In 23 Spielen hat Erling Haaland 23 Tore für den BVB geschossen. © imago / Uwe Kraft
Borussia Dortmund

Ein Jahr BVB-Torjäger Erling Haaland: Harte Fakten, unangenehme Fragen

Seit einem Jahr geht Erling Haaland für den BVB extrem erfolgreich auf Torejagd. Aber wehe, er fällt aus. 09 Fakten - und eine Analyse seiner ersten 365 Tage in Schwarzgelb.

„Ich freue mich“, sagte er, und: „Guten Rutsch, liebe BVB-Fans!“ 365 Tage ist es her, dass Erling Haaland diese Worte sprach und mit einem Kugelschreiber in seiner linken Hand drei schnörkelige Zeichen auf ein Blatt Papier schrieb, auf dem auch ein Stempel der Borussia Dortmund KGaA seinen Abdruck hinterlassen hatte. Dass der BVB den norwegischen Torjäger von einem Wechsel überzeugen konnte, galt schon damals als großer Coup. „Ich hatte gutes Gefühl nach den Gesprächen mit den Verantwortlichen“, sagte Haaland.

Ein Jahr später ist klar: Seine Verpflichtung ist einer der besten Dortmunder Transfers der jüngeren Vergangenheit. Wie unersetzlich der 20-Jährige ist, zeigen die harten Fakten mit positiven Vorzeichen. Auf der Rückseite dieser Auszeichnungen tauchen dann die unangenehme Fragen auf.

09 famose Fakten zu Haalands erstem BVB-Jahr:

1.) Auf Platz 2: Erling Haaland liegt mit zehn Toren in dieser Bundesliga-Saison auf Platz 2 der Torschützenliste (Robert Lewandowski 17 Treffer); er schoss mehr als dreimal so viele Tore wie der nächstbeste Borusse (auf je drei Tore kommen Reus, Hummels und Reyna).

2.) 23 Spiele, 23 Tore: Haaland hat in seinen (ersten) 23 Bundesliga-Spielen 23 Tore erzielt, 2020 traf nur Lewandowski häufiger (32-mal).

3.) Treffsicherer Debütant: Der Norweger hat keine Eingewöhnungszeit gebraucht: Er wurde zum ersten BVB-Spieler, der beim Debüt in der Bundesliga, im DFB-Pokal und in der Champions League traf (zudem auch im ersten Supercup-Spiel).

4.) 63 Torschüsse: Haaland benötigte für seine 23 Bundesliga-Treffer nur 63 Torschüsse. Er nutzte überragende 16 seiner 22 Großchancen.

5.) Historische Quote: Haaland traf in der Bundesliga im Schnitt alle 75 Minuten ins gegnerische Tor – unter allen Bundesliga-Spielern mit mindestens 10 Toren ist das die historisch beste Quote!

6.) Ein Viererpack: In 7 seiner 23 Bundesliga-Spiele traf er mehr als einmal (5 Doppel-, je ein Dreier- und Viererpack).

Dieser Torjubel ist vielen Fans in Erinnerung geblieben: Beim Champions-League-Spiel gegen Paris St. Germain Mitte Februar setzt sich Erling Haaland nach seinem Tor in Buddha-Pose auf den Rasen. © imago / Jan Huebner © imago / Jan Huebner

7.) Späte Treffer: Haaland erzielte 19 seiner 23 Bundesliga-Tore in der zweiten Halbzeit der Spiele, davon neunmal in der Schlussviertelstunde; in dieser Saison 9 von 10. In der Anfangsviertelstunde traf er noch gar nicht.

8.) Bessere Zweikampfquote: Der großgewachsene, bullige und athletische Haaland gewann für einen Stürmer 2020/21 starke 51 Prozent seiner Zweikämpfe, im Kalenderjahr waren es 43 Prozent, hier hat er also einen Sprung gemacht.

