ARD-Experte Thomas Broich. © imago images/Werner Schmitt
Borussia Dortmund

Fußball-Experte Broich über BVB-Profi Hummels: „So ein Portfolio hat kaum ein anderer“

Thomas Broich schwärmt von den Qualitäten des BVB-Abwehrchefs und lobt die Spieleröffnung von Mats Hummels. Wir konfrontieren den Fußball-Experten mit elf Thesen.

1. Deutschland hat die schwerste Vorrundengruppe der EM erwischt mit Weltmeister Frankreich, Europameister Portugal und den aufstrebenden Ungarn!

Das unterschreibe ich zu 100 Prozent. Frankreich ist gesegnet mit unfassbarem Talent und hat in der Breite den mit Abstand besten Kader, noch dazu mit einer guten Altersmischung, und in Didier Deschamps einen Trainer, der weiß, wie man Titel gewinnt und pragmatisch arbeitet. Für mich kann der Titel nur über Frankreich gehen. Und die Portugiesen schätze ich klar stärker ein als bei ihrem Titelgewinn vor fünf Jahren. 2016 waren sie ein Außenseiter, jetzt haben sie eine Ansammlung von Topspielern wie Bernardo Silva, Ruben Dias, Joao Cancelo oder Bruno Fernandes, und so weiter. Sie haben einen sehr homogenen Kader und auf mehreren Positionen absolute Extraklasse. Deutschland wird es von Anfang an richtig schwer haben. Das ist auch eine Chance: Wer da als Gruppenerster oder – zweiter weiterkommt, muss sich vor niemandem mehr verstecken.

2. Im DFB-Kader stehen 21 Spieler, die mit ihren Klubs mindestens im Achtelfinale der Champions League standen. Mit so einer erlesenen Auswahl muss man mindestens ins EM-Halbfinale kommen!

Ein „Muss“ gibt es für mich nicht im Fußball, aber Deutschland kann das auf jeden Fall schaffen. Ich bin weniger skeptisch als das Gros der Deutschen. Unser Kader begeistert mich, und sogar immer mehr, je weiter wir bei den Positionen nach vorne kommen, zu den Kreativspielern. Über Manuel Neuer im Tor müssen wir nicht reden, der ist absolute Weltklasse. Eine Innenverteidigung mit Mats Hummels und Antonio Rüdiger – das ist doch gehobenes Niveau! Auf den Außenbahnen gibt es vielleicht Schwachpunkte. Wenn die Jungs an ihr Limit kommen, reichen sie aber auch an die internationalen Klasse ran. Es ist außergewöhnlich, welche Spieler sich im zentralen Mittelfeld tummeln und am Ende vielleicht auf der Bank landen, weil die Leistungsdichte so hoch ist. Defensiv stehen Kimmich, Kroos oder Goretzka zur Wahl, offensiv Havertz, Müller oder Gündogan: ausnahmslos Top-Fußballer! Und wir haben fantastische Tempodribbler auf den Flügeln, die obendrein torgefährlich sind. Mich überzeugt das.

3. Deutschland kämpft seit Jahren mit den Problemzonen Außenverteidiger und Mittelstürmer. Da rächt sich ein großes Versäumnis in der Nachwuchsarbeit!

Nein. Es wird nicht immer gelingen, auf jeder Position absolute Weltklasse zu produzieren. Die Franzosen sind Weltmeister geworden mit den Aushilfs-Außenverteidigern Benjamin Pavard und Lucas Hernandez. Die sind doch auch keine prädestinierten Außenbahnspieler, sondern Innenverteidiger, die diese Rollen auch bekleiden können. Deutschland hat es 2014 nicht viel anders gemacht. Ein möglicher Mangel an Weltklasse lässt nicht direkt Rückschlüsse auf die Philosophie in der Ausbildung zu. Robin Gosens zeigt in Italien und in der Champions League regelmäßig, was er für Qualitäten hat. Christian Günter spielt beim SC Freiburg, einem kleineren Verein, aber das kann passen in einer spielstarken Gruppe. Lukas Klostermann wäre die defensivere Alternative rechts. Auch Joshua Kimmich kann ich mir gut auf der rechten Seite vorstellen, wenn dadurch ein Platz für einen Topspieler auf der Sechs frei wird.

4. Mats Hummels und Thomas Müller zurückzuholen war die sportlich einzig richtige Entscheidung!

Ja, absolut! Weil sie unfassbar begabt sind und konstant überragende Leistungen auf allerhöchstem Niveau abliefern. Spielerisch bringen sie alles mit. Kein anderer Spieler auf der ganzen Welt legt Tore so brillant mit dem ersten Kontakt auf wie Thomas Müller. Wie schnell er Räume identifiziert, auf Laufwege reagiert, das beeindruckt mich. Hinzu kommt diese Intensität im Pressing, die Laufleistung, und wie er Räume aufreißt. Hummels kann das Spiel mit links oder rechts eröffnen, mit der Innenseite oder mit dem Außenrist, er kann No-look-Pässe ins Zentrum durchstecken, diagonale Flugbälle über 50 Meter spielen oder Chipbälle hinter die Abwehrkette – so ein Portfolio hat kaum ein anderer. Er ist resolut im Zweikampf, liest und antizipiert sehr gut und bei Standards ein absoluter Ballmagnet und torgefährlich. Das wird wichtig werden! Ein gewisses Tempodefizit war auch in früheren Jahren schon da, das hat er immer kompensiert.

