Die BVB-Profis Nico Schulz (l.) und Thomas Meunier bei einer Trainingseinheit. © imago images/Kirchner-Media
Borussia Dortmund

Teure und langfristige Verträge: Der BVB-Kader auf dem Prüfstand

Beim BVB sitzen viele Profis auf teuren, langfristigen Verträgen, die wegen der Corona-Pandemie aktuell nicht marktgerecht sind. Was lässt sich überhaupt verändern an diesem Kader?

Borussia Dortmunds Mannschaft soll sich im Sommer verändern. Das enttäuschende Abschneiden in dieser Bundesliga-Saison samt Trainerwechsel im vergangenen Dezember hat den BVB-Verantwortlichen schmerzlich vor Augen geführt, dass der Kader nicht so ausgeglichen und gut ist, wie man es vor der Spielzeit gehofft hatte. Platz fünf in der Tabelle, womöglich eine nächste Saison ohne Champions-League-Spiele und -Einnahmen: Unter dem Strich sind zu viele Spieler ihren Qualitätsnachweis schuldig geblieben.

BVB-Kaderplanung: Man war guter Dinge bei Borussia Dortmund

Dabei war man beim BVB im vergangenen November noch ganz guter Dinge. „Ich habe schon im Sommer gesagt, dass wir insgesamt eine bessere Balance in der Mannschaft haben, auch durch die Änderungen, die wir vorgenommen haben“, sagte Michael Zorc, als es für Borussia Dortmund in der Tabelle noch deutlich freundlicher aussah. Man war immerhin Zweiter, lag nur einen Punkt hinter den Bayern. Die Balance zwischen Defensive und Offensive sei besser, meinte der Dortmunder Sportdirektor, „aber auch die Balance zwischen Künstlern und Kreativen sowie den Jungs, die eher von der Seite der Hausaufgaben-Erledigung kommen“. Das passe alles „ganz gut zusammen“.

Doch danach passte auf einmal nicht mehr viel zusammen, im Pokal noch, in der Champions League auch noch, aber in der Bundesliga ging vieles den Bach runter.

Der finanzielle Spielraum beim BVB ist nicht unendlich groß

Die spannende Frage wird sein, wie viel der BVB in Zeiten deutlich knapperer Mittel und womöglich fehlender Champions-League-Millionen im Sommer an seinem Kader tatsächlich verändern kann. Präsident Reinhard Rauball bezeichnete die nächsten beiden Spielzeiten jüngst zwar als bereits „durchfinanziert“, aber wie viel Spielraum bleibt für Nachjustierungen?

Klar ist bis jetzt nur, dass in Lukasz Piszczek und Marcel Schmelzer zwei verdiente Spieler vom BVB verabschiedet werden. Ihre Verträge laufen aus und werden nicht mehr verlängert. Mit Felix Passlack, dessen Vertrag im Sommer ebenfalls ausläuft, werden noch Gespräche über die nahe Zukunft geführt.

Der BVB kann Geld sparen, aber keines einnehmen

Durch die Abgänge Piszczeks und Schmelzers spart der BVB mehrere Millionen Euro Gehalt, Ablösesummen aber kassiert er nicht – und diese auslaufenden Verträge allein werden freilich nicht reichen, um den aktuellen Kader nachhaltig umzubauen. Dafür braucht es deutlich höhere Einnahmen, zum Beispiel durch einen Verkauf Jadon Sanchos.

Doch selbst für den Fall, dass der junge Engländer den BVB in diesem Sommer für viel Geld verlassen sollte, bleiben finanzielle Baustellen, die den Verantwortlichen Sorgen bereiten dürften. Denn viele Verträge, die der BVB mit seinen Spielern vor der Corona-Pandemie ausgehandelt hat, sind durch die Auswirkungen und Verluste der Pandemie aktuell nicht mehr zeitgemäß und marktgerecht, auch nicht, wenn die Spieler in Zeiten von Geisterspielen auf zehn Prozent ihres Gehalts verzichten. Bei Leistungsträgern und Stammspielern ist das deutlich besser zu verschmerzen als bei sportlichen Sorgenkindern und fußballerischen Nebendarstellern. Und genau davon hat Borussia Dortmund aktuell zu viele und vor allem zu kostspielige.

