Ein Schalke-Fan vor dem Liga-Auftakt gegen den Hamburger SV. © Tim Rehbein/RHR-FOTO
Schalke-Kolumne

Bei Schalkes Saisonauftakt kommt der Kater schon während der Party

Schalke klatscht schon im ersten Spiel auf den harten Boden in Liga zwei. Aber eine Reaktion nach dem Spiel war bemerkenswert, meint unser Autor.

Am 23. Juli fand das Mittsommernachtsfest in Gelsenkirchen statt. Zumindest hat es sich am vergangenen Freitag in der Arena bis 20.45 Uhr so angefühlt. Fans in blau und weiß begegneten sich erstmals nach langen, zähen Monaten wieder. Sie hüpften, klatschten und tranken.

Die Sonne schien hell und jeder wollte sein eigenes Liedchen anstimmen. Aus allen Ecken der Arena entstanden so Gesänge, die sich schnell verbreiteten, wie „Wer kreist so wie ein Falke“, „Auf geht’s Schalke, schieß ein Tor“ oder das obligatorische „Asoziale Schalker“.

Schon mehr als eine halbe Stunde vor dem Anpfiff, als nur die Torhüter zum Warmmachen auf den Platz liefen, brodelte es im Rund, unterlegt mit „Whatever you want“ von Status Quo. Stadionsprecher DJ Dirk, der „Quatscher“, sagte da: „Man versteht sein eigenes Wort nicht. Und das ist verdammt gut so.“

Auch die Schalker Mannschaft fegte wie beseelt davon in den ersten Minuten über den Platz, Simon Terodde traf zum 1:0. „Spitzenreiter, Spitzenreiter“, sangen rund 20.000 glückselige Menschen – es schien wie die Sonnenwende, wie das Fest in Skandinavien, wenn die Nacht vertrieben scheint. Es hätte nur gefehlt, dass DJ Dirk am Rand mit Blumen im Haar noch etwas Bowle ausgeschenkt hätte.

Endlich wieder Zuschauer: 19.770 Fans sahen Schalkes Spiel gegen den Hamburger SV im Stadion. © dpa © dpa

Doch dann, ab 20:45 Uhr, kamen die Wolken zurück. Kapitän Danny Latza verletzte sich schwer, die Mannschaft stellte sich plötzlich zu weit in die Defensive. Von Minute zu Minute wich die Euphorie aus dem Stadion wie die Sonnenstrahlen. Die zunächst nach eigener Aussage von der Atmosphäre verschreckten Hamburger spuckten in die Bowle und konfiszierten die Musikanlage.

Hamburg wirkt eingespielt, Schalke zusammengewürfelt

Und für Schalke wirkte es, als würde man noch während der Party den Kater spüren, und nicht erst am nächsten Morgen. Hamburg wirkte eingespielt, Schalke zusammengewürfelt. Hamburg brachte erfolgreiche Joker, Schalke verhob sich bei den Wechseln. Hamburg wollte den Ball, Schalke fehlte der Mut.

Ganz so düster wie in vielen Nachberichten habe ich den Auftritt der Königsblauen insgesamt aber nicht gesehen; Dominick Drexler war agil, Victor Palsson präsent und Marius Bülter unermüdlich. Schalke hatte zwar nur 27 Prozent Ballbesitz, aber die besseren Chancen. Ein verlässliches Barometer für die Stimmungslage bleibt auf Schalke sowieso die Nordkurve – und da trug sich um 22:30 Uhr einer von vielen Gänsehaut-Momenten zu, die trotz der Niederlage haften bleiben.

Fans feiern trotz Niederlage

Nach Schalkes blamablen Auftritten auf jeder Ebene hätte es niemand den Anhängern verübelt, wenn sie sich vom Klub abgewendet hätten. Oder vom Fußball, vom Sport, ach was, von der Menschheit im Allgemeinen. Als die Mannschaft aber nach einer erneuten Pleite gen Kurve trottete, war diese immer noch prall gefüllt. Die Fans applaudierten nicht nur, sie riefen immer wieder inbrünstig das langgezogene „Schaaalke, Schaaaalke“.

Im ersten Spiel stieß der Klub gleich auf die harten Realitäten dieser Saison, eine davon: Der Wiederaufstieg wird ein ganz schweres Stück. Noch scheinen viele Fans Geduld und Nachsicht aufzubringen – das verdient gerade nach der Horror-Saison Respekt.

Doch schon nach dem Kiel-Spiel taugt das nächste Heimspiel in der Arena nicht zum Festessen, sondern bedeutet hartes Brot. Denn dann kommt nicht der große HSV, dann kommt die vereinsgewordene „brutale Realität Zweite Liga“. Dann kommt Erzgebirge Aue.

Über den Autor
Freier Journalist
Wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und arbeitete dann in Berlin zehn Jahre beim „Tagesspiegel“ und für „11Freunde“. Sein größtes berufliches Ziel bleibt ein ausführliches Interview mit Jiri Nemec. Hier schreibt der freie Journalist wöchentlich über Schalke 04.
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Ron Ulrich

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