BVB-Stürmer Erling Haaland jubelt über seinen Treffer zum 3:2 gegen Paderborn im DFB-Pokal. © Joachim Bywaletz/ jb-sportfoto / Pool via Ulrich Hufnagel
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Ein BVB-Tor, viele Diskussionen: Stand Haaland im Abseits? Eine Spurensuche

Erling Haalands 3:2-Siegtreffer gegen den SC Paderborn sorgt für Diskussionen. War das Tor des BVB-Stürmers regelkonform oder nicht? Eine Spurensuche.

Wer Fußball noch immer für ein einfaches Spiel hält, bei dem 22 Spieler über den Platz rennen und am Ende immer die Deutschen gewinnen, der hat sich vermutlich noch nie das 164-seitige Werk „Fußball-Regeln 2020/2021“ durchgelesen, das auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kostenlos heruntergeladen werden kann. Es wird alles nicht einfacher im Fußball, so viel lässt sich wohl zusammenfassen, und am Dienstagabend beim 3:2-Sieg des BVB gegen den SC Paderborn wurde es sogar richtig kompliziert.

BVB gegen Paderborn: VAR-Wirrwarr im DFB-Pokal

Zumindest so kompliziert, dass Schiedsrichter Tobias Stieler und sein Video-Assistent in Köln, Matthias Jöllenbeck, in der Verlängerung eine vier Minuten und 45 Sekunden lange Spielunterbrechung in Kauf nahmen, um zu entscheiden, ob Erling Haalands Treffer zum 3:2 für den BVB in der 95. Spielminute regelkonform oder nicht gewesen war.

Dabei gab es gleich zwei zentrale Fragen zu klären. Zum einen, ob Haaland bei Thomas Delaneys Zuspiel im Abseits gestanden hatte, was nach Ansicht aller Bilder wohl der Fall war. Und zum anderen, ob diese Abseitsposition auch eine strafbare gewesen war, was Stieler und Jöllenbeck letzten Endes mit „Nein“ beantworteten, den Treffer als regelkonform einordneten und das Tor zählen ließen.

BVB-Stürmer Erling Haaland trifft gegen Paderborn: Abseits oder nicht?

Der Grund dafür war, und jetzt wird es paragrafenlastig, dass der Paderborner Svante Ingelsson bei dem Versuch, Delaneys Pass auf Haaland per Grätsche abzufangen, den Ball minimal berührt hatte, ohne dabei allerdings die Richtung oder die Geschwindigkeit des Spielgerätes zu verändern. Im Regelwerk, das allein der Abseitsregel ganze vier Seiten widmet, heißt es dazu: „Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus seiner Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt (auch per absichtlichem Handspiel), es sei denn, es handelt sich dabei um eine absichtliche Abwehraktion eines gegnerischen Spielers.“ Und weiter: „Eine Abwehraktion liegt dann vor, wenn ein Spieler einen Ball, der ins oder sehr nah ans Tor geht, mit irgendeinem Körperteil außer mit den Händen/Armen (ausgenommen der Torhüter im eigenen Strafraum) abwehrt oder abzuwehren versucht.“

„Regel 11 – Abseits“ im Wortlaut:

  • (…) Ein Spieler verschafft sich keinen Vorteil aus seiner Abseitsstellung, wenn er den Ball von einem gegnerischen Spieler erhält, der den Ball absichtlich spielt (auch per absichtlichem Handspiel), es sei denn, es handelt sich dabei um eine absichtliche Abwehraktion eines gegnerischen Spielers. Eine Abwehraktion liegt dann vor, wenn ein Spieler einen Ball, der ins oder sehr nah ans Tor geht, mit irgendeinem Körperteil außer mit den Händen/ Armen (ausgenommen der Torhüter im eigenen Strafraum) abwehrt oder abzuwehren versucht. (…)
  • (…) Die Berührung des Balles durch einen Spieler der verteidigenden Mannschaft hebt eine Abseitsstellung nur dann auf, wenn es sich dabei um ein absichtliches Spielen des Balles handelt, das nicht einer Abwehraktion entspringt. Näherer Erläuterung bedarf der Begriff einer „absichtlichen Abwehraktion“. Die Abseitsstellung ist dann strafbar, wenn ein Spieler den Ball aus einer Torabwehraktion eines Abwehrspielers erhält. Die Aktion des Abwehrspielers ist in diesem Fall vergleichbar mit der Abwehr eines Torwartes. (…)

So weit, so halbwegs verständlich. Die weiteren Erläuterungen des DFB im Regelwerk sorgen allerdings nicht unbedingt für mehr Klarheit. „Die Berührung des Balles durch einen Spieler der verteidigenden Mannschaft hebt eine Abseitsstellung nur dann auf, wenn es sich dabei um ein absichtliches Spielen des Balles handelt, das nicht einer Abwehraktion entspringt“, heißt es auf Seite 70. Das würde wohl bedeuten, dass Schiedsrichter Stieler die Grätsche Ingelssons zwar als absichtliches Spielen des Balles wertete, jedoch nicht als Abwehraktion.

BVB gegen Paderborn: Abseitsregel sorgt für Verwirrung

Das Problem scheint dabei also, ähnlich wie es mitunter auch beim Thema Handspiel der Fall ist, eher die Regel selbst, nicht die Auslegung durch Stieler zu sein. Denn der Begriff einer „absichtlichen Abwehraktion“ bedürfe „näherer Erläuterung“, schreibt der DFB. Und dann erläutert er. „Die Abseitsstellung ist dann strafbar, wenn ein Spieler den Ball aus einer Torabwehraktion eines Abwehrspielers erhält. Die Aktion des Abwehrspielers ist in diesem Fall vergleichbar mit der Abwehr eines Torwartes.“

Das wiederum lässt durchaus den Schluss zu, dass Stieler am Dienstagabend richtig entschied, weil Ingelsson munter durchs Mittelfeld grätschte, was Torhüter für gewöhnlich nur selten praktizieren, wenn sie nicht gerade Manuel Neuer heißen. Es wirft aber auch die Frage auf, ob die Entscheidung anders hätte ausfallen müssen, wenn sich die Szene – theoretischer Fall – nicht im Mittelfeld, sondern im Paderborner Strafraum abgespielt hätte. Wäre Ingelssons Grätsche dann schon „vergleichbar mit der Abwehr eines Torwartes“ gewesen?

Vermutlich hätte es allein aus Transparenzgründen nicht geschadet, wenn sich Stieler, der einem in diesem Fall fast leidtun muss, die Szene auf dem Platz noch einmal angeschaut und seine Entscheidung später öffentlich erklärt hätte, was er beides nicht tat. Dabei hätte er vielleicht etwas Licht ins Dunkel gebracht – sofern das beim Fußball und seinem Regelwerk überhaupt noch möglich ist.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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