Schalkes Trainer Christian Gross: Gute Ansätze unter seiner Regie - aber gegen seine Zuversicht sprechen die Zahlen. © dpa
Schalke 04

Großartig ist anders: Wenn Zuversicht von Zahlen erdrückt wird

Er ist so etwas wie die „letzte Patrone“ auf der Schalker Trainerbank. Doch auch Christian Gross konnte bislang noch nicht so recht zünden - seine Bilanz bietet reichlich Luft nach oben.

Die Kollegen vom Boulevard, das ist ihr Job, müssen solche Fragen stellen. Aber Christian Gross ließ sich auch durch diesen Vorgang nicht aus der Schweizer Fassung bringen. Ob nach der 0:8-Niederlage im Hinspiel denn nun eine zweistellige Niederlage drohen würde, wurde Gross vor dem Schalker Spiel gegen die Bayern gefragt.

Credo: Positiv denken

Tja. Was solle er darauf antworten, fragte Gross höflich zurück. Generell gelte weiterhin: Positiv denken!

Dieses Credo trägt der 66-Jährige wie eine Monstranz vor sich her, seitdem er Ende 2020 das Trainer-Amt beim FC Schalke 04 übernahm. Nach David Wagner, an dem Sportvorstand Jochen Schneider zu lange festhielt, und Manuel Baum, der zehn Liga-Spiele bekam, um als Irrtum in den Schalker Geschichtsbüchern zu landen, ist Christian Gross nach der Interimslösung Huub Stevens so etwas wie die „letzte Patrone“, die Schneider für die Lösung auf der Schalker Trainerbank zugestanden wurde. Einzig und allein mit dem Ziel, den Klassenerhalt doch noch irgendwie zu schaffen. Eine Million Euro Sonderprämie soll Gross, der seine Trainer-Laufbahn eigentlich schon beendet hatte, bekommen, sollte Schalke erstklassig bleiben.

Gute Spieler-Entwicklungen

Es sieht derzeit so aus, als könne sich Schalke die Auszahlung sparen. Denn noch hat die „letzte Patrone“ nicht gezündet. Oder: Großartig ist anders.

Dabei hat Christian Gross auf Schalke durchaus schon Positives bewegt: Junge Spieler wie Timo Becker und Matthew Hoppe entwickeln sich unter ihm sehr gut – so gut, dass sogar der sonst eher zur Sachlichkeit neigende Gross manchmal den Boden der verbalen Akkuratesse verlässt. Denn dass er Timo Becker nach dessen ersten ordentlichen Profi-Einsätzen gleich „internationales Format“ bescheinigte, war dann wohl doch etwas zu früh und ein wenig zu hoch ins Regal gegriffen.

Nur 4 von 21 Punkten geholt

Keine Frage: Gross hat Schalke in gewisser Weise stabilisiert, und der Trainer selbst scheint an den von ihm gepredigten Optimismus zu glauben. Noch nach der 0:3-Niederlage gegen Leipzig, in Sachen Chancenlosigkeit gegen Top-Teams ein Rückfall, stand Gross vor den TV-Kameras und gab überzeugend den ewig Zuversichtlichen.

Gegen diese Zuversicht sprechen die Zahlen. Zwar hat Gross ein Versprechen eingelöst, das er nach seiner Einstands-Niederlage in Berlin gab, nämlich durch den Sieg gegen Hoffenheim die „Tasmanisierung“ Schalkes zu verhindern, aber ansonsten ist auf der Haben-Seite längst noch nicht das zu verbuchen, was Schalke für die Aufholjagd bräuchte: Von 21 möglichen Bundesliga-Punkten hat Schalke unter Gross ganze vier geholt – sieben Spiele, fünf Niederlagen, ein Unentschieden, ein Sieg. Als Gross kam, betrug der Schalker Rückstand auf den Relegationsplatz sechs Punkte, nun sind es neun. So richtig zuversichtlich ist außer Gross niemand mehr im Schalker Lager.

Kein glückliches Händchen

Daran hat auch der Trainer seinen Anteil. Dass er mitunter Spielernamen durcheinander bringt und beispielsweise aus Bozdogan „Erdogan“ machte, ist dabei eher zum Schmunzeln – schließlich nannte auch Ex-Manager Rudi Assauer den neuen Trainer Ralf Rangnick beharrlich „Rolf“. Gravierender ist da schon, dass Gross mit so mancher Ein- und Auswechslung und Personalentscheidung nicht das glücklichste Händchen hatte – wie gegen Leipzig, als er Neuzugang Shkodran Mustafi ohne Mannschaftstraining in die Startelf beförderte und Malick Thiaw für dessen gute Leistung im Pokalspiel in Wolfsburg mit einem Bankplatz „belohnte“.

Dass Gross durch differierende Status-Berichte hinsichtlich der Wadenproblematik Klaas-Jan Huntelaars für Verwirrung sorgte, ist nicht ihm anzulasten, weil das eigentlich nicht seine Baustelle ist. Das ist eher ein Kommunikations-Problem des Vereins. Immerhin da geht’s nun aber aufwärts: Denn mit der Fernsehjournalistin Daniela Ulbing hat Schalke eine neue Leiterin der Stabsstelle Kommunikation eingestellt. Das wiederum bringt einige Schalke-Insider aus der Fassung – denn sie halten den doch klammen Klub in diesem Bereich ohnehin schon für großzügig ausgestattet.

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