Planen für die Zweite Liga, trotzdem schuften fürs Fußball-Wunder: Schalke (l. Matthew Hoppe nach seinem Tor zum 1:1 gegen Köln/r. Suat Serdar) muss spätestens ab jetzt zweigleisig fahren. © dpa
Kommentar

Schalke muss für die 2. Liga planen und trotzdem fürs Wunder schuften

Nur ein königsblaues Wunder könnte den FC Schalke 04 vor dem vierten Abstieg seiner Geschichte bewahren. Spätestens nach der Niederlage gegen Köln muss auch für die 2. Liga geplant werden.

Weil die Ausgangslage relativ aussichtslos erschien, hatte sich die Stadion-Regie etwas einfallen lassen. Aus den Lautsprechern des Parkstadions ertönte vor dem letzten Bundesliga-Saisonspiel gegen die Spvgg. Unterhaching Katja Ebsteins Klassiker: „Wunder gibt es immer wieder…“ Das war am 19. Mai 2001, und tatsächlich gab es das besungene Wunder, wenn auch nur für die längst legendären 4:38 Minuten. Aber immerhin.

Kein Zweifel nach Niederlage

Wenn am Sonntag die aktuelle Rückrunde mit dem Schalker Spiel gegen den FC Bayern München beginnt, wäre es durchaus angebracht, die Platte von damals wieder aufzulegen und sie bis zum Saisonende gar nicht mehr aus dem Musikprogramm zu nehmen. Denn nur noch ein königsblaues Wunder kann den FC Schalke 04 vor dem vierten Bundesliga-Abstieg in seiner Vereinsgeschichte retten. Daran besteht spätestens seit der 1:2-Heimniederlage gegen den 1. FC Köln kein Zweifel mehr.

Schalke hat acht Punkte Rückstand auf den Relegationsplatz – das mit Abstand schlechteste Torverhältnis aller anderen Mannschaften ist quasi wie ein Zusatzpunkt zu bewerten. Das wären also neun Punkte – die in einer Halbserie aufzuholen wäre schon für eine sehr gut funktionierende Mannschaft eine höchst anspruchsvolle Aufgabe. Ganz nüchtern betrachtet und sachlich argumentiert gibt es eigentlich nichts mehr, was für Schalke spricht, nicht mal die Rückkehr von Klaas-Jan Huntelaar – nicht auszuschließen, dass seine Mission schon zur „Mission Impossible“ geworden ist, bevor er überhaupt sein Schalke-Comeback gegeben hat.

Ein Jahr ist nicht viel

Schalke hat also überhaupt keine andere Wahl, als ab jetzt auch für die Zweite Liga zu planen. Dabei darf das Hauptaugenmerk der Verantwortlichen nicht darauf gerichtet sein, mit Struktur-Diskussionen davon abzulenken, dass es in erster Linie auf gutes Personal und nicht auf neue Strukturen ankommt. Es geht einzig und allein darum, eine Mannschaft zu formieren, die Chancen auf den Wiederaufstieg hat. Denn die Aussage von Schalkes Finanzchefin Christina Rühl-Hamers im „Kicker“, Schalke bekäme ein Jahr Zweite Liga hin, klingt zunächst einmal fast beruhigend, ist aber irgendwie auch entlarvend. Denn ein Jahr ist nicht viel.

Die Zeiten, in denen für Bundesliga-Absteiger der direkte Wiederaufstieg eine Art Selbstläufer war, sind schließlich längst vorbei. Da muss man gar nicht erst beispielsweise zum HSV oder nach Nürnberg zu schauen. In den frühen 80er Jahren war Schalke nach den beiden Abstiegen jeweils nach einem Jahr wieder oben. Als es die Blau-Weißen 1988 zum dritten Mal erwischte, brauchte es schon drei Anläufe, um in die Erste Liga zurückzukehren. Zwischenzeitlich drohte sogar der Absturz in die Drittklassigkeit.

