Schalkes „Jahrhundert-Torwart“ Norbert Nigbur, hier mit einer Miniatur-Ausgabe des WM-Pokals auf dem Sportplatz seines ersten Vereins Heßler 06: „In manchen Spielen der Zweiten Liga mehr auf die Kiste bekommen als in der Ersten“. © imago

„Schalke ist gewarnt. Das muss jedem klar sein – auch den Fans“

Er stieg mit Schalke 1981 ab - und sofort wieder auf: Interview mit Schalkes „Jahrhundert-Torwart“ Norbert Nigbur über Ralf Fährmann, den Vize-Titel 2018, Streitkultur und Zweitliga-Fußball.

Am 8. Mai wird Norbert Nigbur „73“ – die Hüfte macht nach einem schweren Unfall vor Jahren noch immer Probleme, ansonsten geht es dem gebürtigen Gelsenkirchener, von Schalkes Fans zum „Jahrhundert-Torwart“ der Königsblauen gewählt, gut. Aber das Herz blutet natürlich – Schalke ist abgestiegen, Nigbur leidet mit. Fast seine gesamte Profi-Karriere hat er auf Schalke verbracht, 1972 wurde er mit den Blau-Weißen Pokalsieger. Aber Nigbur, Mitglied des Weltmeister-Kaders von 1974, war auch dabei, als Schalke 1981 zum ersten Mal ab- und danach sofort wieder aufstieg. Er hat‘s also quasi vorgemacht. Auf Schalke ist er nicht nur deshalb eine Legende – eine mit eigener Meinung.

Welcher der zwei unerwarteten Schalker Abstiege kam für Sie überraschender – der erste 1981 oder der in dieser Saison?

Nigbur: Unser Abstieg 1981 kam nicht überraschend. Wir hatten mit Rolli Rüssmann, Rüdiger Abramczik und Wolfram Wuttke drei Leistungsträger verkauft. Klaus Fischer und ich fielen monatelang wegen Verletzungen aus – das war so, als müssten die Bayern heute lange ohne Lewandowski und Neuer spielen. Klaus und ich kamen dann zwar noch zurück, aber da war nichts mehr zu machen. Trotzdem haben wir mehr Punkte geholt als die aktuelle Mannschaft.

Womit wir schon beim Thema wären: Woran lag‘s jetzt?

Aus meiner Sicht war schon die Vize-Meisterschaft 2018 die Wurzel des ganz großen Übels. Die wurde völlig falsch bewertet. Sowohl im Verein als auch von den meisten Medien. Als ich schon damals davor gewarnt habe, Schalke müsse nun aufpassen, dass es nicht rapide abwärts geht, hat man mich ausgelacht. Und wenn Huub Stevens den Laptop-Trainer damals nicht noch rechtzeitig abgelöst hätte, wäre Schalke schon in der Saison danach abgeschmiert.

„Das war Schönfärberei“

Mit Laptop-Trainer meinen Sie Domenico Tedesco – der hat noch immer bei vielen S04-Fans einen Stein im Brett, einige träumen sogar von seiner Rückkehr…

Ich habe ja auch nichts gegen ihn persönlich. Aber es gibt Dinge, die ich ganz klar kritisiere. Im Vizemeister-Jahr kann ich mich an einige Spiele erinnern, die Schalke extrem glücklich gewonnen hat – und er danach davon sprach, dass seine Taktik aufgegangen sei. Das war Schönfärberei. In seiner zweiten Saison hat er die Dinge nicht mehr im Griff gehabt. Und durch selbst eröffnete Baustellen mit Schalkern wie Benedikt Höwedes und Ralf Fährmann hat er gezeigt, dass er nicht mit Stars umgehen kann. Ottmar Hitzfeld hat mal gesagt: Als guter Trainer musst du auch mit Stars klarkommen.

Aber Tedesco ist seit zwei Jahren weg. Was hat Schalke seitdem noch alles falsch gemacht?

