In der Kritik: Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider. © dpa
Kommentar

Jochen Schneider braucht und hilft kein Mitleid

Schalkes Sportvorstand ist in den Mittelpunkt der Kritik vieler Fans gerückt. Verständlich: Es läuft zu viel schief. Und nach knapp zwei Jahren hat der Vorgänger als Alibi ausgedient.

Ob ihm Jochen Schneider nicht leid täte, wurde Christian Gross gefragt. Schalke hatte gerade 0:0 bei Union Berlin gespielt, in normalen Zeiten wäre das ein Ergebnis und ein Spiel gewesen, das man direkt nach Spieschluss abgehakt hätte. Den Punkt mitnehmen, nach Hause fliegen, Feierabend. Doch die Zeiten sind nicht normal.

Also wurde das Unentschieden für Schalke als gefühlte NIederlage gewertet, weil der eine Punkt im Abstiegskampf tatsächlich nicht direkt weiterhilft. Dabei sollte man auch vorsichtig damit sein, jetzt schon einen Eid darauf zu schwören, dass dieser Zähler in der Endabrechung nicht vielleicht doch noch seinen Wert für Schalke haben kann. Wahrscheinlich gibt es kaum jemanden, der darauf mehr hofft als Jochen Schneider.

Die Sache mit dem Respekt

War vor einiger Zeit vor allem noch Marketing-Vorstand Alexander Jobst der Adressat des Fan-Zorns, ist nun Schalkes Sportvorstand in den Mittelpunkt der Kritik gerückt. Die äußerten einige hundert S04-Fans am Freitagnachmittag vor der Geschäftsstelle in eher unschöner Form: „Schneider raus“, skandierten sie lautstark und machten sich damit selbst innerhalb der Schalker Fan-Szene nicht nur Freunde – denn natürlich ist es diskutabel, ob die Fans, die für sich ja zurecht Respekt einfordern, besonders respektvoll mit einem Mann umgegangen sind, dem man eines ganz sicher nicht absprechen kann: Dass er alles, was er in Sachen Schalke unternimmt, mit den besten Absichten macht.

Die Frage, ob Jochen Schneider nun aber Mitleid verdient, ist zwar vollkommen legitim, aber nicht zielführend. Völlig unabhängig davon, dass Mitleid im Spitzensport und auf einer so hochrangig besetzten Position fast schon das Schlimmste ist, was einem widerfahren kann: Jochen Schneider braucht kein Mitleid, und es würde ihm auch nicht weiterhelfen.

Auch Assauer spürte „Volkes Zorn“

Wer auf Schalke einen Vertrag als Sportvorstand unterschreibt, darf nicht automatisch davon ausgehen, dass sich Volkes Zorn nicht irgendwann auch mal gegen ihn richtet. Das ging Christian Heidel so, Felix Magath sowieso, auch Horst Heldt, sogar Rudi Assauer musste so manche „Schlacht“ mit Schalker Anhängern durchstehen. Und die Stadionkurve als Ort, in dem sich die Fans Luft machen können, ist wegen Corona tabu. Aber die völlig unzufriedenen und besorgten Fans brauchen hin und wieder halt auch ein anderes Ventil als das Austoben in den sozialen Netzwerken. Es ehrt Jochen Schneider übrigens, dass er sich der Diskussion mit den protestierenden Fans stellte.

Es geht nicht um Mitleid, es geht auch nicht darum, dass Jochen Schneider von der menschlichen Seite her absolut nichts vorzuwerfen ist. Er gilt gemeinhein als „feiner Kerl“, vielleicht ist er für eine Front-Position bei einem nicht ganz so einfachen Verein wie Schalke sogar zu nett – was ausdrücklich als Kompliment gemeint ist. Es geht schlicht und ergreifend um die Bewertung seiner Arbeit. Und da beißt die Maus keinen Faden ab: In den Ressorts, die er zu verantworten hat, nämlich Sport und Kommunikation, läuft bei den Königsblauen einfach zu viel schief.

