Rüdiger Abramczik in seinem Sportgeschäft in Gelsenkirchen-Erle: „Das schüttelst du nicht einfach so ab, wenn es dem Verein so schlecht geht!“ © dpa
Schalke 04

Abi „65“: Der Flankengott übers Derby, Schalkes Nest und eine Frechheit

Rüdiger Abramczik feiert heute seinen 65. Geburtstag - ausgerechnet in der Derby-Woche. Gespielt hat er für Schalke und Dortmund, sein Herz schlägt blau-weiß. Der Flankengott im Interview:

Die Frage muss am Anfang sein: Fühlen Sie sich mit „65“ jetzt tatsächlich wie ein Rentner? Und was macht die Gesundheit?

Abramczik: Danke, alles gut. Wie ein Rentner im klassischen Sinne fühle ich mich überhaupt nicht. Wenn ich meine Generation vergleiche beispielsweise mit der meines Vaters: Mit 65 waren das doch im Prinzip schon gebrochene Männer. Die haben sich auf der Zeche unter Tage richtig den Allerwertesten aufgerissen. Und das hat Spuren hinterlassen. Da geht es uns doch vergleichsweise richtig gut gegen.

Das Telefon-Interview führen Sie vom Büro aus – Ihr Sportgeschäft in Gelsenkirchen-Erle hat corona-bedingt aber geschlossen, oder?

Ja klar, da geht es uns wie allen anderen auch. Wir versuchen, das durch Internet-Handel ein wenig aufzufangen, aber das gleicht natürlich den normalen Geschäftsumfang nicht aus. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht. Besonders optimistisch, dass wir die Ladentüren schon bald wieder öffnen können, bin ich derzeit nicht.

Und die Geburtstagsfeier muss ja auch ausfallen.

Leider. Da geht nichts. Auch die Kinder können nicht zu Besuch kommen. Schade. Aber das war uns ja vorher klar. Da müssen wir mit leben. Andere sind schlimmer dran.

Sie haben für Schalke und Dortmund gespielt, haben ausgerechnet in der Derby-Woche Ihren 65. Geburtstag. Da haben Sie fürs Derby ja einen Wunsch frei…

Da brauche ich nicht lange zu überlegen. Obwohl ich drei Jahre für den BVB gespielt habe, bin ich Schalker. Also wünsche ich mir für Samstag einen Schalker Sieg, ganz klar.

Ein realistischer Wunsch? Schließlich kommt Schalke auch unter Trainer Christian Gross nicht so richtig von der Stelle.

Warum nicht? Wenn nicht jetzt, wann dann? Dortmund musste am Mittwoch in Sevilla alles raushauen und in der Bundesliga wirkt der BVB derzeit ja ohnehin nicht besonders stabil. Zumindest kräftemäßig müsste Schalke am Samstag also im Vorteil sein, besonders in der zweiten Halbzeit, wenn es beim BVB an die Substanz gehen müsste. Aber dann muss Schalke natürlich auch da sein.

Das war die Mannschaft in den vergangenen Monaten viel zu selten. Was ist da schiefgelaufen?

Tja. Eine ganze Menge. Den einen Grund für den Absturz gibt es wahrscheinlich gar nicht. Ich glaube, dass schon unter Christian Heidel Fehler gemacht wurden. Es wurden Spieler verpflichtet, die hier nicht richtig gezündet haben, aber mit langfristigen Verträgen ausgestattet waren. Dann hat man es versäumt, sich von denen rechtzeitig zu trennen. Und so passte dann hinterher vieles nicht mehr zusammen und man geriet in eine Abwärtsspirale. Und das wurde meiner Meinung nach viel zu spät erkannt.

Wer hätte dagegensteuern müssen oder können?

Ich glaube, wenn du einen Instinkt für diesen Verein hast, dann spürst du solche Entwicklungen. Aber, und das missfällt mir grundsätzlich schon seit längerem an Schalke, es sind ja fast nur noch Leute von außerhalb am Werk, die vorher mit Schalke relativ wenig zu tun hatten. Dabei haben wir auf Schalke doch so prima Leute hier. Die halbe Bundesliga wundert sich ja darüber, warum auf Schalke so wenig Ehemalige eingebunden werden. Warum hat ein Olaf Thon beispielsweise auf Schalke keine Position auf einer höheren Ebene? Ich finde, der Verein müsste bei Personalentscheidungen viel mehr ins eigene Nest schauen.

Jochen Schneider kam von „außerhalb“. Da müsste Ihnen doch gefallen, dass sich der Verein am Saisonende vorzeitig von dem Sportvorstand trennt?

Ganz so einfach mache ich es mir nicht. Da muss man schon etwas genauer hinschauen. Jochen Schneider ist nicht für alles verantwortlich zu machen, was hier in der letzten Zeit passiert ist. Er hat keine guten Bedingungen vorgefunden, als er kam, und auch durch Corona wurden die Zeiten danach ja nicht gerade einfacher. Aber man muss halt auch feststellen, dass er mit seinen Entscheidungen nicht das glücklichste Händchen hatte. Da passte einfach zu viel nicht zusammen. Er hat Fehler gemacht, die du auf dieser Ebene bei einem Verein wie Schalke einfach nicht machen darfst. Auf Schalke sind viele Dinge passiert, die wahrscheinlich nicht nur ich nicht nachvollziehen konnte – wenn ich da alleine mal den Fall Bentaleb betrachte.