Ich nenne mal drei Dinge – Erstens: Kompetenz. Zweitens: Kompetenz. Drittens: Kompetenz. Die fehlt. Man muss immer versuchen, sich von den Besten was abzuschauen. Also gucken wir doch mal, wie die Bayern das machen. Die haben alle wichtigen Positionen mit kompetenten Leuten besetzt, idealerweise aus den eigenen Reihen. Bei Schalke bin ich mir da nicht immer ganz so sicher. Jetzt versucht man es mit Mike Büskens, Gerald Asamoah, Norbert Elgert, okay. Aber das kommt alles ein bisschen spät. Es hat seinen Grund, warum sich zu viele Spieler auf Schalke nicht weiterentwickeln, manchmal sogar zurückentwickeln.

Wenn Sie die Bayern schon ansprechen – bei denen knirscht es aber doch auch oft im Gebälk, selbst im Erfolgsfall…

Aber das ist es ja gerade. Das gehört ja dazu, dass es auch mal kracht. Es muss eine Streitkultur geben, und die vermisse ich auf Schalke total – zumindest was diese Ebene betrifft. Aus intensiven Diskussionen kann ja auch was Produktives entstehen. Aber ich glaube, man scheut den Konflikt. Wenn ich höre, dass man beispielsweise das Hilfsangebot eines Olaf Thon nicht angenommen hat, dann muss ich sagen: Okay. Olaf ist Schalker durch und durch, ist Weltmeister, mehrfacher Deutscher Meister und Uefa-Cup-Sieger. Wenn das Angebot eines solchen Mannes abgelehnt wird, muss im Verein ansonsten ja eine ganze Menge an Kompetenz unterwegs sein.

Dieser Verein spielt ab kommender Saison in der Zweiten Liga. Ihre Erwartungen an die Mannschaft?

Ganz schnell wieder raus, aber in die richtige Richtung. Jedes weitere Jahr Zweite Liga wäre Mist.

Worauf kommt es an?

In der Zweiten Liga kommt es auf Dinge an, die Schalke von der Klub-Philosophie eigentlich entgegen kommen müssten. Da wird zwar auch guter Fußball gespielt, in erster Linie aber gearbeitet. Wenn du das auf einem guten Niveau kombiniert kriegst, ist das schon die halbe Miete. Die aktuelle Mannschaft hat allerdings weder das eine noch das andere.

„Da hätte Klopp kommen können…“

Welchen der Spieler aus dieser Mannschaft würden Sie behalten?

Es wäre leicht zu sagen: „Alle weg!“ Zu leicht. Denn ich kann mir vorstellen, dass viele Spieler der aktuellen Mannschaft unter anderen Voraussetzungen zu wesentlich besseren Leistungen fähig gewesen wären. Aber irgendwas läuft auf Schalke schief. Sonst würden nicht so viele Spieler hier schlechter werden. Aber ein Verein ist insgesamt gefordert, Spieler besser zu machen, zu entwickeln.

So etwas ist ja in erster Linie Sache des Trainers. Es gibt schon erste Zweifel, ob Dimitrios Grammozis für den Wiederaufbau der richtige Mann ist, weil er die Chance auf eine Aufbruchstimmung verpasst hat. Ihre Meinung?

Für ein seriöses Urteil kenne ich ihn und seine Arbeit noch zu wenig. Aber: Welche Aufbruchstimmung sollte er denn verbreiten? Wenn du als neuer Kapitän auf die Titanic kommst, die alte Crew behälst und das Schiff sinkt bereits, was willst du denn da machen? Ich glaube, nach Schalke hätte am Ende selbst ein Klopp kommen können. Aus dieser Truppe war einfach nichts mehr rauszuholen.

Sie sind 1981 mit Schalke in die Zweite Liga gegangen. Gab es für einen Nationaltorwart keine anderen Angebote?

