Rudi Assauer (r.) und Ralf Rangnick, hier im Jahr 2004: Zwischen beiden gab es oft ein konstruktives „Knistern“. © dpa
Schalke 04

Assauers langer Schatten: Schalke und die Sportchefs

Aktuell ist Peter Knäbel Schalkes Sportchef. Die Gespräche mit Ralf Rangnick laufen. Er wäre als Sportvorstand der sechste Nachfolger eines Mannes, der im zweiten Anlauf zur Legende wurde.

In seiner zweiten Amtszeit wurde er auf Schalke zur Legende: Von 1993 bis 2006 war der im Februar 2019 verstorbene Rudi Assauer Manager auf Schalke. In dieser Zeit wurden die Königsblauen zum stabilen Bundesliga-Mitglied, gewannen den UEFA-Cup, zweimal den DFB-Pokal, zogen in ein ohne öffentliche Mittel finanziertes neues, top-modernes Stadion um und mauserten sich zu einem Stammgast auf der europäischen Bühne. Als Assauer 2006 zum freiwilligen Rückzug gedrängt wurde, war klar, das sein Schatten lang sein würde. Das hat sich bestätigt: Während Assauer 13 Jahre am Stück „regierte“, waren es inklusive Schneider in den 15 Jahren danach gleich fünf Sportvorstände.

Müller schwamm sich frei

Der erste, der den Versuch machte, aus Assauers Schatten herauszutreten, war Andreas Müller. Er war beruflich so etwas wie Assauers „Ziehsohn“. Von 1988 bis 2000 hatte Müller auf Schalke gespielt, war Teil der „Eurofighter“ und von Assauer selbst zu dessen Nachfolger auserkoren. Klar war: Obwohl Müller den ja so oft geforderten Schalker Stallgeruch hatte, musste er als „Assauer-Erbe“ einen schweren Stand haben. Denn die Art und Weise, wie mit Assauer umgegangen wurde, war vielen Fans sauer aufgestoßen. Müller war dafür allerdings nicht verantwortlich und tatsächlich gelang es ihm, sich „freizuschwimmen“.

Müller holte u. a. Ivan Rakitic und Jefferson Farfan nach Schalke – zwei Top-Transfers, wobei Rakitic auf Schalke lange kritisch beäugt wurde. 2007 wurde Schalke mit Manager Müller und Trainer Mirko Slomka Vize-Meister – was allerdings wie ein Misserfolg angesehen wurde, weil Schalke die Tabelle lange mit großem Vorsprung angeführt hatte. Müller scheiterte letztlich daran, dass er sein berufliches Schicksal an das des von ihm für Slomka verpflichteten Fred Rutten knüpfte – mit dem Niederländer kam Schalke nicht vorwärts. Müller musste im März 2009 gehen – noch vor Rutten.

Magath, Raul und der Knickbus

Aber auch Rutten hielt sich nicht mehr lang, am Ende der Saison 2008/09 stand Schalke ohne Manager und Trainer da. Aufsichtsratschef Clemens Tönnies entschied sich für den großen Wurf: Mit Felix Magath holte er den Meistermacher des VfL Wolfsburg nach Schalke. „Keinen Stein auf dem anderen lassen“, so Tönnies, sollte Magath. Der hielt sich dran, wollte Schalke umkrempeln. Trainer-Manager Magath wurde mit Schalke Vize-Meister, in seine Zeit fielen Transfers-Coups wie Raul und Klaas-Jan Huntelaar. Als Magath Einkaufswagen immer voller wurde, spottete Tönnies: „Bald müssen wir zu Auswärtsspielen mit einem Knickbus fahren.“

Es knirschte, nicht nur hinter den Kulissen. Magath war sauer aufgestoßen, dass sein Vorstoß, auch kostspielige Transfers nicht mehr vom Aufsichtsrat absegnen zu lassen, am Votum der Vereinsmitglieder scheiterte. Die Mannschaft beschwerte sich über zu hartes Training und trudelte Richtung Abstiegsplätze. Schalke zog im März 2011 die Notbremse. Magath, der Schalke davor noch ins dann unter Trainer Ralf Rangnick gewonnene Pokalfinale geführt hatte, ging von Schalke direkt zurück nach Wolfsburg.

Die Zeit war nun gekommen für Horst Heldt. Seinen Bekannten aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten hatte Magath im Juli 2010 selbst nach Schalke geholt, wo Heldt zunächst als Marketing-Beauftragter fungierte. Ein knappes Jahr lang hielt sich Heldt brav im Hintergrund, nach Magaths Aus wurde er befördert. Und blieb bis zum Ende der Saison 2015/16. Dann wurde sein Vertrag nicht verlängert. Horst Heldt gelang damit das, was am Ende nicht mal Assauer vergönnt war: Er erfüllte seinen Vertrag.