BVB-Profis haben oft teure und langfristige Verträge

Die Liste der teuren und langfristigen Verträge, die die BVB-Ressourcen belasten, ist lang: Thomas Meuniers Vertrag läuft bis 2024, ist kurz vor der Corona-Pandemie ausgehandelt worden und hoch dotiert – auch, weil er im vergangenen Sommer ablösefrei zum BVB wechseln konnte, ist sein Gehalt üppig. Julian Brandts Vertrag läuft ebenfalls bis 2024, Nico Schulz‘ Kontrakt auch. Thorgan Hazard, der in dieser Aufzählung sicherlich am besten, aber auch nicht vollends die Erwartungen erfüllt hat, steht ebenso bis 2024 unter Vertrag.

Alle waren zur Zeit ihrer Unterschriften Leistungsträger in ihren Vereinen und Nationalspieler, der BVB schrieb hervorragende Zahlen, konnte hohe Ablösesummen begleichen und mit sehr hohen Gehältern locken. Hinzu kommen zudem die derzeitigen Leihspieler Marius Wolf, Vertrag bis 2023, und Leonardo Balerdi, Vertrag bis 2024, die nach jetzigem Stand im Sommer erst einmal zum BVB zurückkehren und auch nicht umsonst Fußball spielen. Im Gegenteil.

BVB-Reservespieler verschlingen viel Gehalt

Allein diese sechs Spieler verschlingen pro Saison über 35 Millionen Euro an Gehalt. Bis auf Hazard darf sich kein einziger von ihnen Stammspieler beim BVB nennen. Das Problem ist, dass es aktuell, anders als vor der Pandemie, keinen Markt mehr für sie gibt. Zumindest nicht zu den aktuellen Konditionen. Ein Nico Schulz, da braucht man kein Prophet sein, wird nach oder in der Pandemie nie wieder einen solchen Vertrag unterschreiben können wie seinen jetzigen bei Borussia Dortmund, ein Thomas Meunier oder ein Marius Wolf auch nicht.

Der BVB steckt daher in der misslichen Lage, dass er es entweder mit diesen Spielern und einem neuen Trainer schaffen muss, in der neuen Bundeliga-Saison besser abzuschneiden als in der laufenden Spielzeit, was freilich weit weg von unmöglich ist, oder er muss, sollte er den Kader radikaler verändern wollen, bereit sein, möglichen Interessenten auf sehr großzügige Art und Weise entgegenzukommen und abgehende Spieler mit sehr viel Geld abzufinden. Oder er muss darauf hoffen, dass Spieler wie Schulz, Brandt oder Meunier unter Marco Rose doch noch so aufblühen, wie es erst unter Lucien Favre und nun unter Edin Terzic nicht passiert ist. Falls nicht, drohen sehr teure Bankdrücker, die nicht nur viel Geld kosten, sondern auch noch benötigte Kaderplätze besetzen würden.

BVB-Sportdirektor Michael Zorc steht vor einer immensen Aufgabe

Michael Zorc steht in seiner letzten Sommer-Transferperiode also noch einmal vor einer immensen Aufgabe. Bevor er 2022 den verdienten Sportdirektoren-Ruhestand antritt, muss er noch einmal mehr am Dortmunder Kader basteln, als ihm lieb sein dürfte – und das unter erschwerten Bedingungen. Er sagt: „Generell erwarte ich, dass es auf dem Transfermarkt im Sommer – wie schon im vergangenen Jahr – deutlich ruhiger zugehen wird als in den Jahren vor der Corona-Pandemie. Wir sind jetzt im April, da werden ja sonst normalerweise schon die ersten Transfers vermeldet für den Sommer. Da ist alles noch sehr ruhig im Moment.“

Er gehe davon aus, erklärt Zorc, „dass Entscheidungen später getroffen werden, weil die Klubs zum einen abwarten müssen, wo sie landen, und zum anderen abwarten müssen, was auf der Abgabeseite passiert und umgesetzt wird“. Bei allen Klubs sei einfach deutlicher weniger Geld in der Kasse als vor der Pandemie. „Die Einnahmeverluste zum Beispiel durch die Geisterspiele, die kommen ja nicht wieder, die sind einfach weg. Und natürlich müssen die Klubs sich entsprechend aufstellen und ihr Handeln nach diesen Verlusten ausrichten.“

Für große Kader-Umbaupläne sind das gewiss nicht die besten Vorzeichen. Für den Verkauf sehr teurer Fußballprofis auch nicht.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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