BVB-Trainer Edin Terzic präsentiert den DFB-Pokal. © imago / Norbert Schmidt
Borussia Dortmund

Terzic-Ausbilder Peter Lange: „Er hat sich beim BVB ein Denkmal gesetzt“

Das Duell zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen ist auch das Aufeinandertreffen der Freunde Edin Terzic und Hannes Wolf. Wir haben mit ihrem Ausbilder Peter Lange gesprochen.

Herr Lange, Sie sind als Trainer mit den Spielern Hannes Wolf und Edin Terzic zweimal Deutscher Uni-Meister geworden. Was hat diese beiden Jungs ausgezeichnet?Beide waren Stürmer. Der Hannes konnte besonders gut den Ball abschirmen und festmachen, bis die Mitspieler nachgerückt sind. Das ist ihm besser gelungen als manchen, die ich heute in der Bundesliga sehe. Edin kam gerne über den rechten Flügel. Er war sehr schnell. Und trickreich. Auf beide Jungs konnte man sich immer verlassen. So sind wir 2006 und 2007 Hochschulmeister geworden und einige zur Europameisterschaft gefahren. Eine tolle Truppe, das hat viel Spaß gemacht.

Jetzt treffen Ihre Absolventen als Trainer in der Bundesliga aufeinander, Edin Terzic mit dem BVB und Hannes Wolf mit Bayer Leverkusen. Was erwarten Sie?

Die beiden sollen Spaß haben und es genießen, dass sie auf diesem Niveau gegeneinander antreten können. Das wird eine freundschaftliche Begegnung. Es geht ja zum Glück für beide Vereine nicht mehr um das Große und Ganze, Champions League und Europa League sind erreicht.

Peter Lange (77) ist Diplom-Sportlehrer und DFB-Fußballlehrer. Er kann auf zahlreiche Trainerstationen im In- und Ausland zurückblicken. Lange wurde mehrfach Deutscher Meister im Rudern. Mit Hannes Wolf und Edin Terzic wurde er 2006 und 2007 Deutscher Hochschulmeister. An der Ruhr-Universität Bochum arbeitete Lange von 1976 bis 2009 als Dozent und Fachleiter Fußball.

Wie verblüfft sind Sie, dass Edin Terzic so erfolgreich beim BVB arbeitet?

Mit dem Sieg im DFB-Pokal hat er sich ja sogar ein Denkmal gesetzt. Es gibt nicht viele Trainer in Deutschland, die das erreicht haben. Es freut mich für ihn, er kommt ja auch überall gut an. Ich habe mich auch für Hannes gefreut über seine Erfolge wie die U19- und U17-Meisterschaften mit dem BVB oder den Bundesliga-Aufstieg in Stuttgart. Manchmal hätte ich ihm mehr Ellenbogen gewünscht, aber beim Hamburger SV scheitert ja früher oder später jeder Trainer. Sogar der alte Haudegen Horst Hrubesch hat das Ruder jetzt nicht mehr herumreißen können.

Warum bekommt Edin Terzic so viel Zuspruch?

Er hat eine offene und ehrliche Art. Das weckt Sympathien. Er gesteht auch mal einen Fehler ein, er nimmt mal Dinge vorweg und gibt flotte Antworten. Er knurrt nicht herum, ist meist liebenswürdig. Offenbar kommt sein Führungsstil auch bei der Mannschaft an. So viele Nationalitäten und unterschiedliche Kulturen in einer Mannschaft muss man erst einmal anleiten können. Dazu benötigt man viel Feingefühl und Verständnis. Es hilft ihm sicher auch, dass er vielsprachig auf die Gruppe einwirken kann. Er hat beim BVB wieder Begeisterung geweckt und ist nah dran an den Spielern. Sie folgen ihm, weil er auf einer Ebene mit ihnen agieren kann. Die jungen Spieler fressen ihm aus der Hand, und die alten haben erkannt, dass man mit ihm als Trainer erfolgreich sein kann.

Terzic soll beim BVB wieder Co-Trainer werden und wird jetzt schon als Kandidat bei anderen Bundesligisten gehandelt.

Ob dasselbe Rezept sich auch bei einer anderen Mannschaft in Frankfurt oder Wolfsburg anwenden lässt, ist schwer zu sagen. Da gibt es viele Beispiele, wo es nicht funktioniert hat. Man sollte auch nicht unterschätzen, dass Edin ein glühender BVB-Fan und in der Region verwurzelt ist. Er steckt in der guten Position, dass er selbst entscheiden kann, ob er ins zweite Glied rückt beim BVB oder es woanders als Cheftrainer versucht.

Viele BVB-Fans würden ihn gerne weiter als Cheftrainer in Dortmund sehen anstelle von Marco Rose.

Als die Entscheidung für Marco Rose getroffen wurde, stockte es ja sehr beim BVB. Er war der auserkorene Nachfolger von Lucien Favre. Im Februar schien diese Wahl goldrichtig. Nun sieht manches anders aus, aber deswegen ist sie nicht falsch.

Hannes Wolf hat schon als Student erste Erfolge im Amateurbereich feiern dürfen. War seine Karriere vorgezeichnet?

