Nach bereits acht Saisonniederlagen läuft der BVB in der Liga dem Minimalziel Champions League deutlich hinterher. © imago / Uwe Kraft
Meinung

Pro und Contra: Gelingt dem BVB noch die Wende?

Borussia Dortmund steckt in einer großen Krise. Die Champions-League-Qualifikation ist in Gefahr. Schafft der BVB es noch, das Ruder herumzureißen? Jürgen Koers und Tobias Jöhren diskutieren.

Borussia Dortmund steckt sportlich in einer tiefen Krise. Verpasst der BVB, derzeit auf Platz sechs, die Champions-League-Ränge, würde das den Klub in seiner Entwicklung um Jahre zurückwerfen. Doch trotz eines hoch qualifizierten Kaders und selbst nach einem Trainerwechsel findet der BVB nicht in die Erfolgsspur zurück. 14 Spiele bleiben in der Bundesliga noch, um mindestens Rang vier zu erreichen. Wir fragen: Gelingt dem BVB noch die Wende?Pro: Ja, der BVB schafft noch die Wende (Jürgen Koers)Es fällt furchtbar leicht, in diesen Tagen den Stab über Borussia Dortmund zu brechen. Diese wiederholten Lippenbekenntnisse und Phrasen gemischt mit Spuren von Realitätsverlust mag niemand mehr hören. Der BVB nervt seine Fans mit diesem permanenten sportlichen Auf und Ab, und das nicht erst seit dieser Saison. Die Spieler haben ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Es gehört folglich zu ihrer Pflicht, nicht auch noch die Kreditwürdigkeit in der Zukunft zu verzocken. Der beste Zeitpunkt für eine Wende ist: jetzt.

14 Bundesliga-Spiele verbleiben in dieser vermaledeiten Corona-Saison, um den Schaden in verkraftbaren Grenzen zu halten. Allein auf die Schwäche der Konkurrenz zu setzen, die ebenfalls nicht konstant Topleistungen aneinanderreiht und bis auf die Bayern und Leipzig keineswegs enteilt ist, das kann und darf sich der in acht von 20 Partien unterlegene BVB allerdings nicht mehr gestatten. Borussia Dortmund muss selbst Stärke zeigen. Und das wird auch gelingen.

Beim BVB gilt fortan das Leistungsprinzip

Nach dem 1:2 in Freiburg klingeln auch bei den letzten Profis die Ohren. Fortan gilt das Leistungsprinzip. Kabinenschwur! Alibis gibt es keine mehr, Egos müssen hinten angestellt werden. Trainer Edin Terzic, mehr Borusse als die meisten Spieler, wird seine „Jungs“ auf das gemeinsame Ziel einschwören. Ehre, Anstand und Moral. Basistugenden. Die Lage ist schließlich ernst. Sehr ernst.

Von nun an geht es weniger um technische Finessen, die perfektionierte Haltung des Standbeins beim Passspiel oder die zentimetergenaue Positionierung im Aufbau. Terzics Mannschaft muss Spiele gewinnen. Emotionen zeigen. Sobald sie sich bei Kampf, Kraft und Kilometerzahl über 90 Minuten keine Blöße gibt, wird sich ihre Klasse durchsetzen. Diese erlesene Auswahl an Balltretern hat ja das Fußballspielen nicht grundsätzlich verlernt.

Es kann für den BVB auch schnell in die andere Richtung gehen

Sobald die Rückkehr zu einem Auftreten gelingt, der Borussia Dortmund würdig ist, verblassen auch die Zweifel: Ruft diese schwarzgelbe Mannschaft ihr Potenzial auch nur annähernd ab, wird sie in der Endabrechnung einer Spielzeit vor, mit Verlaub, Eintracht Frankfurt oder dem VfL Wolfsburg landen.

So schnell, wie die Misserfolge Selbstvertrauen und Sicherheit pulverisiert haben, so schnell kann es auch in die andere Richtung gehen. Die nächsten drei Gegner in der Liga heißen Hoffenheim, Schalke und Bielefeld – gegen wen, wenn nicht gegen diese drei Kellerklubs, will die Mannschaft jene Punkte einsammeln, die sie an anderer Stelle sträflich liegengelassen hat?