5. Hummels und Müller haben seit 2019 nicht mit der DFB-Elf gespielt, vier Champions-League-Finalisten sowie Toni Kroos (Corona) und Leon Goretzka (Muskelfaserriss) reisen später an – Deutschland kann sich nicht einspielen!

Das finde ich nicht weiter schlimm. Gerade die genannten Spieler kennen ihre Rollen und Aufgaben in- und auswendig. Sowohl fußballerisch und taktisch als auch, was ihre Führungsposition innerhalb der Mannschaft betrifft. Gerade diese erfahrenen Spieler benötigen da keine große Eingewöhnungszeit.

6. Die große Herausforderung für die DFB-Elf wird bereits in der Vorrunde die Defensivarbeit sein!

Ja und nein! Ich finde, dass wir gerade im vorderen Bereich große Qualitäten haben mit schnellen, kreativen, torgefährlichen Spielern. Mein persönlicher Ansatz wäre immer, auf die eigenen Stärken zu setzen. Selbstredend brauchen wir eine gute Restverteidigung und müssen im Umschaltspiel hellwach sein. Die Absicherung muss auch zahlenmäßig da sein, blind nach vorne zu rennen wäre schon in den ersten Turnierspielen unser Verderben. Aber wir haben auf der anderen Seite unsere Qualitäten beim Pressing und das Potenzial, immer den Ball zu jagen. Wir können den Ball zirkulieren lassen und Angriffe in hohem Tempo fahren. Mit diesem Personal ist alles möglich!

7. Im Kader fehlt ein kopfballstarker Offensivspieler!

Ja, da läuft kein Horst Hrubesch oder Miroslav Klose herum. Auf der anderen Seite muss man fragen: Haben alle internationalen Topmannschaften so einen Spieler im Kader? Eben nicht. Für mich ist das also kein K.o.-Kriterium. Vielleicht ist die hohe Flanke dann keine präferierte Option, und wir müssen andere Lösungen finden.

8. Taktisch und sportlich wird das EM-Turnier eher überschaubar ablaufen – die meisten Spieler sind müde nach einer extrem anspruchsvollen und eng getakteten Saison!

Die Gefahr besteht. Es wird viel darauf ankommen zu regenerieren und Fitness aufzubauen. Grundsätzlich hat es mich allerdings überrascht, wie krass hoch das Tempo zum Beispiel in der Bundesliga am Saisonende noch war und wie hochwertig die Spiele noch waren. Wer sich den Dortmunder Lauf der letzten Wochen anschaut, die bis ins Pokalfinale gekommen sind und lange in der Champions League dabei waren: Da spricht einiges dafür, dass sie körperlich und mental noch frisch sind. Auch die Bayern haben die Saison stark und souverän zu Ende gespielt, ohne sich zu verausgaben.

Thomas Broich: Meine Top-ElfNeuer – Kimmich, Rüdiger, Hummels, Günter – Goretzka, Gündogan (Kroos) – Gnabry, Müller, Sané (Havertz) – Werner

9. Mit den 24 teilnehmenden Nationen wird der Wert der Europameisterschaft verwässert!

Ja, da gehe ich mit. Weniger Spiele wären schöner. Das hätte einen anderen Wettbewerbscharakter bereits in der Qualifikation. Ich mag es auch nicht, wenn ein Gruppendritter weiterkommt und so viel gerechnet werden muss, das zieht das Turnier doch auch unnötige in die Länge. Es braucht klare, harte Entscheidungen, das wollen doch auch die meisten Fans. Die Erweiterung auf 24 Teilnehmer hat ja wohl in erster Linie wirtschaftliche Gründe.

10. Ein Turnier mit quer über den Kontinent verteilten Spielorten ist angesichts der Covid-19-Pandemie instinktlos und gefährlich!

Die Kritik kann ich nachvollziehen, aber diese Formulierung ist mir zu drastisch. Die Pandemie konnte man nicht vorhersehen. Hätte die Uefa reagieren und die EM in ein Land verlegen müssen? Man kann es nach wie vor auch anders sehen, denn die Hygienekonzepte greifen, die Impfkampagne wirkt, die Inzidenzzahlen sinken. Wenn das Turnier auf diese Weise zu verantworten ist, gefällt mir persönlich der nationenübergreifende Gedanke sehr.

ARD-ExperteThomas Broich (40) erklärt in der ARD-Sportschau den Zuschauern die taktischen Feinheiten des Spiels – auf verständliche Weise, ohne den modernen Fußball zu vereinfachen. Er wird auch bei der Euro 2020 im Einsatz sein.

11. Deutschland wird Europameister!

Nicht ausgeschlossen! Was die Formkurve oder das Momentum angeht, gehören wir sicher nicht zu den Topfavoriten. Aber wie gesagt: Der Kader strotzt nur so vor Potenzial. Es ist nach oben hin sehr viel möglich. Und leider, das hat ja die jüngste Vergangenheit gezeigt, auch sehr viel nach unten. Wir müssen uns auf alles einstellen, im Guten wie im Schlechten.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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