Peter Hyballa ist für das ZDF als Experte bei der EM 2020 dabei. © imago / Martin Hoffmann
Exklusiv-Interview

Experte Hyballa über BVB-Profi Hummels: „Hätte beleidigte Leberwurst spielen können“

Bei der EM ist Ex-BVB-Trainer Peter Hyballa als Experte für das ZDF unterwegs. Im Interview spricht er über Marco Reus, Mats Hummels und ein mögliches Problem zwischen Edin Terzic und Marco Rose.

Peter Hyballa (45) begleitet die Europameisterschaft 2020 als Experte im Fernsehen beim ZDF. Nach der EM tritt der Bocholter seine neue Stelle als Trainer beim dänischen Erstligisten Esbjerg fB an. Andere Trainerstationen führten ihn in die Niederlande, Slowakei oder nach Namibia. Hyballa hat selbst eine schwarzgelbe Vergangenheit. Drei Jahre trainierte er die Dortmunder U19, unter anderem mit Mario Götze.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Kader für die EM, den Joachim Löw nominiert hat?

Wir haben sehr gute Spieler. Da beneidet uns die ganze Welt für. Ich finde geil, dass Robin Gosens dabei ist. Ich war beim 1. FC Bocholt, er auch. Er hat es in die Nationalmannschaft geschafft, ohne in einem Nachwuchsleistungszentrum gewesen zu sein.

Wer war für Sie die größte Überraschung?
Jamal Musiala finde ich interessant, weil er noch keine riesige Karriere hatte. Er kann aber auch auf engem Raum etwas Gutes machen. Sonst finde ich, sind da gar nicht so große Überraschungen dabei. Klar, da sind noch Mats Hummels und Thomas Müller, aber das lag ja schon in der Luft.

Dann kommen wir doch zu den beiden. Was sagen Sie dazu, dass Hummels und Müller nach ihrer Aussortierung wieder nominiert wurden?
Jeder Trainer, der so qualitativ gute Spieler rausnimmt, hat eine Idee dabei – entweder er will einen Neuanfang machen, er riecht den ein oder anderen faulen Apfel oder er will andere Spieler nach vorne schieben. Ein paar Jahr später hat Löw die Entscheidung getroffen, sie wieder zu nominieren. Vielleicht ist es mal gut gewesen, dass sie ein bisschen Luft voneinander hatten. Ich denke, dass Löw beiden gesagt hat, was er von ihnen erwartet. Beide kommen ja auch zurück, sie hätten auch die ‚beleidigte Leberwurst‘ spielen können. Warum sie aussortiert wurden, werden wir eh nie erfahren.

Was sagt die Nominierung von Hummels und Müller über Löws Einstellung und Herangehensweise an sein letztes Turnier aus?
Er hatte eine Idee, die Jungs rauszunehmen. Nach ein paar Jahren siehst du dann die Struktur der Mannschaft. Vielleicht hat der ein oder andere Spieler, bei dem er vorher eine Leader-Funktion gesehen hat, diese nicht gezeigt. Thomas Müller ist noch einmal besser und effektiver geworden. Dann gibt es natürlich auch Druck von außen. Löw wird geguckt haben, wie er bei seinem letzten Turnier Europameister werden kann. Thomas Müller mitzunehmen, ist dann keine ganz verkehrte Idee. Vorher mussten sie aber wahrscheinlich etwas bereinigen. Das haben sie gemacht.

Marco Reus hatte schon vor der Bekanntgabe verkündet, dass er freiwillig auf das Turnier verzichtet. Was sagen Sie zu seiner Entscheidung?
Er kann am besten in seinen Körper hineinhorchen. Er hat aber auch keinen 31-jährigen Körper mehr, so viel, wie er verletzt war. 31 ist natürlich kein Alter, aber er hatte eine unheimliche Leidenszeit hinter sich. Ich hätte Marco Reus super gerne dabeigehabt. Ich finde den richtig gut. So viele gute Dribbler, die über Schnelligkeit und Dynamik kommen, gibt es nicht andauernd. Er kann einen in der Telefonzelle nass machen.

Was trauen Sie Deutschland bei der EM zu?
Ich bin da immer etwas positiver als andere. Ich finde, dass sie auf jeden Fall unter die ersten Vier kommen können. Auf so Phrasen, wie dass sie eine Turnier-Mannschaft sind, habe ich keinen Bock. Aber vielleicht tut es der Mannschaft mal ganz gut, wenn sie nicht als erster Titelkandidat genannt wird.

Wer ist denn dann für Sie der erste Titelkandidat?
Wie bei fast jedem Turnier in den letzten Jahren, sage ich Belgien. Diese Elf ist einfach klasse. Sie haben eine goldene Generation, die aber ihre Goldmedaille noch nicht geholt hat. Sonst sind da noch die Klassiker wie Spanien oder Frankreich. Belgien ist für mich aber der ganz große Favorit.