Borussia Dortmund muss Fußball mit Kopf und Herz spielen

Vielleicht hilft die Vorstellung, dass die treuen Fans im Stadion ständen und säßen. Die würden daran erinnern, dass Fußball auch mit Kopf und Herz gespielt wird. „Kämpfen und siegen“, lautet das Motto. An die Arbeit!

Umfrage

Gelingt dem BVB die Qualifikation für die Champions League?
Loading ... Loading ...

Contra: Nein, die Wende gelingt nicht mehr (Tobias Jöhren)

Am Sonntag rumste es mal wieder auf Borussia Dortmunds Trainingsgelände im Stadtteil Brackel. Trainer Edin Terzic redete nach der achten Niederlage dieser Bundesliga-Saison Tacheles in der BVB-Kabine. Es weiß ja längst jeder, dass es so nicht weitergehen kann. Der Trainer habe „sehr deutliche Worte“ gefunden, sagte Michael Zorc. Die Spieler seien „direkt angesprochen und in die Pflicht“ genommen worden. Er hoffe, so der Dortmunder Sportdirektor weiter, dass nun „allen die Augen aufgehen“.

Der BVB hat bislang keinen der vielen Warnschüsse gehört

Die große Frage, die über Borussia Dortmund kreist, ist, ob diese Hoffnung noch begründet ist. Warum sollte diese Mannschaft, die in erster Linie aus einem Haufen Ich-AGs und nicht aus Mannschaftsspielern besteht, ausgerechnet nach einem 1:2 beim SC Freiburg die Augen aufschlagen und plötzlich so ihrer Arbeit nachgehen, wie es jeder BVB-Fan eigentlich erwarten dürfte? Warum sollte diese Mannschaft ausgerechnet jetzt aufwachen, wenn alle Warnschüsse zuvor links rein und schnurstracks rechts wieder rausgeflogen sind, ohne nachhaltig Gehör zu finden?

Ein früher Warnschuss beim 0:2 in Augsburg, ein früher Warnschuss beim 1:3 in Rom, ein weiterer Warnschuss beim 1:2 gegen Köln im eigenen Stadion. Was braucht es denn noch? Und warum sollte diese Mannschaft ausgerechnet jetzt die Augen öffnen, wenn doch selbst ein 1:5 gegen einen Aufsteiger aus Stuttgart und eine Trainerentlassung nicht ausgereicht haben, um diese Ansammlung hochbegabter, aber in den meisten Fällen auch zu hoch bezahlter Fußballer aus ihrem fußballerischen Winterschlaf aufwachen zu lassen?

Die BVB-Profis scheinen vergessen zu haben, worauf es im Fußball ankommt

Es wird einfach munter weiter gepennt und verloren, was ja vielleicht nicht so schlimm wäre, wenn da nicht immer der Eindruck wäre, dass es so viel besser und erfolgreicher ginge. Eine berauschende zweite Hälfte in Berlin dient als Beispiel, eine exzellente zweite Hälfte in Leipzig erst recht. Und wenn da nicht schlicht und einfach der Eindruck wäre, dass viel zu viele BVB-Profis in der Wohlfühlblase Borussia Dortmund vergessen haben, worauf es im Fußball, völlig unabhängig vom Talent, immer ankommen wird. Auf Fleiß, auf Herz, auf Leidenschaft, auf Identifikation mit dem Verein, auf Disziplin, auf Mut, auf unbändigen Willen, vielleicht auch auf Stolz, vor allem aber auch auf Selbstlosigkeit und auf Teamgeist. Einer für alle, alle für einen – das sind leider immer die anderen.

Vier Niederlagen in neun Bundesliga-Spielen unter Edin Terzic seit Lucien Favres Entlassung, dazu ein Remis gegen Mainz: Das ist ganz dunkelgraues Mittelmaß, nichts anderes. Und wenn diese „Mannschaft“ ihrem Trainer, der die richtigen Werte zweifelsfrei vorlebt, nicht endlich zuhört, dann wird aus dem erhofften Aufwachen allenfalls ein böses Erwachen. Spätestens am Saisonende.

Ihre Autoren
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
Zur Autorenseite
Avatar
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
Zur Autorenseite
Tobias Jöhren

Dorsten am Abend

Täglich um 19:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.