BVB-Keeper Roman Bürki in Aktion. © imago images/Revierfoto
Borussia Dortmund

Roman Bürki und der BVB – halbechte Liebe

Torhüter Roman Bürki spielt bei Borussia Dortmund seine sechste Saison als Stammtorwart. Wirklich unumstritten war er im Umfeld nie. Nun steht er mal wieder in der Kritik.

Roman Bürki stapfte bedient vom Rasen. Die Laune war so, wie sie halt ist, wenn Torhüter vier Gegentreffer in einem Spiel kassieren. 2:4 bei Borussia Mönchengladbach: Der vergangene Freitagabend war nicht nur für Borussia Dortmund ein weiterer Rückschlag in dieser Saison, die sich für den BVB bislang so anfühlen muss wie immer wiederkehrende Turbulenzen auf Langstreckenflügen (und im schwarzgelben Lager auch ungefähr so viel Spaß verbreiten dürfte), der vergangene Freitagabend war auch für Roman Bürki ein Tiefpunkt in dieser Saison.

Gladbach – BVB: Bürki trägt eine Mitschuld an der Niederlage

Nicht unbedingt nur wegen der Zahl vier bei den Gegentoren im Borussia-Park, Bürki hatte vor ein paar Wochen gegen den VfB Stuttgart im eigenen Stadion ja sogar mal fünf Einschläge im eigenen Gehäuse hinnehmen müssen. Eher deshalb, weil der Schweizer dieses Mal eine ordentliche Mitschuld an der Niederlage trug. Und auch deshalb, weil es für Bürki und den BVB „das Ende einer fürchterlichen Arbeitswoche“ war, wie der „Spiegel“ am Samstag auf seiner Internetseite titelte.

Doch am besten der Reihe nach: Es lief die 32. Minute, Borussia Dortmund führte zu diesem Zeitpunkt 2:1, als der Gladbacher Kapitän Lars Stindl einen Freistoß aus rund 20 Metern direkt aufs Dortmunder Tor zog. Der Ball flog an Freund und Feind vorbei, Marco Reus und Emre Can ließen den Ball durch eine merkwürdige und zusätzliche Zwei-Mann-Mauer flutschen – und Bürki patzte schwer, weil er den Ball nicht zur Seite klärte, sondern vor Nico Elvedis Füße prallen ließ. Abstauber. 2:2.

BVB-Keeper Roman Bürki unterläuft ein offensichtlicher Fehler gegen Gladbach

Es war der offensichtlichste Fehler, der Bürki in der vergangenen Woche unterlief, aber nicht der einzige. Schon beim 0:1, das ebenfalls Elvedi erzielte, hatte sich der 30-Jährige dazu entschieden, bei Jonas Hofmanns Freistoß-Flanke aus dem Halbfeld lieber drei Schritte zurück in Richtung Torlinie zu gehen, als zwei nach vorne und den Ball womöglich zu fangen. Und auch beim dritten Gladbacher Tor nach einer Standardsituation, dem finalen 4:2 durch Marcus Thuram, entschied sich Bürki nach kurzem Zögern bei Florian Neuhaus‘ Ecke für die Torlinie und gegen den mutigen Ausflug durch den Fünfmeterraum in Richtung Ball.

Am Ende der tatsächlich sehr frustrierenden Arbeitswoche standen für den BVB im Allgemeinen nur ein Punkt aus den drei Pflichtspielen gegen Mainz 05 (1:1), Bayer Leverkusen (1:2) und eben Borussia Mönchengladbach (2:4), für Roman Bürki sieben Gegentore im Speziellen, bei denen in mindestens fünf Fällen auch über den Torwart diskutiert werden musste oder wurde. Gegen Mainz hatte Levin Öztunali zwar wunderschön aus der Distanz, aber nicht gänzlich unhaltbar zur Führung für die 05er getroffen. In Leverkusen hatte Florian Wirtz den Ball zwar wuchtig, aber ebenfalls nicht unhaltbar zu Bayers 2:1-Sieg ins Tor geschossen.

BVB-Keeper Roman Bürki zeigt auch gute Leistungen

Das war für Bürki auch deshalb bitter, weil er in Leverkusen ansonsten eine gute Leistung gezeigt hatte. Nach 90 Minuten standen elf Paraden für den Schlussmann in der Statistik (ligaweiter Saisonrekord und Einstellung der persönlichen Bestleistung), so aber wurde vielmehr über die zwölfte Parade gesprochen, die er nicht gezeigt hatte – und unter dem Strich blieb einmal mehr der Eindruck hängen, dass Borussia Dortmund im Großen und Ganzen wohl eher ein Torwartproblem als den perfekten Schlussmann zwischen den Pfosten für sich verbuchen kann.