Erfolg wichtiger als Kommunikation

Wobei wir das Thema Kommunikation hier erstmal ein wenig kleinfahren wollen. Vor allem Schneiders Außendarstellung wird oft kritisiert, und tatsächlich ist ihm bei jedem Fernseh-Interview anzumerken, dass er sich lieber hinter einer Kamera statt davor bewegt. Andererseits: Mit neun Punkten nach 21 Bundesliga-Spielen könnte er sich auf den Kopf stellen und das Schalker Vereinslied fehlerfrei rückwärts singen – auch das würde ihm nichts nutzen. Angesichts der verheerenden sportlichen Bilanz kann es derzeit keine Form der Außendarstellung geben, die diesen Misserfolg in irgendeiner Weise kaschieren würde.

Denn nur darauf kommt es an, auch wenn es eine Binsenweisheit ist: Über die Stimmung in einem Profi-Verein entscheidet in erster Linie der sportliche Erfolg. Den hat Schalke nicht, im Gegenteil. Der Abstieg wird immer wahrscheinlicher, alle Maßnahmen, dagegen zu steuern, sind bislang fehlgeschlagen. Bei allem, was Schneider tut, fehlt ihm zum einen das richtige Näschen (zu langes Festhalten an Trainer David Wagner), zum anderen aber einfach auch Fortune: Denn so charmant beispielsweise der Gedanke war, Klaas-Jan Huntelaar zurückzuholen – so kommen dessen Verletzungsprobleme nun wie ein Bumerang auf Schneider zurück. Er hat ihn geholt, die Rechnung scheint nicht aufzugehen. Und dafür ist unterm Strich nun mal das Management – sprich Schneider – verantwortlich.

Altlasten kein Argument mehr

Das Argument, im Prinzip habe Schneider noch unter den Altlasten seines Vorgängers Christian Heidel zu leiden, zieht nicht mehr. Jochen Schneider ist nun seit knapp zwei Jahren im Amt. Das ist lange genug, um nun auch an Resultaten gemessen zu werden. Ansonsten würde sich ja die Frage stellen, ab wann denn überhaupt die „Ära Schneider“ in irgendeiner Form bewertet werden sollte. Auch Corona taugt nur minimal als Entschuldigung, mit den damit verbundenen Einnahmeausfällen haben schließlich alle Vereine zu kämpfen.

Als Argument für Schneider könnte man da schon eher ins Feld führen, dass er sich – aber auch das hätte er vielleicht vorher abklopfen können – auf Schalke in einer Art „Schlangengrube“ befindet. Denn hinter den Kulissen wirkt die Solidarität innerhalb der Chefetage nicht besonders groß. Jeder versucht offenbar, mit heiler Haut davonzukommen. Schneider steckt noch mittendrin – ein Peter Peters beispielsweise hat den Rückzug schon rechtzeitig angetreten, macht als lange verantwortlicher Schalker Finanzvorstand nun sogar Karriere bei der FIFA und kandidiert demnächst für den Schalker Aufsichtsrat. Grotesk. Soviel Chuzpe hätte Schneider wahrscheinlich nicht. Er hält bislang noch tapfer durch. Das unterscheidet ihn von Christian Heidel, der beim ersten starken Gegenwind gleich das Weite suchte.

Aufsichtsrat entscheidet

Mitleid für Schneider ist trotzdem nicht das Thema, es geht ausschließlich um die Zukunft, in allererster Linie um Schalkes Zukunft. Und da ist der Aufsichtsrat gefordert. Die Entscheidung ist ja, um Jochen Schneider zu zitieren, „keine Raketenphysik“. Sprich: So kompliziert ist die Sache ja nicht. Traut der Aufsichtsrat Schneider noch zu, die neue Saison – egal in welcher LIga – zu planen, dann wäre das zu respektieren. Obwohl bislang fast alles schiefging, ist Schneider das ja durchaus zuzutrauen, es wäre ihm sogar zu gönnen, dass es ihm gelingt.

Ist der Aufsichtsrat aber der Meinung, dass Schneider dafür nicht mehr der richtige Mann ist, dann muss jetzt die fällige Entscheidung getroffen werden. Die neue Saison muss ab jetzt geplant werden und nicht im Sommer. Wenn die Schalker Kontrolleure noch ein paar Wochen lang „rumeiern“ und ihren Sportvorstand noch durch diese unerfreuliche Saison tingeln lassen, ohne dass er größeren Einfluss nehmen kann oder soll, dann wäre das in der Tat ein unwürdiges Spiel, das Schneider nicht verdient hat – und bei dem man fast auf die Idee kommen könnte, Mitleid mit Schneider zu kriegen. Obwohl es ihm nicht hilft und er es auch nicht braucht.

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