Sead Kolasinac ist wieder zurück auf Schalke: Ein Ausrufezeichen im Abstiegskampf. © dpa
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Ein starkes Signal – zur Aufbruchstimmung gehört aber noch mehr

Mit der Halbjahres-Verpflichtung von Sead Kolasinac hat der FC Schalke 04 im Abstiegskampf ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. Jetzt ist die Mannschaft erst recht gefordert.

Es ist ja schon seltsam, bei einem realistisch vermuteten Halbjahres-Gehalt von 2,3 Millionen Euro – das vom „richtigen“ Arbeitgeber noch aufgestockt werden soll – davon zu sprechen, dass ein Profi auf Geld verzichtet, nur um wieder bei seinem „Herzensklub“ spielen zu können. Aber es ist ja tatsächlich so, wenn auch auf einem unfassbar hohen Niveau. Denn bei Arsenal London verdient Sead Kolasinac pro Saison ca. neun Millionen Euro. Für Schalke schnürt er die Schuhe nun also für deutlich weniger als die Hälfte.

Finanzierung ist ein Thema

Eine Diskussion über Fußballer-Gehälter zu führen würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen. Aber natürlich wird in der Öffentlichkeit nun darüber gerätselt, wie sich die klammen Schalker Kolasinac – Spar-Gehalt hin oder her – überhaupt leisten können. Denn den Königsblauen wird seit der Gewährung der Landesbürgschaft zur Absicherung eines 35-Millionen-Euro-Kredites natürlich ganz genau auf die Finger und in die Bücher geschaut. Für Transferausgaben und Spielergehälter darf der Kredit schließlich nicht verwendet werden.

Da lässt die nun mögliche Finanzierung von Kolasinac nur zwei Schlüsse zu: Es war kein Zufall, dass Clemens Tönnies ausgerechnet kurz vor Bekanntgabe des Kolasinac-Deals Schalke öffentlich seine (finanzielle) Hilfe angeboten hat. Sollte für den Transfer wirklich Geld von Tönnies geflossen sein oder fließen, werden sich die Beteiligten darüber in Schweigen hüllen, denn dann würde der Transfer aus Sicht vieler Schalker Fans an Charme verlieren – Tönnies ist nun mal keine unumstrittene Figur. Oder Schalke bastelt an weiteren gravierenden Veränderungen im Kader, um die Kosten für die Kolasinac-Ausleihe irgendwie zu egalisieren.

Ansage an die Konkurrenz

Aus sportlicher Sicht ist die Verpflichtung von Sead Kolasinac in jedem Fall ein starkes Signal. Sowohl an die eigene Adresse als auch an die Konkurrenz. Denn Schalke dokumentiert dadurch, im Kampf um den Klassenerhalt alle Register ziehen zu wollen. und nichts unversucht zu lassen. Die bleierne Stimmung, die sich im Verein selbst und bei vielen Fans breitgemacht hat, scheint ein wenig von einem neuen, wenn auch noch vorsichtigen Optimismus verdrängt zu werden: Erst durch die Verpflichtung von Christian Gross als „Feuerwehrmann“, nun durch die Rückhol-Aktion von Sead Kolasinac.

Es ist aber auch ein Signal an die Konkurrenz: Seht her, wir sind noch da, wir geben uns längst nicht auf. Und wir sind durchaus noch ein attraktiver Verein für hochkarätige Spieler – auch wenn Kolasinac bei Arsenal London zuletzt nicht mehr so oft wie gewünscht zum Einsatz kam, ist er gerade in der Tabellenregion, in der sich Schalke wohl noch bis zum Saisonende aufhalten wird, zweifellos ein Hochkaräter.

Verstärkung dringend nötig

Die Verpflichtung von Kolasinac ist gleichzeitig auch ein Signal an die Mannschaft und das Eingeständnis, dass es mit dieser Formation den bisherigen Eindrücken zufolge nicht für den Klassenerhalt reichen wird. Auf der Position, auf der Kolasinac wohl zum Einsatz kommen wird (linke defensive Außenbahn), hätte die Verpflichtung eines Ergänzungsspielers, der den Kader möglicherweise nur vergrößert, aber nicht unbedingt verstärkt, überhaupt keinen Sinn gehabt.

Denn auf dieser Position – das gilt übrigens auch für die rechte Seite – ist Schalke bei wirklich allem Respekt vor Bastian Oczipka vor allem dann nicht konkurrenzfähig, wenn der Gegner mit schnellen Leuten dagegen hält. Und Hamza Mendyl macht auch nicht den Eindruck, als sei er auf dem Weg zum erforderlichen Bundesliga-Niveau.

Pluspunkt für Schneider

Kolasinac ist wieder „daheim“, sozusagen. Viele Schalker Fans haben das, wenn die Reaktionen in den sozialen Medien repräsentativ sind, mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Jochen Schneider, bislang eher glücklos agierend, darf diesen Transfer auch für sich als dicken Pluspunkt verbuchen – über die aktuelle Form von Kolasinac, das ist natürlich Voraussetzung, wird er sich gemeinsam mit Christian Gross ein verlässliches Bild gemacht haben.

Um nun aber direkt eine neue Aufbruchstimmung zu erzeugen, braucht es allerdings schon ein bisschen mehr als eine vorerst auf ein halbes Jahr angelegte Rückhol-Aktion. Denn für ein spontanes Umlegen des Stimmungs-Schalters in der Schalker Vereinsfamilie ist in den vergangenen Monaten zu viel Porzellan zerschlagen worden. Nicht nur, aber vor allem auf dem Rasen-Rechteck. Da ist die Mannschaft nun erst recht gefordert, das starke Signal, das durch Kolasinac gesendet wird, auch zu erkennen und in Erfolge umzumünzen. Denn nur dann wird aus dem Silvester-Transferkracher auch eine Rakete.

Kein alleiniger „Heilsbringer“

Der alleinige „Heilsbringer“ kann Kolasinac sowieso nicht sein – ihm diese Rolle aufzuerlegen wäre auch wenig verantwortungsvoll. Bei Hertha BSC Berlin müssen seine Kollegen ohnehin noch auf ihn verzichten, der Halbjahres-Vertrag läuft erst ab 4. Januar. Eine gute Gelegenheit für die Schalker Mannschaft zu zeigen, dass sie auch ohne Kolasinac konkurrenzfähig ist. Eine weitere Niederlage würde die Aufholjagd immer schwerer machen. Und die erhoffte Aufbruchstimmung wäre wieder in weitere Fernen gerückt. Trotz Kolasinac.

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