Sie sind als Trainer viel in Europa rumgekommen. Unter den aktuellen Bedingungen: Ist ein Turnier in ganz Europa vertretbar?
Ich meine, der Fußball macht ja sowieso so ein bisschen, was er will. Ich will jetzt aber nicht mit Normen, Werten und Ethik anfangen. Es ist schon gut, dass so ein Turnier gespielt wird. Die Inzidenzzahlen gehen auch runter. Ich will nicht als Ethik-Professor auftreten, aber ich finde es schon interessant, dass viele Menschen vieles nicht dürfen, aber der Fußball darf immer sehr viel. Es steckt da auch viel Geld und Macht dahinter. Es würde aber reichen, wenn man das Turnier nur in zwei, drei Ländern spielen würde.

Vor der EM der Senioren steht auch noch die Endrunde der U21-EM an. Was trauen Sie dem deutschen Team dort zu?
Den Titel. Was die Leistungsdichte bei den Junioren angeht, ist das sehr eng. Deutschland hat einen Pool von guten Spielern. Ich finde, dass Stefan Kuntz und sein Trainerteam das richtig gut machen. Wenn sie nicht gut spielen, spielen sie effektiv. Und wenn sie gut spielen, dann spielen sie einfach gut. Die Qualität ist sehr hoch.

Kommen wir zu einem Ihrer Ex-Vereine. Wie beurteilen Sie die Saison des BVB?
Ich habe im Sportstudio das Hinrundenspiel von Bayern gegen Dortmund analysiert. Da kamen die Dortmunder sehr kraftvoll rüber, aber noch nicht so mit den Feinheiten, was Balltechnik und Zusammenhalt angeht. Die letzten Wochen waren aber auch unheimlich viele Finessen dabei. Taktisch haben sie ein, zwei Sachen geändert, die Terzic versucht hat. Am Ende war es wirklich eine Mannschaft. Das wurde von Dortmunder Seite sehr gut korrigiert. Sie sind absolut korrekt da gelandet, wo sie jetzt sind.

Peter Hyballa war von 2007 bis 2010 Trainer der Dortmunder U19.
Peter Hyballa war von 2007 bis 2010 Trainer der Dortmunder U19. © imago / Martin Hoffmann © imago / Martin Hoffmann

Sie haben selbst mal gesagt, dass Sie eher der Typ Häuptling sind und nicht mehr als Assistent arbeiten wollen würden. Glauben Sie, dass das Duo Edin Terzic und Marco Rose funktionieren kann?
Ich kann aus meiner Erfahrung sagen, dass ich lieber mit einem Assistenten zusammenarbeite, der auch wirklich Assistent sein will. Es gibt auch die Assistenten, die den nächsten Schritt machen wollen und die sehen sich dann ein bisschen mehr als Chef. Das muss zwischen Rose und Terzic ganz klar besprochen werden. Terzic muss für sich wissen: Will ich wirklich Assistent sein? Dann bist du zwar näher an den Spielern dran, aber du stellst nicht die erste Elf auf. Als Cheftrainer ist es nicht immer so einfach, eine Beziehung zu den Spielern aufzubauen wie als Co-Trainer. Als Assistent musst du ganz klar zum Cheftrainer gehören. Die Mannschaft muss immer wissen, der ist beim Trainer. Diese Loyalität ist unheimlich wichtig. Wenn die Spieler einmal merken, der Co-Trainer ist nicht so beim Cheftrainer, dann geht es in die Hose. Als zweiter Mann hast du nicht den Glamour, wenn du gewinnst. Terzic hat das als Chef ja genossen, wenn er das weiterhin braucht, muss er Cheftrainer werden.

Ihr letzter Trainerjob bei Bayer Leverkusen ist sieben Jahre her. Wollen Sie noch einmal in Deutschland arbeiten?
Ich habe eine Sache gelernt, du kannst einfach nichts planen. Du läufst gerade durch den Wald und bist bei Kilometer sechs, dann geht deine Musik aus und es kommt ein Anruf mit einer Anfrage aus der Slowakei, dann gehst du da dran. Es gab auch aus Deutschland ein paar Anfragen, dann haben wir uns aber getroffen und es hat nicht gepasst. Ich lebe immer mehr in der Jetzt-Zeit. Ich habe ja schon viele abenteuerliche Sachen gemacht. Am Ende des Tages muss immer einer Bock auf dich haben, dann kriegst du schon einen Anruf. In den letzten Jahren waren die Anrufen eben sehr oft aus dem Ausland.

Über den Autor
Volontär
Hat im Mai 2020 in der für den Lokal-Journalismus aufregenden Corona-Zeit bei Lensing Media das Volontariat begonnen. Kommt aus Bochum und hatte nach drei Jahren Studium in Paderborn Heimweh nach dem Ruhrgebiet. Möchte seit dem 17. Lebensjahr Journalist werden.
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Tobias Larisch
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