BVB-Coach Edin Terzic und die Mannschaft von Borussia Dortmund müssen an 09 Baustellen arbeiten. © Christopher Neundorf/Kirchner-Media/pool
Borussia Dortmund

Wo der BVB besser werden muss: 09 schwarzgelbe Baustellen

Beim BVB läuft es nicht rund, derzeit fehlendes Spielglück allein ist aber nicht die Erklärung für den Negativlauf. 09 Baustellen, an denen Borussia Dortmund arbeiten muss.

Sebastian Kehl versuchte schon am Sonntag, den Blick nach vorn zu richten. „Wir werden“, kündigte der Lizenzspieler-Leiter an, „die Schlagzahl in dieser Woche deutlich erhöhen.“ Dies ist auch unbedingt nötig angesichts der vielen aktuellen Probleme bei Borussia Dortmund. Wir nennen 09 Baustellen, an denen der BVB dringend arbeiten muss.

09 Baustellen: Hier ist der BVB gefordert

1.) Intensität: Die Leistung am Samstag ist das Produkt der Trainingsleistungen unter der Woche. Es gibt einige Gründe, warum die Intensität in den Einheiten zuletzt wohl nicht hoch genug war. Zuallererst das Verletzungspech: In Dan-Axel Zagadou, Thorgan Hazard, Thomas Meunier und Axel Witsel fehlten vier Stammspieler verletzt. Ein Manuel Akanji zum Beispiel musste keine Konkurrenz fürchten, weil im Kader schlichtweg keine Innenverteidiger-Alternativen zur Verfügung standen. Permanent auch im Training ans Limit gehen zu müssen sorgt dafür, dass man dies auch am Wochenende automatisch macht. Unter dem umgekehrten Effekt leidet aktuell der BVB. Generell fehlt echter Konkurrenzdruck: Von der zweiten Reihe in Dortmund kommt zu wenig Druck auf die Etablierten, auch unter der Woche. Das sorgt in einem schleichenden Prozess dafür, dass am Ende auch in den Spielen ein paar Prozent fehlen.

2.) Konzentration: Hier ein Schritt zu wenig, da die ein oder andere Nachlässigkeit zu viel: Gegentore nach Standards oder Weitschuss-Gegentore wie am Samstag in Freiburg sind zu verteidigen, wenn die Konzentration aller hoch bleibt. Die Nachlässigkeit in diesem Bereich zeigt sich auch in manchmal fehlender Passschärfe. Wenn der Ball den einen Meter zu kurz oder in den Rücken des startenden Mitspielers gespielt wird, unterbindet dies sofort die flüssige Umschaltaktion. Es sind diese Unkonzentriertheiten, von denen Borussia Dortmund in dieser Saison zu viele an den Tag legt.

Spieler wie Julian Brandt erlauben sich beim BVB zu viele Unkonzentriertheiten. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

3.) Gegenwehr: Das Spiel in Leipzig hat gezeigt, wie es gehen kann. 45 Minuten lang beharkten sich RB und BVB in intensiven Zweikämpfen, es war ein klares Signal der Borussia an den Gegner, dass an diesem Tag über diese Spielweise der Erfolg für Leipzig nur sehr schwer zu erzielen sein würde. Das war die Grundlage für eine starke zweite BVB-Hälfte, in der Dortmund dann auch spielerisch zulegte und den Sieg nach Hause brachte. Zu oft aber reichen Gegnern des BVB eine gute defensive Staffelung und eine intensive Zweikampfführung, um der Borussia den Schneid abzukaufen.

4.) Mehr Miteinander: Als Borussia Dortmund in der Hinrunde acht der ersten zehn Partien ohne Gegentor beendete und allesamt gewann, lobten sich die Spieler für die neue Verteidigungsbereitschaft. Sie fußt vor allem auf der Bereitschaft, für den Mitspieler den einen Meter mehr zu machen, Hilfe anzubieten und durch permanente Kommunikation potenzielle Brandherde frühzeitig zu erkennen. Davon ist nicht viel übrig geblieben. Spiele als Mannschaft für sich zu entscheiden, gelang in Leipzig, es gelang auch gegen Wolfsburg. Zu oft aber haben die einzelnen Spieler mit sich selbst genug zu tun, darunter leidet Borussia Dortmund auch als Team.

