Klaas-Jan Huntelaar (r.) und Sead Kolasinac: Rettung mithilfe der „Legenden“ würde vielen Schalker Fans unter die Haut gehen. © dpa
Kommentar

Das Spiel mit den Legenden: An Huntelaar kommt Schalke nicht vorbei

Auch in die Fußballer-Jahre gekommen hat der „Hunter“ das Toreschießen nicht verlernt. Mit allzu großen Erwartungen sollte man allerdings vorsichtig sein.

Der Mann ist mittlerweile 37 Jahre alt, war seit dreieinhalb Jahren nicht mehr für Schalke am Ball – und trotzdem würden sich viele Schalker Fans freuen wie Bolle, wenn es mit der Rückkehr von Klaas-Jan Huntelaar wirklich klappen würde. Einer wünscht sich auf Twitter sogar jetzt erst recht, dass diese blöde Pandemie endlich zu Ende gehen soll: „Damit wieder Fans ins Stadion dürfen und ich Huntelaar noch einmal in der Arena spielen sehe.“ Aber so euphorisch ist nicht jeder.

Wie so oft im Leben hat nämlich auch diese Seite zwei Medaillen. Und so gibt es auch diejenigen, die bei Klaas-Jan Huntelaar weniger an seine ersten fünf Jahre, sondern mehr an seine zwei letzten Jahre auf Schalke denken. Die waren von der Tor-Ausbeute her (allerdings auch verletzungsbedingt) weniger prall – und tatsächlich war der grandiose Abschied, der dem sympathischen Niederländer im Mai 2017 in der Veltins-Arena bereitet wurde, wohl dem Umstand geschuldet, dass er auf Schalke lange tolle Leistungen gezeigt hatte. Da waren ihm die letzten weniger erfolgreichen Monate verziehen.

Er weiß, wo das Tor steht

Als sich in den sozialen Netzwerken auch Kritiker bezüglich einer möglichen Rückkehr von Huntelaar nach Schalke zu Wort meldeten, war der Betroffene selbst mit seiner Mannschaft in Enschede und sah zu, wie Ajax Amsterdam drauf und dran war, einen schon sicher geglaubten Sieg zu verspielen. In der 84. Minute schaffte Twente das 1:1. Also musste der Hunter noch mal ran. Und wie zum Trotz knipste er in allerbester Torjäger-Manier, wie er wollte. Eingewechselt in der 89. Minute, zum 1:2 in der 90. Minute und zum 1:3 eine Minute später getroffen. Ein Blitz-Rekord. Als wollte er sagen: Liebe Schalker Freunde, ich kann’s noch.

Klaus Fischer hat mit Mitte 30 noch ordentlich beim VfL Bochum „geknipst“, Manni Burgsmüller wurde im hohen Fußballer-Alter scheinbar immer torgefährlicher, und die Skepsis, die dem Fußball-Künstler Raul auf Schalke zunächst entgegenschlug, verwandelte sich in eine beinahe schon hymnische Bewunderung. Alter schützt vor Leistung nicht – das weiß das Schalker Publikum spätestens, seitdem es von dem Spanier im Spätherbst seiner Karriere verzaubert wurde.

Trotz Hoppe: Stürmer-Not ist groß

Huntelaar weiß also noch, wo das Tor steht, und letztlich kommt es nur darauf an. Einen Mittelstürmer im besten Fußballer-Alter, der Bundesliga-Tore garantiert, wird Schalke in der aktuellen sportlichen und vor allem auch finanziellen Situation nicht bekommen. Wenn ein Profi wie Huntelaar, überaus ehrgeizig übrigens, also tatsächlich zur Rückkehr bereit ist, dann muss Schalke diese Chance wahrnehmen. Im Prinzip hat der Verein gar keine andere Wahl, als dieses Legenden-Spielchen zu eröffnen. Der erste Schachzug mit Kolasinac ist – Stand jetzt – ja offensichtlich aufgegangen.

Niemand kann seriös vorhersagen ob der Lauf von Matthew Hoppe anhält. Ahmed Kutucu galt als die ganz große Stürmer-Hoffnung, ist aber nun schon seit Wochen ein Kandidat für einen Vereinswechsel. Benito Raman und Mark Uth sind keine „richtigen“ Mittelstürmer, Goncalo Paciencia wird noch lange fehlen, und das Experiment, mit Vedad Ibisevic einen Sturm-Veteranen ein Jahr lang auf Torejagd schicken zu können, ist krachend gescheitert. Dass Schalke nach der Vertragslauflösung nun allen Ernstes erneut bei Ibisevic angefragt haben soll, lässt tief blicken. Denn das macht klar, dass die Suche nach einem Stürmer mit „händeringend“ noch höflich umschrieben ist…

Starke Worte, keine Floskeln

Das Argument, Huntelaar würde mit seinem Schalke-Comeback jungen Leuten wie Matthew Hoppe Einsatzzeiten nehmen, ist möglicherweise nicht von der Hand zu weisen, aber in der jetzigen Lage nicht angebracht. Denn den Luxus, Talenten möglichst viel Spielpraxis zu gönnen und als Konsequenz daraus auf sofortige Hilfe zu verzichten, kann sich Schalke ganz einfach nicht leisten. Dazu ist die Lage zu prekär, dazu ist Schalke zu dringend auf Tore angewiesen.

Die kann auch Huntelaar nicht in Hülle und Fülle garantieren. Vor allzu hohen Erwartungen sei also gewarnt. Trotzdem kommt Schalke an einen Mann mit seiner Qualität, seiner Erfahrung dann nicht vorbei, wenn Huntelaar sich den Abstiegskampf mit den Königsblauen wirklich antun will. Er könnte sich sein Karriere-Ende einfacher, bequemer gestalten. Dass er sich überhaupt Gedanken über eine Rückkehr nach Schalke macht, ist ein Beleg dafür, dass seine Abschiedsworte 2017 keine blutleeren Floskeln waren. Schalke, so der „Hunter“, sei ein Verein, „der unter die Haut geht“.

Fitness als Voraussetzung

Und wie würde das den Fans – ob nun im Stadion oder an den Fernsehgeräten – erst unter die Haut gehen, wenn die „Legenden“ um Kolasinac und Huntelaar Schalke aus vor einer Woche noch fast aussichtsloser Lage retten würden. Fit genug, so glaubt jedenfalls Youri Mulder, soll Huntelaar noch sein. Schalkes Eurofighter hält Huntelaar sogar für „so fit wie seit fünf Jahren nicht mehr“. Vor fünf Jahren spielte Huntelaar noch auf Schalke.

Es liegt im Verantwortungsbereich der aktuellen sportlichen Leitung, nun einzuschätzen, ob Huntelaar tatsächlich noch fit genug für die Bundesliga ist. Aber davon werden sich Sportvorstand Jochen Schneider und Trainer Christian Gross ein Bild gemacht haben. Denn sonst hätten sie ja gar nicht erst beim „Hunter“ angeklopft.

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