Wiederaufstieg kein Selbstläufer

Die Zweite Liga ist mittlerweile gespickt mit Klubs, die sich nach einem Comeback in der Ersten Liga sehnen, nur wenige Vereine geben sich mit der Zweitklassigkeit zufrieden. Das erfordert beim Aufbau eines auf hohem Niveau konkurrenzfähigen Kaders enormes Geschick – nur mit jungen Eigengewächsen kann es nicht funktionieren, genauso wenig wie mit satten, altgedienten Profis, die vielleicht nur noch einmal abkassieren wollen. Immerhin ein Vorteil: Dafür dürfte Schalke aufgrund der finanziellen Situation demnächst ohnehin der falsche Verein sein.

Beim Kader-Aufbau ist also ein Geschick erforderlich, das Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider bislang fehlte. Seit fast zwei Jahren ist er im Amt, die aktuelle Situation hat er ganz klar mit zu verantworten – es ist zu billig und nicht mehr zielführend, immer alles nur auf Schneiders Vorgänger Christian Heidel zu schieben. Die Frage, ob Schneider der nun möglicherweise erforderliche Wiederaufbau in der Zweiten Liga zuzutrauen ist, muss der Aufsichtsrat beantworten. Fällt diese Antwort negativ aus, muss es auf dieser personellen Ebene dann aber auch eine schnelle Reaktion geben. Denn dann muss ab sofort ein eventuell neuer Mann die Planungen in die Wege leiten.

Aber: Wer soll planen?

Die angeblich geplante Installierung eines neuen Sportdirektors unter Schneider mag von der Position her branchenüblich sein. Aber kann Schalke nicht auch einen eigenen Weg gehen? Ein Sportdirektor würde wieder einiges an Geld kosten und ein solcher Posten wäre nichts anderes als erneutes Verschieben von Zuständigkeiten und Abgeben von Verantwortung.

Wenn der Aufsichtsrat es Schneider zutraut, muss er als Sportvorstand die neue Mannschaft zusammenstellen, sonst niemand. Bei allem Respekt vor der ja angeblich so gestiegenen Aufgabenfülle auf Management-Ebene und ohne ständig die alten Zeiten heraufbeschwören zu wollen: Ein Rudi Assauer hat auf Schalke selbst die Mannschaften zusammengestellt – und mit seinen Vorstandskollegen „nebenbei“ noch ein neues Stadion geplant und bauen lassen…

Vor Rückrunde nicht kapitulieren

Dass für die Zweite Liga geplant werden muss, ist eine Selbstverständlichkeit – aber noch längst keine Kapitulation vor den noch ausstehenden 17 Bundesliga-Spielen. Planen für den Abstiegsfall und gleichzeitig schuften fürs Fußball-Wunder – das schließt sich nicht aus. Schalke hat eigentlich keine Chance mehr, aber die gilt es nun gefälligst auch zu nutzen. Oder es zumindest zu versuchen.

Mit einer einigermaßen ordentlichen Rückrunde kann es vielleicht gelingen, vor dem Einbiegen auf die Zielgeraden wenigstens noch eine theoretische Chance auf den Klassenerhalt zu haben. Und in dieser entscheidenden Phase der Saison mussten oft genug schon Mannschaften ins Bundesliga-Gras beißen, die vorher gar nicht damit gerechnet haben. Schalke muss – auch wenn das für diese Mannschaft wie Science Fiction klingt – dann zur Stelle sein, wenn anderen vielleicht doch noch die Luft ausgeht. Kampflos sollte sich Schalke nicht der Zweiten Liga hingeben – denn die kann zum Fass ohne Boden werden, weil der Verein dafür grundsätzlich überhaupt nicht ausgerichtet ist.

Kämpfen für das Wunder

Die meisten Fans werden treu bleiben, das waren sie immer. Den Verein, Schalke schon mal gar nicht, wechselt man nicht wie ein Hemd. Aber das Vertrauen der Anhänger zurückzugewinnen – das kann dauern. Die aktuelle Mannschaft inklusive des Managements hat es ohnehin längst verloren – trotz der kurzen Euphorie um die Rückkehrer Sead Kolasinac und Klaas-Jan Huntelaar. Also ist sie mehr denn je in der Pflicht, für das Wunder zu kämpfen. Wunder soll es schließlich immer wieder geben…

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