"GE-Funny" mit einem seiner Lieblingsspieler, Gerald Asamoah, auf dem neuen Trainingsgelände des FC Schalke 04. Er erlebte die 2. Liga vor über 30 Jahren noch selbst als Schlachtenbummler mit und ist indirekt der Schöpfer einer legendären Kassette. © van Nüß
Fanszenen-Romantik

Schalke-Nostalgie: „Die größte Angst der 1. Liga: S04 wird in der 2. Sieger“

Schalke 04 ist der Club der Bekloppten geblieben: Seit Tagen macht ein 30 Jahre alter Hit die Runde in der Fanszene. Im Netz kursieren Fragen nach „Funny“ und seiner legendären Kassette.

Es klingt wie aus dem Kofferradio, es scheppert, es ist dieses bierselige und immer wiederkehrende „Olé olé olé“, dazu quietscht die E-Gitarre. Es ist eine Sound-Datei, die zurzeit durchs Social Web wabert. Eine Datei, früher mal eine legendäre Kassette. Das weckt Erinnerungen und lässt die Vergangenheit mit der Zukunft verschmelzen.

„Hallo Leute. Ich heiß Funny und ich sach euch: Schalke is‘ ne Religion.“ So geht es los, ehe nach sechs Sekunden die E-Gitarre mit dem simplen Riff einsteigt. Dann so etwas wie Sprechgesang: „Mein größtes Ziel is: Ich verpass kein Spiel.“ Der, der da spricht, ist Frank van Nüß. Oder besser gesagt: sein drei Jahre älterer Bruder Dirk van Nüß. Aber der spricht mit Franks Stimme. Genannt wird er Funny, GE-Funny, heute Vater dreier Kinder, die er, wie er sagt, zu Schalkern gemacht hat. Einst war er der Allesfahrer im Bosch-Bus, der, der später bei Bosch in der Kneipe mit Michael Kroninger und Yves Eigenrauch auf dem Tisch tanzte, als Schalke 1991 wieder erstklassig war.

Aus Freundschaften wurde der Supportersclub

Seit 1974 ist er im Besitz einer Dauerkarte. „Wir haben uns damals am Niederrhein mit mehreren Leuten organisiert und sind abwechselnd mit Autos oder dem Zug zu Auswärtsspielen gefahren“, erzählt Funny. Später fuhren sie regelmäßig mit dem Bosch-Bus. Einige Jahre später gründete sich aus den vielen Freundschaften von Fans der 80er- und 90er-Jahre der Supportersclub.

Seit 1983, sagt GE-Funny aus Emmerich, 51 Jahre alt, fuhr er zu jedem Spiel, und erzählt erstmals wieder die Geschichte von seinem Song: „Mein Bruder hat immer schon Musik gemacht“, sagt er im Mai 2021, jetzt also, wo Schalkes Abstieg real wird. „Dirk hat bis heute keine Ahnung vom Fußball“, erzählt Funny.

Aber damals, da lebte der Maschinenbau-Student phasenweise in London und machte seinem „kleinen Bruder“ Frank zum Geburtstag ein Geschenk: „Der ist zu seinem besten Freund in London ins Tonstudio gegangen. Dann hat er da innerhalb von einer guten Stunde diesen Song aufgenommen.“ Diesen Song, den also Dirk einspielte, dessen Text er aber aus Franks Worten entnahm. „Er hat sich gemerkt, was ich damals immer gelabert habe. Ich bin dem wohl so auf den Sack gegangen damit…“

Nach dem Abstieg im Sommer 1988, der letzte Schalker Abstieg, schickte Dirk seinem Bruder Frank die fertige Kassette zu. Drei Songs waren drauf. Unter anderem „Die größte Angst“.

Legendäre Tour nach Saarbrücken: 6000 Schalker am Dienstagabend

Schon bald kam eine Auswärtsfahrt, an die sich Funny besonders gern erinnert: An einem Dienstagsabend im kalten und verschneiten März 1990 in Saarbrücken. 20.000 Zuschauer im Ludwigspark. Schalke reiste mit 6000 Mann an. Ein unfassbarer Mob, der Club aus Gelsenkirchen-Buer toppte damals mit dieser Anhängerschaft auswärts alles.

Es war die Zeit, als man die Härtesten der Harten, die Treuesten der Treuen, die Allesfahrer, als man sie noch Schlachtenbummler nannte. „Ich bin mit Aki, Rudi und Konsorten mit dem Bosch-Bus nach Saarbrücken gefahren. Die Kassette hatte ich eingesteckt. Ich hab sie dann eingelegt. Und das ist kein Scherz: Wir haben diese Kassette dann sechs Stunden am Stück gehört.“

Drei Lieder waren drauf, unter anderem „Schalke Fieber“ mit der bekloppten Zeile „Wir fahren bis nach Rom, oder nach Athen. Überall wo Schalke spielt, werden wir hingeh‘n, spiel’n wir auf dem Mars – für mich doch kein Problem!“ Es ging allen aber eigentlich nur um diesen einen Song. Seinen Song von der 2. Liga. „Der war der Hammer“, erinnert sich Funny heute, mehr als 31 Jahre später.