Dazwischen lagen zwar zahlreiche Trainerwechsel (Rangnick für Magath, Stevens für Rangnick, Keller für Stevens, Di Matteo für Keller, Breitenreiter für Di Matteo), aber auch eine sportlich erfolgreiche Zeit, in der die Champions-League-Teilnahme fast die Regel und die Europa League schon zu wenig für die gestiegenen Ansprüche des Klubs war.

Nur Heldt erfüllte Vertrag

So dachte wohl auch Christian Heidel, den Clemens Tönnies von Mainz 05 losgeeist hatte. Dort hatte Heidel aus wenig viel und sich dabei auch als Trainer-Entdecker einen Namen gemacht. Weil Schalke mit Trainer Breitenreiter „nur“ in die Europa League gekommen war, setzte Heidel als eine seiner ersten Amtshandlungen Breitenreiter vor die Tür und verpflichtete für die Ablösesumme von drei Millionen Euro Markus Weinzierl vom FC Augsburg. Der bekam mit Breel Embolo Schalkes teuersten Neuzugang (22,5 Millionen Euro) in seinen Spielerkader, doch die Saison verlief nach fünf in Serie verlorenen Bundesliga-Spielen zum Auftakt eher freudlos. Weinzierl war nach einer Saison schon wieder Geschichte, Heidel holte das Bundesliga-Greenhorn Domenico Tedesco aus Aue – ein Volltreffer. Tedesco wurde mit S04 Vize-Meister, beinahe ganz Schalke war verliebt in den jungen Trainer.

Liebe macht oft blind – daher fiel die Trennung von Tedesco auch so schwer, als der in der Saison danach ebenfalls mit fünf Niederlagen in Serie gestartet war und dann die Kurve nicht mehr kriegte. Alleingelassen von seinem Manager: Heidel hatte nach schwerer Kritik auch an seiner Person im Februar 2019 den Rückzug angetreten. Auf der sportlichen Kommandobrücke des schlingernden Schalker Schiffes stand nun nur noch der hilflose Tedesco.

Heidel trat Rückzug an

Tönnies holte einen neuen Steuermann: Jochen Schneider übernahm im März 2019 das Schalker Ruder. Erstmals stand Schneider, der beim VfB Stuttgart und zuletzt bei RB Leipzig mehr im Hintergrund gearbeitet hatte, nun selbst in der vordersten Front. Schweren Herzens entließ er schon nach wenigen Tagen Tedesco, der freie Fall hatte sich fortgesetzt. Mit Huub Stevens holte Schneider einen Fahrensmann auf die Trainerbank zurück, der sich auf rauer See auskennt. Tatsächlich schaffte Schalke den Klassenerhalt und legte mit dem von Schneider zur neuen Saison verpflichteten Trainer David Wagner eine prima Hinrunde und einen guten Rückrunden-Start hin. Die Champions League schien realistisch, als es steil bergab ging: Viele Verletzte, fatale Fehleinschätzungen auch von Schneider und Corona beschleunigten einen fast schon beispiellosen Schalker Absturz. Schneider entließ Wagner zwei Spieltage nach Beginn der neuen Saison – zu spät.

Schneider äußerst glücklos

Manuel Baum, Christian Gross (die Ein-Liga-Spiel-Mission von Huub Stevens mal ausgeklammert) – was Schneider an Rettungsmaßnahmen auch einleitete, sowohl auf der Trainer- als auch auf der Spielerebene, es ging schief. Die Summe aller Pleiten und Pannen aufzuzählen würde den Rahmen sprengen, geradezu beispielhaft ist die Verpflichtung des nun verletzten „Retters“ Klaas-Jan Huntelaar. Schneider handelte stets in bester Absicht, aber sein Wirken als „glücklos“ zu bezeichnen wäre fast noch untertrieben. Am Tag, als auch der von ihm geholte Trainer Christian Gross beurlaubt wurde, musste auch Schneider gehen. Quasi durch die Hintertür – nicht mal der vorzeitige, aber immerhin geordnete Rückzug zum Saisonende war ihm damit vergönnt.

Aktuell ist Peter Knäbel Schalkes Sportchef, „bis auf Weiteres“, so die offizielle Schreibweise. Die Gespräche mit Ralf Rangnick als neuem Sportvorstand laufen. Er wäre – Knäbel nicht mit eingerechnet – der sechste Nachfolger eines Mannes, der auf Schalke im zweiten Anlauf zur Legende wurde. Und der auch mit dem Trainer Ralf Rangnick den einen oder anderen Strauß ausgefochten hat…

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