09.) 100-Meter-Sprint mit Bestwert: Vor seinem Treffer zum 3:0-Endstand gegen Mönchengladbach (1. Spieltag) zog er einen 100-Meter-Sprint über das ganze Feld an: Dabei wurde er mit 35,2 Km/h gemessen – BVB-Bestwert!

Beim BVB ist das Spiel auf Haaland zugeschnitten

Die Zahlen verdeutlichen, wie ungemein wichtig Erling Haaland für den BVB geworden ist. Im Laufe des Jahres 2020 stellte der BVB sein Spiel nahezu komplett auf den Norweger als Zielspieler ab. Er ist erster Adressat für Pässe in die Tiefe und für Zuspiele im und am Strafraum, die Angriffszüge und die taktische Ausrichtung sind auf ihn zugeschnitten.

Für Borussia Dortmund birgt das Großkapital Erling Haaland jedoch auch seine Tücken. Nämlich dann, wenn der Torjäger nicht seiner Besessenheit nach Toren nachgehen kann. In dieser Saison fehlte Haaland in acht von 22 Partien, und diverse Werte sanken beim BVB rapide in den Keller. Statt durchschnittlich 2,5 Toren mit ihm fielen ohne ihn nur noch 1,5 Tore. Die Punkteausbeute sank von 1,93 auf 1,75 Zähler. Frappierend: Die Chancenverwertung lag im Beisein des Norwegers bei starken 36,8 Prozent. Fehlte er, nutzte der BVB nur noch jede vierte große Tormöglichkeit (25 Prozent).

Seinen vollen Einsatz für den BVB bezahlt Haaland mit Verletzungen

Haalands raketenähnlicher Start bis in die Spitze des internationalen Klubfußballs fordert seine körperliche Belastbarkeit heraus. Seinen vollen Einsatz mit seinem wuchtigen Körper bezahlt er manchmal mit Blessuren und Verletzungen. Die langen Hebel seiner Extremitäten bereiten ihm immer mal wieder Knieprobleme, der nicht nachlassende Wille selbst in einem bedeutungslosen Trainingskick bringt strapazierte Muskeln zum Bersten. Beim Abschlusstraining vor dem Champions-League-Spiel gegen Lazio am 1. Dezember rissen Muskelfasern im Hüftbeuger. Haaland fiel aus. Der BVB gewann von den folgenden sieben Spielen nur zwei. Ohne ihn ist Borussia Dortmund nicht halb so gut, nur die Hälfte wert.

Eine Erklärung: Neben dem Durchsetzungsvermögen und der Treffsicherheit fehlt Haaland den Dortmundern auch aufgrund seiner Präsenz: Alle weiteren Offensivspieler kommen schlechter zur Geltung und zur Entfaltung, wenn der Sturmführer nicht auf dem Platz steht und Gegenspieler und Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Die Abhängigkeit ist kolossal – und fatal, denn sie wirft viele Fragen auf.

Haaland will nicht nur wichtig sein, sondern Titel gewinnen

Ohne Plan A – Pass auf Erling Haaland – bekommt der BVB Schwierigkeiten, worüber sich neben dem Trainerteam um Edin Terzic vor allem die anderen vermeintlichen Stars in Dortmunds Offensive Gedanken machen sollten. Und wenn die Schwarzgelben in der Bundesliga weiter an Boden verlieren nicht nur gegenüber Bayern München, sondern auch gegenüber RB Leipzig oder Bayer Leverkusen, wird sich die Nummer 9 spätestens zum Sommer 2022 mit seiner vor einem Jahr hinterlegten Exit-Strategie aus seinem bis 2024 datierten Vertrag beschäftigen. Denn kurz-, mittel- und langfristig will Haaland nicht nur wichtig sein. Er will Titel gewinnen.

Am Sonntag, im Bundesliga-Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg, ist der „Torweger“ wieder zurück im BVB-Dienst. Seine Reha in Katar war erfolgreich, Haaland sprüht vor Tatendrang, wenn sein zweites Jahr beim BVB beginnt.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.