300 Mal mit Kassettenrekordern kopiert

„Ich hab meinem Bruder nach der Fahrt erzählt, dass alle den Song wollten. Wir haben dann bei ihm in Aachen Kassettenrekorder zusammengesucht und in der Bude nebeneinander aufgebaut und haben das Lied 300 Mal kopiert. Die Leerkassetten hatten wir für 30 Pfennig gekauft. Wir haben das Cover kopiert. Allen Allesfahrern hab ich diese Kassette damals für 7 Mark verkauft.“

Selbst gebasteltes Cover, selbst eingespielt: Dirk und Frank van Nüß machten vor etwas über 30 Jahren einen Song, der heute als Nostalige-Hype durch Facebook geistert.
Selbst gebasteltes Cover, selbst eingespielt: Dirk und Frank van Nüß machten vor etwas über 30 Jahren einen Song, der heute als Nostalige-Hype durch Facebook geistert. © van Nüß © van Nüß

Und wenn Funny heute daran denkt, dann erinnert er sich so: „Alle wollten die Kassette haben. Ich war damit sogar in der Sportbild und im Kicker. Ich habe Charly Neumann und Peter Neururer eine geschenkt. Jeder hatte die, aber so richtig veröffentlichen konnte man die ja damals nicht. Ich hab‘ zu der Zeit Briefe bekommen, Bestellungen von 30 oder 50 Kassetten für einzelne Fanclubs und so. Wir haben am Ende insgesamt 1800 Kassetten verkauft, aus dem offenen Opel-Kofferraum in Hannover zum Beispiel. Das war der absolute Kult“, sagt Funny heute. Und: „Ich wurde noch vor ein paar Jahren als ‚der Mann mit der Kassette‘ angesprochen.“

„Aber geil ist das trotzdem“

Jetzt, nach dem Abstieg, wurde in dieser Woche plötzlich etwas losgetreten. „Ich werde gerade von allen möglichen Leuten kontaktiert. Ich hab‘ gar keine Zeit und Lust, da jetzt noch ’ne CD oder so daraus zu machen. Aber geil ist das trotzdem.“ Ein kleiner Hype um eine knarzige Kassette.

Wenn Frank van Nüß aus Emmerich heute an die vergangenen Jahre denkt, dann ist er dankbar für eine „geile Zeit: Das war schon was, ich war international auswärts fast überall dabei. Wer weiß, wie schnell das wiederkommt.“

Und doch ist er überhaupt nicht voller Frust, dass das zu Ende ist. Nein, eher spricht der Trotz aus ihm. Wie früher, als der Gedanke von „Jetzt erst recht“ Schalke stark machte: „Auf die 2. Liga bin ich schon wieder richtig heiß“, sagt Funny, der mit seinen Söhnen zwei Dauerkarten in der Nordkurve hat. „Da werde ich wahrscheinlich wieder mehr fahren als in der 1. Liga. Die Scheiß-Clubs wie Leipzig und Hoffenheim, darauf habe ich eh keinen Bock mehr. Nürnberg, HSV, St. Pauli, Dresden: Das macht von der Fahrerei endlich mal wieder richtig Spaß!“

Hoffnung auf neuen Fußballkult in der 2. Liga

Er sei Fußballromantiker, sagt er, und ein bisschen spricht das auch aus ihm, wenn er sagt: „Zuletzt konnte man sich die Spiele ja gar nicht mehr reinziehen. Ich habe die Hoffnung, dass der Fußballkult in der 2. Liga wieder Einzug hält und die ganzen Nörgler von Schalke verschwinden.“ Und er hegt sogar noch einen ganz anderen Gedanken: „Vielleicht kommen wir auch nie mehr wieder. Aber was soll’s? Was sollen denn die Fans von RW Essen oder Waldhof Mannheim sagen? Die haben auch Spaß, da, wo sie sind.“

In Osnabrück, im Stadion an der Bremer Brücke, auch so ein Ewig-Zweite-Liga-Provinz-Club, da lief er 1988 vor dem Spiel in den Mittelkreis. Es gehörte damals zum Brauchtum der Schalker, dass dort einer oder zwei Leute auf der Fahne niederknien und sie anbeten. „Die Bullen haben mich dann mitgenommen, aber Peter Neururer und unser Zeugwart, ich komm auf den Namen nicht mehr, sind hinterher gegangen, haben mich befreit, mich in die Kurve gebracht. Und dann war ich auf dem Zaun und hab ein ‚Neururer, Neururer!‘ angestimmt.“ Seitdem sei er „ein guter Freund“ von Peter Neururer.

GE-Funny lieferte mit „seiner“ Kassette ein Zeugnis der damaligen Zeit ab. „Jeden Samstag der Heilige Krieg. Für S04 gibt’s nur den Sieg“, hieß es einst. „Die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf: Schalke steigt nun wieder auf! Und die größte Angst der Ersten Liga: S04 wird in der Zweiten Sieger!“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock
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