Aber nach seiner Begnadigung gehörte er im Spiel bei Union Berlin zu den Lichtblicken…

Mag ja sein. Aber ich verstehe den ganzen Ablauf nicht, auch die Handlungsweise von Trainer Christian Gross finde ich seltsam. Eine Woche vorher hatte er ein Comeback von Bentaleb noch kategorisch ausgeschlossen. Und dann steht ein Spieler, den man drei Monate salopp gesagt alleine durch den Wald hat laufen lassen, gleich wieder in der Startelf. Gross hat mittlerweile vier Co-Trainer, Torwarttrainer und Konditionstrainer gar nicht mit eingerechnet. Warum hat man Bentaleb während seiner Suspendierung nicht durch einen der Co-Trainer betreuen lassen? Dann wäre man zumindest immer im Kontakt mit ihm gewesen, er hätte ja nicht unbedingt mit der Mannschaft trainieren müssen. Gross hat doch als Trainer im Ausland gearbeitet. In der Regel ist dann eine der ersten Amtshandlungen, dass man schaut, ob es sich lohnen kann, suspendierte Spieler wie bei einem Neuanfang wieder in den Kader zu holen. Das ist bei Bentaleb ja offenbar nicht passiert oder halt sehr sehr spät. So wirkte das so, als sei irgendeinem plötzlich eingefallen: Mensch, wir haben ja noch den Bentaleb da irgendwo rumlaufen…

Man spürt sogar durchs Telefon Ihre emotionale Aufladung. Schalkes aktuelle Lage geht Ihnen offenbar sehr nah.

Na klar. Mensch, ich bin in Gelsenkirchen geboren, habe seit meinem achten Lebensjahr auf Schalke gespielt, bin auf Schalke Profi und Nationalspieler geworden. Den größten Teil meiner Profi-Laufbahn habe ich auf Schalke verbracht. Mein verstorbener Vater war Schalker durch und durch, meine ganze Familie besteht im Prinzip nur aus Schalkern. Das schüttelst du dann nicht einfach so ab, wenn es dem Verein so schlecht geht wie jetzt.

Sie wollten sich in noch etwas besseren Zeiten selbst einbringen und für den Aufsichtsrat kandidieren, wurden vom Wahlausschuss aber gar nicht erst zur Wahl zugelassen. Was war da los?

Keine Ahnung, das weiß ich bis heute nicht. Das war vor zwei Jahren. Ich habe mich ganz normal mit den Leuten unterhalten. Dann hieß es, dass man sich anders entschieden hätte. Eine Begründung gab es nicht. Ich will das wirklich nicht zu hoch hängen: Aber ich war Nationalspieler, bin Mitglied der Schalker Jahrhundert-Mannschaft – und dann werde ich nicht mal zur Wahl zugelassen? Hinterher bei der Wahl selbst von den Schalke-Mitgliedern eventuell nicht gewählt zu werden, das muss man akzeptieren, okay. Aber nicht mal zur Wahl zugelassen werden? Das war für mich schon ein Tiefschlag, an dem ich auch bis heute noch zu knabbern habe. Im Nachhinein muss ich sogar sagen: Das war eine Frechheit! Man hat mir dann sogar noch in Aussicht gestellt, dass ich schon noch irgendwie eingebunden werde, aber dann habe ich nichts mehr gehört. Schade, ich hätte mich gerne in irgendeiner Form im Verein eingebracht. Und ich glaube, da bin ich von vielen „alten“ Schalkern nicht der einzige..

Ihre Trainer-Karriere führte Sie ins Ausland, aber nicht in die Bundesliga. Warum hat es dazu nicht gereicht?

Da muss man ganz realistisch sein: Die meisten kennen mich halt als Spieler, und da hatte ich eben den Ruf, die Dinge vielleicht etwas lockerer zu sehen und ganz gern auch mal einen Flachs zu machen. Dass ich als Trainer ganz anders gearbeitet habe, haben die meisten dann gar nicht mitbekommen, weil meine Stationen im Ausland waren. Ich habe aber sowieso sehr gern im Ausland gearbeitet. Nach meiner Zeit in Lettland hätte ich in die Türkei nach Antalyaspor gehen können, das hätte ich auch gern gemacht. Dann kam meine Krebserkrankung dazwischen, die ich nun Gott sei Dank komplett überwunden habe. Aber die hat viel Kraft gekostet, auch wenn ich das nie an die große Glocke gehängt habe. Und natürlich hat das alles auch viel Zeit gekostet. Und in dieser Zeit sind sehr viele junge Trainer nachgekommen.

Der Gute-Hoffnung-Satz zum Abschluss: Nach dem Derby-Sieg am Samstag steigt Schalke….

… mit ganz viel Glück nicht ab. Dann muss außer Schalke aber auch die Konkurrenz mitspielen.

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