Ich denke, sein Ehrgeiz, seine Neugier und sein Wissen haben ihm dazu verholfen. Als Hannes Wolf aus Nürnberg zurückkam, seine Profikarriere beendet war und er wegen Verletzungen kaum noch laufen konnte, habe ich ihn ermutigt und es forciert, dass er im Fußball weiter macht. Das hat er sicher sehr geschätzt. Und er hat in beeindruckender Weise seinen Weg gemacht.

Mehr als ein Dutzend Absolventen Ihrer Ausbildung hat es in den hoch ambitionierten Fußball geschafft – als Trainer, Analyst oder Manager. Was ist das Geheimnis des Erfolges?

Ich habe die Studierenden immer angetrieben und gesagt: Wenn ihr wollt, dass Fußball nicht nur die schönste Nebensache der Welt bleibt, sondern auch zu eurem Beruf wird, dann müsst ihr mehr machen und Fußballlehrer werden. Da reicht kein Staatsexamen oder Diplom. Außerdem liegt die Ruhr-Universität mit ihrer Ausbildung von Diplom-Sportlehrern den Klubs im Ruhrgebiet rein räumlich sehr nahe. Das hat sich dann entwickelt, auch in Kooperationen mit dem Verband. Zuletzt gab es zwischen der RUB und dem BVB noch ein Projekt zur Entwicklung des Juniorenbereichs.

Wofür steht die Ausbildung?

Aus der Ausbildung für Diplom-Sportlehrer entwickelten sich Spezialisten. Ein wesentlicher Impuls ging auch von Gustl Wilke aus, dem Trainer von Borussia Dortmunds Handballerinnen. Wir haben uns schwerpunktmäßig mit der Analyse des Spiels befasst und diesen Aspekt stark vorangetrieben. Es ist doch etwas anderes, ob ich ein Spiel von der Tribüne aus beobachte, aus der Froschperspektive vom Spielfeldrand oder ob ich sogar von oben draufschauen kann. Wir haben in der Sporthalle schon sehr früh zwei Kameras in der Hallendecke verbaut. So konnten wir beim Handball, Fußball oder Volleyball sehen und analysieren, wie sich die Spieler bewegten, wie das Spiel lief.

Und das hat neue Perspektiven eröffnet.

Die Sicht der Spieler und die Sicht von außen: Das sind mitunter ganz andere Wahrnehmungen. In der Draufsicht ergibt sich eine andere Orientierung, mit entsprechenden Analysemöglichkeiten. Anfang der 2000er haben wir einen viel beachteten Kongress veranstaltet: „Das Spiel mit dem Auge sehen.“ Diese Herangehensweise hat den modernen Fußball nach vorne gebracht.

Statistiken, Datenanalysen und gläserne Athleten: Wird der Fußball zu sehr verwissenschaftlicht?

Da steckt sogar noch sehr viel mehr Potenzial drin. In der englischen Liga ist das schon lange gefragt, nahezu jeder Spitzenverein hat einen universitären Partner. Was die weitere Entwicklung betrifft, gilt für den Fußball das gleiche wie für andere Wirtschaftsbereiche wie etwa die Autoindustrie. Der Fußball wird sich Schritt für Schritt modernisieren, und oft kommen die Impulse aus der Wissenschaft. Ohne dass die Wissenschaft immer richtig liegt, oder im Vordergrund stehen muss.

In welchen fußballspezifischen Bereichen sehen Sie die größten Potenziale?

Wissenschaft muss dem Fußball und den Spielern dienen. Wir sehen, dass die Belastungen für die Spieler immer größer, immer intensiver werden. Vor allem die Regeneration gehört für mich zu den wichtigsten Bausteinen im Profisport. Wie kann ich den Körper belasten und gleichzeitig schonen? Da kann Wissenschaft viel leisten. Das gilt auch für die Trainingslehre, für die Ernährung und die Psychologie. Wer da die neusten Erkenntnisse mit Spaß und Begeisterung kombinieren kann, der kann dann auch Mannschaften führen und den Glauben vermitteln: Ja, das funktioniert.

Klingt so, als bräuchte es neben den Trainerlizenzen oder dem Fußballehrer-Schein noch eine universitäre Ausbildung.

Diese Tendenz hat sich längst durchgesetzt. Unser Absolvent Michael Henke wurde schon 1989 DFB-Pokalsieger mit dem BVB. Ottmar Hitzfeld hat die Ausbildung als Sportlehrer abgeschlossen, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel haben studiert. Diese Doppelqualifikation ist kein Muss, aber wenn Trainer eine universitäre Ausbildung und einen pädagogischen Hintergrund mit ihrer Fußball-Fachkompetenz verbinden können, ist das sicher kein Nachteil.

Sie selbst waren erfolgreicher Ruderer.

Da fällt mir eine Anekdote ein: Ich habe die Fußballlehrerausbildung in Köln unter anderem gemeinsam mit Lothar Emmerich gemacht. Emma sagte immer zu mir: Fußballspielen können wir alle, aber du bist der einzige, der den Ball mit dem Paddel reinhauen kann. Später kam er dann zu mir und fragte: Peter, wie geht das mit dem Laktat?

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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