5.) Körpersprache: Ein großes Qualitätsmerkmal der Bayern ist die Fähigkeit, dem Gegner schon durch selbstbewusstes Auftreten klarzumachen, wer als Sieger vom Platz gehen wird. Vom Dortmunder „Mia san mia“ ist beim BVB nicht viel zu sehen, die Verunsicherung ist mittlerweile ebenso schnell zu spüren wie bisweilen die Probleme dieser Mannschaft, sich mit allem gegen drohende Niederlagen zu stemmen. Gegner registrieren das sehr schnell. Zu oft gehen die Köpfe nach Rückständen nach unten. In Freiburg gab es lediglich eine kurze Phase nach dem 1:2-Anschlusstreffer, in der Dortmund mit Herz um den Ausgleich kämpfte. Der BVB muss dringend wieder mehr von der Dominanz ausstrahlen und als Team verkörpern, die vor allem „kleineren“ Gegnern früher schnell den Zahn zog.

6.) Zielstrebigkeit: Mit Power aufs Tor zu gehen, den unbedingten Willen auszustrahlen, einen Angriff mit einem Tor abzuschließen, das strahlt derzeit oft nur Erling Haaland aus oder wie in Freiburg der junge Youssoufa Moukoko. Auch Haalands Körpersprache hat zuletzt nicht immer gepasst. Oft zieht der BVB seine Angriffe wie im Handball um die gegnerische Strafraumlinie herum auf – es fehlen Tiefe und Tempo im eigenen Spiel, mit denen man auch überraschende Aktionen kreieren könnte. Mehr Mut zu riskanten Anspielen könnte nicht schaden. Ebenso wenig, wie „den Ball einfach mal ins Tor zu dreschen“, wie Terzic am Anfang seiner Trainerzeit mal formulierte.

7.) Führungsstärke: Die Brandrede, die Trainer Edin Terzic am Sonntag nach dem Spiel in Freiburg an die Mannschaft richtete, zielte in erster Linie an die Führungsspieler ab. Wenn in einer Mannschaft so viele junge Spieler nahe an der ersten Elf sind wie beim BVB, sind die erfahrenen Kräfte im Team besonders gefordert. Beim Abpfiff in Freiburg standen fünf Spieler auf dem Platz, die nicht älter als 20 sind. Erfahrung, wie man Rückstände aufholt, haben sie noch zu selten gesammelt. Mats Hummels und Marco Reus sind nur zwei etablierte Spieler, die in dieser Phase vorangehen müssen. Vor allem Reus aber kämpft derzeit mit sich selbst. Man würde dies auch gern von Raphael Guerreiro sehen, der aber in schwierigen Phasen zu oft mit dem Rest untergeht.

8.) Professionalität: Wenn der linke Verteidiger auf der halbrechten Offensivseite herumirrt und das keine situative Ausnahme ist, andere den Weg zurück nach Ballverlusten verweigern und stattdessen resignierend die Hände in die Hüften stemmen, dann gefährden diese taktischen Undiszipliniertheiten den Teamerfolg. Gerade in den Momenten, in denen es nicht läuft, braucht eine Mannschaft eine professionelle Herangehensweise aller Spieler.

09.) Den Ernst der Lage erkennen: Man kennt Mats Hummels als wortgewandten Redner, der auch direkt nach Spielende schon geschliffene Analysen liefern kann und dabei gern auch den Finger in die Wunde legt. Dass er den BVB nach dem 1:2 in Freiburg allerdings „vom Spielpech verfolgt“ sah und eigentlich gar nicht so weit weg vom richtigen Weg, musste verwundern. Die Bilanz nach der kurzen Weihnachtspause ist desaströs. Will Borussia Dortmund zurück in die Spur, müssen alle erkennen, dass die Qualifikation für die Champions League ernsthaft gefährdet ist – und dass es ein „Weiter so!“ nicht geben darf.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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