Ist die DFB-Elf reif für den EM-Titel? © picture alliance/dpa
Meinung

Pro und Contra: Kann das DFB-Team den EM-Titel holen?

Am Dienstag startet die DFB-Elf gegen Weltmeister Frankreich in die EM. An Qualität mangelt es dem deutschen Kader nicht. Aber reicht das aus, um den Titel zu holen? Unser Pro und Contra.

21 der 26 Spieler des deutschen Kaders für die Europameisterschaft haben in der abgelaufenen Saison mindestens im Achtelfinale der Champions League gespielt. Qualität ist also vorhanden. Peinlich-Pleiten wie das 0:6 in Spanien oder gegen Fußball-Zwerg Nordmazedonien (1:2) haben aber dafür gesorgt, dass die Erwartungshaltung der Fans so gering ist wie selten zuvor. Zu Recht? Wir fragen: Kann Joachim Löws Mannschaft den EM-Titel holen?

Pro: Ja, Löws Team hat alle notwendigen Waffen

Das achte große Turnier wird Joachim Löws letztes sein, der aus dem Amt scheidende Bundestrainer hat in 15 Jahren im Job alles erlebt. Und Löw hat vor dem Start der paneuropäischen EM daher nicht umsonst darauf verwiesen, dass es zum großen Wurf mehr braucht als nur die Summe guter Einzelspieler. „Teamgeist“ ist das Zauberwort, das Löw verwendet hat. So wie 2014, als Deutschland in Rio triumphierte.

Traut man den Eindrücken der vergangenen 14 Tage Turnier-Vorbereitung, scheint da tatsächlich was zusammenzuwachsen. Das ist schon mal nicht schlecht, aber natürlich muss da noch mehr passieren, wenn man auf die Zeit seit der WM-Pleite in Russland zurückblickt.

Hummels‘ Rückkehr könnte der entscheidende Schlüssel sein

Doch es gibt trotz einiger irritierender Auftritte seit 2018 keinen Grund, übermäßig pessimistisch in dieses Turnier zu gehen. Der weltbeste Torhüter steht im deutschen Tor, das zentrale Mittelfeld besticht durch Erfahrung und Power, die Offensive durch Tempo und jugendliche Dynamik, dirigiert von Rückkehrer Thomas Müller, der ebenso wie Mats Hummels dieser Mannschaft Halt gibt und erkennbar guttut. Im Prinzip hat Deutschland alle Waffen, die es braucht, um weit zu kommen.

Die Abwehr taucht in dieser Aufzählung zu Recht nicht auf, sie ist das Sorgenkind. Zu einfache Gegentore, Unaufmerksamkeiten, Schwächen bei Standards, nur Durchschnitt auf den Außenbahnen – Löw hatte einiges abzuarbeiten in der kurzen Vorbereitungszeit. Wenn Deutschland eine Schwachstelle beheben muss, dann die im gemeinsamen und konzentrierten Verteidigen. Hummels‘ Rückkehr zum DFB könnte aber da der entscheidende Schlüssel sein.

Im DFB-Team steckt genügend Qualität – es fehlt nur der Zündfunke

Viel hängt am Auftaktspiel. Die DFB-Elf hat eine hammerharte Gruppe erwischt. Ein Ausrufezeichen gegen Weltmeister Frankreich, das wäre der Turbo-Boost für ein erfolgreiches Turnier. Denn in dieser Mannschaft steckt genügend Qualität, es fehlt eigentlich nur der Zündfunke. Löw weiß, dass es Rückschläge geben wird, dass Hindernisse überwunden werden müssen in den hoffentlich vier Wochen EM. Aber seine Elf hat jetzt wieder genügend Führungsspieler. Die wissen mit Druck umzugehen. Und Deutschland war immer eine Turniermannschaft. Nur einmal unter Löw schaffte sie es nicht mindestens bis ins Halbfinale.

Meine Prognose: Deutschland wird sich durch die schwierige Vorrunde durchbeißen. Und dann durchstarten und dem scheidenden Bundestrainer einen perfekten Abschluss schenken. Warum nicht einfach mal optimistisch sein?

Contra: Nein, Europameister wird man nicht mit Hauruck-Verfahren

Drei Jahre hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft seit dem WM-Debakel 2018 mit einem absehbar gescheiterten Umbruch vergeudet. Und jetzt will Bundestrainer Joachim Löw im Schweinsgalopp die beste Elf Europas zusammenzimmern? Fußball ist ein einfaches Spiel – aber so simpel dann wohl auch wieder nicht.

Was das Potenzial im Kader betrifft, muss sich die DFB-Auswahl keineswegs verstecken. Klar, auf den Außenbahnen wünscht man sich hochwertigere Alternativen, ein wuchtiger Torjäger wäre willkommen. Aber für alle anderen Positionen stehen mehrere Top-Kandidaten bereit, von denen elf (!) die Champions League 2020 und 2021 gewonnen haben. Mehr geht nicht.

Dem DFB-Team fehlt es an Routine

Weiter unbeantwortet ist die Frage, wie Deutschland eigentlich Fußball spielen will. Löws neuer Pragmatismus – Hummels und Müller zurückholen, Joshua Kimmich wider Willen auf die rechte Seite beordern – ist aus der Not geboren und der Sorge vor einem erneuten frühen Ausscheiden. Ein tatsächliches Spielkonzept wird dabei nicht ersichtlich.

Man wäre gerne eine blitzgefährliche Umschaltmannschaft wie Frankreich, doch dafür fehlt es bislang an defensiver Stabilität. Man würde auch gerne möglichst oft ins Gegenpressing gehen, dazu allerdings fehlt die Abstimmung. Und um im Zentrum dem Gegner aggressiv zuzusetzen, bedürfte es mehr Typen wie Kimmich oder Leon Goretzka. Routine bei Abläufen, Abständen, Anpassungen fehlt völlig.

Standards waren bei Löw 15 Jahre lang eher verpönt

Noch ein Punkt: In Russland fielen vor drei Jahren 43 Prozent (!) der Tore nach ruhenden Bällen, und wer einmal führte, hatte meist leichtes Spiel. Bei Löw waren Standards 15 Jahre lang eher verpönt, sie spielten eine untergeordnete Rolle und bescherten viele Gegentore. Auch diese Entwicklung soll jetzt im Eilverfahren aufgeholt werden.

Für den EM-Titel dürfte es bei diesen vielen Hauruck-Aktionen nicht reichen. So simpel ist Fußball auf höchstem Niveau dann auch wieder nicht.

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Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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