Doch. Real Mallorca, damals in die erste spanische Liga aufgestiegen, wollte mich. Und zwei, drei Bundesligisten. Aber ich hatte auf Schalke noch einen Vertrag, ich hätte also relativ viel Ablöse gekostet. Außerdem war ich im Abstiegsjahr ja lange verletzt ausgefallen, das nagte an mir – man hängt dann ja doch am Verein. Also wollte ich Schalke helfen, wieder hochzukommen. Manager Rudi Assauer, mit dem ich damals noch sehr gut klarkam, sagte: „Norbert, ist doch nur für ein Jahr…“

Recht hatte er. Schalke stieg direkt wieder auf – mit nur 25 Gegentoren in 38 Spielen. Ist der Wiederaufstieg am Ende also doch nur ein Kinderspiel?

Natürlich nicht. Es wird jetzt kein Selbstläufer werden, das weiß jeder. Es gibt genügend Beispiele von Vereinen, die danach sogar noch weiter runter mussten. Schalke ist gewarnt. Das muss jedem klar sein, auch den Fans. Aber ein Selbstläufer war unser Aufstieg damals auch nicht. Wir hatten viele enge Spiele, in manchen Spielen habe ich mehr auf die Kiste bekommen als in der Ersten Liga.

„Ralle soll vergessen, was war“

So bitter für einen Verein wie Schalke die Zweite Liga auch ist: Gibt es auch so etwas wie schöne, beeindruckende Erlebnisse oder Erfahrungen, die Sie eine Etage tiefer gemacht haben?

Ganz klar beim SC Freiburg. Tolle Atmosphäre. Enges Stadion, die Zuschauer gingen bei jedem Schuss Richtung Tor mit. Große Emotionen, aber kein Hass oder so. Wie früher bei uns in der Glückauf-Kampfbahn, dachte ich mir. Ein paar Jahre später ist der SC Freiburg dann ja auch aufgestiegen.

Ralf Fährmann, einer Ihrer Nachfolger im Schalker Tor, steht nun auch vor der Entscheidung, ob er mit Schalke in die Zweite Liga gehen soll. Ihr Rat?

Ralle soll alles vergessen, was bisher war, und zusehen, dass er mit Schalke wieder zurückkommt. Aus meiner Sicht hat man ihm hier in den letzten zwei Jahren durch das ständige Infrage-Stellen seiner Person Unrecht getan. Denn von allen Konkurrenten – ob nun Nübel, Schubert, Rönnow oder Schwolow, der ja geholt werden sollte – für mich ist Ralf Fährmann davon der Beste.

Hat Ihnen Ihr ja sogar zweimaliger treuer Gang in die Zweite Liga mit Schalke bei der Wahl zum Jahrhundert-Torwart der Königsblauen geholfen?

Keine Ahnung. Ich denke, es war ein Mix aus allem. Tatsächlich habe ich nach der Wahl, die mich unheimlich stolz gemacht hat, aber auch Post bekommen, bei der sich Leute dafür bedankt haben, dass ich sogar in der Zweiten Liga geblieben bin. Vor allem auch junge Leute haben geschrieben, das hat mich sehr gefreut.

„Das ist nicht Schalke“

Die Ausschreitungen nach dem jetzigen Abstieg haben bundesweit für Entsetzen gesorgt. Wie waren die Reaktionen 1981 und 1983 – also bei den Abstiegen, die Sie als S04-Profi mitgemacht haben?

1981 gab es tatsächlich viele Tränen und tröstenden Zuspruch. Weil die Leute wussten, dass da einfach nicht mehr für uns drin war. 1983, wo ich am Ende ja nicht mehr aktiv dabei war, gab es da schon mehr Randale. Auch weil Rudi Assauer mit dem Satz, dass er alles nochmal genau so machen würde, viele Fans gegen sich aufbrachte. Aber alles kein Vergleich zu den aktuellen Vorkommnissen. So etwas geht gar nicht. Das ist nicht Schalke.

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