Beurlaubung nach 63 Tagen: Eine 100-Tage-Bilanz von Christian Gross als Schalke-Trainer wurde damit unmöglich gemacht. © dpa
Glosse

Stichtag 10. Juni: Ein Brief an Schalkes Trainer Dimitrios Grammozis

Frank Leszinski über einen verloren gegangenen journalistischen Stabilitätsanker. Ein Hilferuf in einer Zeit, in der nicht mal mehr eine klassische Standardgeschichte möglich ist.

Hallo Herr Grammozis, ich weiß nicht, wann wir in Corona-Zeiten den ersten persönlichen Kontakt haben werden. Deshalb wende ich mich vor dem ersten Schalker Bundesligaspiel unter Ihrer Regie auf diese Art an Sie. Ich brauche Hilfe!

Sie können meinem journalistischen Leben wieder einen Sinn geben. Als älteres Semester (57 Jahre) muss ich notgedrungen auch in die Social-Media-Welt eintauchen und werde dort mit Themen konfrontiert, die mich oft fassungslos zurücklassen. Aus Selbstschutz will ich nicht in die Einzelheiten gehen. Doch jetzt verstehe ich keinen Spaß mehr, denn mir wird ein journalistischer Stabilitätsanker genommen.

Ich gebe ja zu, dass ich ein Zahlenfreak bin. Wann Goethe Geburtstag hat, welche Zeit Thomas Wessinghage bei seinem Deutschen Rekord über 1500 Meter zwischen 800 und 1000 Meter lief, ich habe Zahlen in meinem Kopf, die nicht lebensnotwendig sind. Doch jetzt ist bei mir eine Grenze überschritten, weil ich seit dieser Saison nicht mehr meine Standardgeschichte schreiben kann: die 100-Tage-Bilanz eines Schalke-Trainers. Gut, bei David Wagner ging das in seiner ersten Saison noch, aber danach werde ich seit Monaten vom FC Schalke 04 um mein Vergnügen gebracht.

So leer wie die Spieler

Bei Manuel Baum war das schon perfide, was sich S04 geleistet hat. Ich hatte doch schon so viel Zahlenmaterial gesammelt, und dann schmeißen sie ihn nach 79 Tagen raus. Skandal! Bei Huub Stevens brauchte ich mit der Datensammlung gar nicht beginnen. Es waren fünf Tage. Vorwürfe wird es beim Schalker Jahrhundert-Trainer von mir aber natürlich nie geben. Er konnte ja auch nichts dafür. Dann wurde meine Laune besser. Denn Christian Gross, der mit allen Wassern gewaschene Trainer-Routinier, würde doch wenigstens 100 Tage auf Schalke durchhalten. Dann kam der 28. Februar, und meine Zahlenwelt brach nach nur 63 Tagen zusammen.

Ich glaube, ich bin momentan so leer wie die meisten Schalker Spieler. Deshalb kann ich nur appellieren: Denken Sie an den 10. Juni 2021. Dann sind 100 Tage rum, Sie hoffentlich noch Trainer, und ich kann in die Tasten greifen.

Mit königsblauen Grüßen

Ihr Frank Leszinski

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