Dabei hatte Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc noch im vergangenen Juni, als der BVB den Vertrag mit Bürki bis zum 30. Juni 2023 verlängerte, gesagt: „Wir freuen uns, dass in Roman Bürki einer der konstantesten Torhüter der Bundesliga weiterhin bei uns zwischen den Pfosten steht. Damit ist eine wichtige Position langfristig und exzellent besetzt.“

Roman Bürki fehlt die Lobby bei Borussia Dortmund

Doch trotz Zorcs warmer Worte und Bürkis mittlerweile bereits sechsten Saison als Stammtorwart in Dortmund mit durchaus auch herausragenden Spielen weiß der ehemalige Schweizer Nationalspieler, der 2015 für dreieinhalb Millionen Euro vom SC Freiburg zu den Westfalen wechselte, beim BVB keine allzu große Lobby hinter sich. Bürki spielt und spielte bei Borussia Dortmund zwar eigentlich immer, wenn er fit ist und war, so richtig unumstritten ist und war er bei den Fans und mitunter auch intern dennoch eigentlich nie. Der allgemeine Tenor ist schnell zusammengefasst: Bürki ist sicherlich ein guter Bundesliga-Torwart, aber bei Borussia Dortmund sollte es dann vermutlich doch bitte ein bisschen mehr sein.

Bürki selbst sagte im vergangenen August im Interview mit dem „Kicker“, er habe nicht das Gefühl, dass es ihm beim BVB an der nötigen Unterstützung mangele. „Es interessiert mich auch nicht mehr so, was gesagt oder geschrieben wird“, erklärte er. „Ich versuche einfach, ruhig zu bleiben. Was soll ich auch groß sagen, wenn es nach dem Bayern-Spiel heißt: Der Bürki hat zu kurze Arme. Dann ist es komplett vorbei bei mir. Dann denke ich: Diskutiert doch, über was ihr wollt! Mich trifft das nicht mehr, ich komme gut damit klar, ich weiß, was ich kann. Und ich spüre das Vertrauen im Verein. Da fragt niemand: Was war denn los beim Tor? Sondern: Geil gemacht von Kimmich. Das ist der Unterschied.“

Ein Blick in die BVB-Daten lässt die Bürki-Kritiker nicht verstummen

Für die offiziellen Statements der Dortmunder Verantwortlichen mag das stimmen, für die inoffiziellen vielleicht eher nicht.

Und ein Blick in die Welt der Daten wird die Kritiker nicht verstummen lassen, im Gegenteil. Seit Sommer 2015 verzeichnet der Daten-Dienstleister „Deltatre“ für Bürki 68 Prozent abgewehrte Bälle, bei Manuel Neuer sind es im gleichen Zeitraum 72 Prozent. In dieser Saison liegt Bürkis Wert der abgewehrten Bälle mit 64,9 Prozent trotz seiner elf Paraden in Leverkusen deutlich unter seinem Durchschnittswert – und Bürki belegt damit unter den Stammtorhütern der Bundesliga aktuell nur Rang 13.

BVB-Keeper Bürki ist kein Elfmeter-Killer

Hinzu kommt der Makel, dass er in der Bundesliga noch nie einen Elfmeter parieren konnte. 20 Strafstöße flogen bislang auf Bürkis Tor, alle waren drin. Noch vier weitere verwandelte Elfmeter gegen Bürki würden einen neuen Bundesliga-Rekord bedeuten, den aktuell Michael Rensing für sich beanspruchen muss. Gegen den ehemaligen und einst vermeintlichen Thronfolger von Oliver Kahn bei Bayern München fanden 23 Strafstöße den Weg ins Tor.

Gravierender als die kassierten Strafstoß-Gegentore sind allerdings Bürkis Probleme mit dem Ball am Fuß, die dem BVB immer wieder einen Nachteil im Spielaufbau bescheren. Von seinen langen Pässen brachte der Mann aus Münsingen laut Deltatre in dieser Bundesliga-Saison bislang nur 32 Prozent zum eigenen Mitspieler, Neuer oder Peter Gulasci (RB Leipzig) dürfen einen Wert von 45 Prozent für sich reklamieren.

BVB-Keeper Bürki ist kein Weltklasse-Torhüter

Nun mögen Vergleiche mit Manuel Neuer, fünfmaliger Welttorhüter des Jahres, freilich unfair sein, aber es zeigt, wie sehr die BVB-Fans auch zwischen den Toren nach Weltklasse lechzen – und vielleicht auch, was es in einem Bundesliga-Kader eben auch braucht, um die Bayern endlich mal wieder vom Thron zu schubsen.

Das große Problem dabei ist, das zu oft vergessen wird, wie viel diese Weltklasse auf der Torhüter-Position mittlerweile auf dem Transfermarkt kostet. Alisson Becker wechselte 2018 für über 60 Millionen Euro von der AS Rom zum FC Liverpool, Kepa Arrizabalaga ebenfalls 2018 sogar für 80 Millionen Euro von Athletic Bilbao zum FC Chelsea – und der Spanier ist noch nicht einmal Stammtorhüter bei den Blues.

Der BVB kann sich keinen teuren Torwart leisten

In Zeiten einer Pandemie und zunehmend leerer Kassen ist das für Borussia Dortmund ein doppeltes Problem – und es ist ja auch nicht so, dass man das wenige Geld nur für einen Torhüter ausgeben könne und dann alles wieder gut wird. Es gibt genug andere Baustellen. Und Roman Bürki, der noch vor zwei Wochen in einer Medienrunde sagte, dass der BVB „im Moment wieder auf einem aufsteigenden Ast“ sei, wird wohl weiterhin damit leben müssen, dass in Dortmund noch häufiger an dem Ast gesägt werden wird, auf dem er seit über fünf Jahren sitzt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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