Tag des offenen Tores beim BVB: Mönchengladbachs Marcus Thuram (M.) köpft ein, Emre Can kommt zu spät. © Foto dpa
Borussia Dortmund

„Frage der Konzentration“: Der BVB gehört zu den Standard-Versagern der Liga

Elf Gegentore hat der BVB nach ruhenden Bällen kassiert und gehört zu den Standard-Versagern der Liga. Keiner fühlt sich verantwortlich. Für Michael Zorc ist es „eine Frage der Konzentration“.

Mal ging es um die Frage nach Mann- oder Raumdeckung. Oder um die Diskussion, ob bei Eckbällen die Räume neben den Pfosten mit einem Abwehrspieler besetzt werden. Und immer wieder darum, warum trotz zugeteilter Gegenspieler Abstimmung und Konzentration fehlen. Seit Jahren taucht das Schreckgespenst Standardsituationen immer wieder auf bei Borussia Dortmund. Besserung ist nicht in Sicht – mit bereits elf Gegentoren nach ruhenden Bällen stellt der BVB in dieser Statistik eine der schlechtesten Verteidigungen der Bundesliga.

„Es sind immer die gleichen Fehler, die wir machen. Das stinkt gewaltig“, schimpfte Kapitän Marco Reus nach dem 2:4 in Mönchengladbach. Beim 0:1 durften gleich drei Gladbacher Spieler unbedrängt den Torschützen unter sich ausmachen, beim 2:2 zuckte Reus selber in der Mauer weg und Torhüter Roman Bürki patzte. Beim 2:4 stimmte die Zuordnung abermals nicht. Ein halbes Dutzend Spieler bewarb sich um Teilschuld an den Gegentreffern. „Wenn wir die Dinger nicht abstellen, wird es schwierig“, ächzte Reus.

Nur Schalke ist nach Ecken schlechter als der BVB

Auch Sportdirektor Michael Zorc hatte genug gesehen: „Wenn man sich in so einem Spiel gegen eine gute Mannschaft drei Tore durch Standardsituationen fängt, wo du einfach nicht da bist, dann braucht man sich über das Ergebnis am Ende keine Gedanken machen. Das ist relativ einfach erzählt.“ Nur Schlusslicht Schalke 04 kassierte nach Ecken mehr Gegentore (6) als Dortmund (5). „Wir machen es den Gegnern zu einfach. Die müssen nicht einmal Aufwand betreiben oder drei Übersteiger machen, gegen uns reicht Flanke, Kopfball, Tor!“

Und: „Standardsituationen sind bei uns leider ein wiederkehrendes Thema“, muss Zorc hadernd resümieren. Er nimmt die Spieler einmal mehr in die Pflicht: „Das hat für mich auch nur bedingt etwas mit Körperlänge zu tun, sondern mehr mit Konzentration. Und daran fehlt es bei uns. Auch deshalb stehen wir dort, wo wir stehen.“

Sieben Gegentore nach Standards kosten den BVB neun Punkte

Im Wissen um die eigenen Defizite und Gladbachs Qualitäten in diesem Bereich (16 Tore nach Standards) wäre es ratsam gewesen, Freistöße in Tornähe zu möglichst zu vermeiden. Das misslang. Aus dem Spiel heraus müsse sich die Mannschaft nichts ankreiden lassen, meinte Abwehrchef Mats Hummels, der den Freistoß vor dem 2:2 verursachte. Die interne Schwachstelle kennt natürlich auch er: „Standards zu verteidigen, das ist ein ganz großer Punkt bei uns.“

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In den Partien gegen den 1. FC Köln, Union Berlin (je 1:2) und bei Borussia Mönchengladbach haben sieben (!) Gegentore nach ruhenden Bällen neun Zähler gekostet. Nahezu jeder Fußballlehrer wird sagen, dass die Verteidigung von Standards vergleichsweise einfach zu trainieren ist. Voraussetzung: Die Spieler übernehmen Verantwortung und sind mit dem Kopf bei der Sache.

Der BVB ist kopfballstark, aber unkonzentriert

„Standardsituationen zu verteidigen ist immer auch eine Mentalitätsfrage“, sagt BVB-Trainer Edin Terzic schon mal, konkret: „Wie möchte ich den Ball abwehren?“ Konzeptionell herrscht bei diesen Situationen im Dortmunder Strafraum viel zu oft Verwirrung, und in Sachen Verantwortung sehen die Betroffenen die Zuständigkeiten immer gerne beim Neben- oder Vordermann. Führungsspieler wird man aber nicht mit verbalen Ankündigungen, sondern mit Taten. Ganz einfach.

Zum Abschluss der Hinrunde erlaubte die Statistik sogar noch einen differenzierten Blick auf diese Problematik: Borussia Dortmund gewann mit 68 Prozent die meisten Defensiv-Kopfballduelle der Liga und ließ von allen Mannschaften nach Standardsituationen die wenigsten Torschüsse zu, lediglich 30. Das Dilemma: Von den 30 landeten überdurchschnittlich viele im Netz.

Achtung vor dem FC Augsburg: Der BVB ist gewarnt

Manuel Akanji, als kopfballstarker Spieler regelmäßig Teil der Fehlerkette, hat das Ausmaß des Problems offensichtlich nicht erkannt: „Es ist ja nicht so, dass wir in jedem Spiel ein Standard-Gegentor bekommen“, sagte er am Freitagabend, jedes Gegentor sei ein wenig anders gewesen. Haarsträubend! Denn es gehört zur Wahrheit, dass nicht zuletzt die vielen Einschläge nach ruhenden Bällen dem BVB jene Punkte kosten, die eine potenzielle Spitzenmannschaft nicht verlieren darf.

Während seine Mannschaft „hohen Aufwand betreibt“ für Tore, wie Terzic erklärt, schenkt sie dem Gegner auf simpelste Art und Weise Erfolgserlebnisse. Das Thema steht in der kommenden Trainingswoche weit oben auf der Agenda. Am nächsten Samstag gastiert der FC Augsburg in Dortmund, das 0:2 im Hinspiel im September hallte lange nach. In Führung gingen die Augsburger damals übrigens nach einer Freistoßflanke.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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