausholen konnten. Darauf kommt es an. „Stallgeruch“ ist ein netter Neben-Effekt, hilft vielleicht beim Einstieg als Akzeptanz-Faktor, aber nicht mehr dann, wenn es wirklich drauf ankommt.

David Wagner hatte als Eurofighter diesen Stallgeruch - und scheiterte trotz eines bärenstarken Starts dann doch nach relativ kurzer Zeit krachend. Und das Auseinandersetzen mit der Schalker Historie, der Schalker Kultur, gelingt am besten durch die tägliche Arbeit auf Schalke selbst. Huub Stevens, der Schalke möglicherweise begriffen hat wie kaum ein anderer „Seiten-Einsteiger“, ist dafür das allerbeste Beispiel.

Erwartungen bleiben realistisch

Was würde es Manuel Baum in dieser Situation nutzen, wenn er schon Schalker „Stallgeruch“ hätte? Dieser Mannschaft bringt es nichts, wenn man ihr das Schalker Vereinslied vorsingen kann. Diese Mannschaft braucht einen klaren Plan, den sie zuletzt nicht hatte bzw. - wenn sie ihn hatte - nicht umsetzen konnte. Diese Mannschaft braucht Ordnung, Struktur. Und für diese Mannschaft benötigt Baum fantasievolle Lösungen. Zum Beispiel, wie es gelingen kann, eine Hintermannschaft zu stabilisieren, in der drei von vier zuletzt aufgebotenen Verteidigern in Sachen Tempo nicht mal einfachsten Bundesliga-Anforderungen genügen.

Baum kam als ziemlicher „Nobody“ in die Cheftrainer-Position des FC Augsburg, den er bis zu seiner Beurlaubung immerhin einigermaßen stabil auf Kurs hielt. Und nichts anderes, nämlich die komplett kriselnden Schalker wieder auf Kurs zu kriegen, wird von ihm erwartet. Dass das gelingt, kann Baum genauso wenig garantieren wie es ein anderer könnte. Baums großer Pluspunkt zum Start: Es kann im Prinzip nur besser werden. Viel schlechter als Schalke in den letzten Monaten, inklusive der zwei Auftaktniederlagen zum Bundesliga-Start, kann sich eine Profi-Mannschaft nicht präsentieren. Und mit dem Trainer-Namen Baum wird, das weiß der 41-Jährige selbst, zunächst auch keine andere und größere Hoffnung und Erwartung verbunden werden als die Stabilisierung einer komplett verunsicherten Mannschaft.

Auch Baum muss liefern

Für Baum gilt, was für jeden anderen Wagner-Nachfolger auch gegolten hätte: Er muss jetzt liefern. Dreht er an den richtigen Stellschrauben, kann aus einem „kleinen Baum“ ein großer werden. Auch und sogar auf Schalke.

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