Vor zwölf Monaten erlebte der BVB seine erste coronabedingte Spielabsage. Seitdem ist die Südtribüne - fast durchgängig - leergeblieben. © imago / Revierfoto
Borussia Dortmund

Die graue Wand: Ein Jahr Corona und viele Entscheidungen beim BVB

Der BVB erlebte vor zwölf Monaten seine erste coronabedingte Spielabsage. Aus der lauten Gelben Wand ist eine stille graue Wand geworden, die einiges über sich ergehen lassen musste.

Die Nachricht kam ziemlich spät an diesem Freitagnachmittag vor einem Jahr, längst nicht mehr aus dem Nichts freilich, aber doch irgendwie unerwartet. Das Coronavirus war auf dem Vormarsch, auch in Deutschland, aber das ganze Ausmaß der Pandemie mit all ihren Gefahren, Unwägbarkeiten und Auswirkungen überblickte damals kaum jemand, vermutlich sogar niemand. Fußball sollte tatsächlich erst einmal noch gespielt werden. Ohne Zuschauer, aber immerhin. Und so bereitete sich der BVB im eigenen Stadion auf das erste Geister-Revierderby der Bundesliga-Historie vor. Das Abschlusstraining hatte bereits begonnen, als die Deutsche Fußball Liga den Plan doch noch mal änderte.

„Angesichts der Dynamik des heutigen Tages“, so hieß es in der Pressemitteilung der DFL um kurz nach 16 Uhr, habe das DFL-Präsidium kurzfristig beschlossen, den 26. Spieltag zu verlegen. Zudem bleibe ein Antrag „auf eine Unterbrechung des Spielbetriebs bis zum 2. April“ bestehen, was rückblickend wohl am besten bewies, dass zu diesem Zeitpunkt wirklich noch niemand im Bilde war, was alles noch so kommen würde. Letztendlich wurde die Bundesliga erst über zwei Monate später wieder fortgesetzt, am 16. Mai 2020 – nicht ohne kritische Nebengeräusche, nur ohne Zuschauer und auch nur unter strikten Hygieneauflagen.

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke: „In meiner Position kann und sollte ich nicht jammern“

Heute, genau ein Jahr nach der coronabedingten Absage des Derbys, steht im Signal Iduna Park wieder ein Fußballspiel auf dem Programm. Am Samstagabend gastiert die Hertha aus Berlin in Dortmund – und der BVB spielt wie der Rest der Liga noch immer vor leeren Rängen. Oder schon wieder. Wie man es sehen möchte. Im vergangenen Spätsommer durften kurzzeitig mal ein paar Fans ins Stadion zurückkehren, doch auch das ist schon lange wieder vorbei.

Hans-Joachim Watzke, der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung, sagt im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Mir fehlen die Fans und die Atmosphäre genauso wie jedem anderen auch. Der Unterschied ist nur, dass ich in meiner Position nicht jammern kann und sollte.“ Er habe sich, so erzählt es Watzke, im zurückliegenden Jahr nur mit einer Aufgabe konfrontiert gesehen, „und die lautete sicherzustellen, dass bei Borussia Dortmund nicht die Lichter ausgehen.“

Axel Witsel: „Fußball ohne Fans ist kein Fußball“

An Spiele ohne Fans im Stadion mag er sich trotzdem nicht gewöhnen, auch wenn er die Fortsetzung der Bundesliga im vergangenen Mai rein aus wirtschaftlichen Gründen als „riesige Befreiung“ empfand. Watzke sagt: „Jetzt aktuell fehlen mir die Fans noch mehr als im Mai oder im Juni des vergangenen Jahres. Die gähnende Leere in unserem Stadion fasst mich mittlerweile noch viel mehr an als zu Beginn der Geisterspiele.“ Auch Axel Witsel findet im Interview mit den Ruhr Nachrichten deutliche Worte: „Fußball ohne Fans ist kein Fußball.“

Natürlich fehlt die Stimmung, der Einfluss von den Rängen, die Extraportion Adrenalin. Aus der Gelben Wand ist eine graue Wand geworden. Die Südtribüne schweigt seit einem ganzen Jahr – und hat in den vergangenen zwölf Monaten viel mit ansehen müssen. Mitunter merkwürdig blutleeren Fußball von Borussia Dortmund, mitunter aber auch merkwürdig anmutende Entscheidungen im Fußball ganz allgemein oder beim BVB im Speziellen.

Viele Entscheidungen: Von Stadionallianzen bis BVB-Fantoken

Los ging es mit der Durchführung von Geisterspielen im vergangenen Mai, für die längst nicht jeder Fan Verständnis aufbringen konnte. Im September folgten die „Stadionallianzen gegen Gewalt“ zwischen der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen und neun NRW-Klubs, die von Fanbündnissen und Fanklubs scharf kritisiert wurden und werden. Ebenfalls im September stellte der BVB eine eigene E-Football-Mannschaft vor, was nicht jedem schwarzgelben Fan schmeckte.

Im Dezember dann präsentierte der BVB den Fantoken, der es nach heftiger Kritik der aktiven Fanszene und einem Banner außerhalb des Signal Iduna Parks Anfang Januar beim Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg mit der Aufschrift „Stoppt den Marketingwahn – Fantoken einstampfen!“ nicht über die Testphase hinaus schaffen wird. Drumherum kochte zu allem Überfluss BVB-Mannschaftskoch Dennis Rother oder es turnte Fitness-Influencerin Pamela Reif munter mit irgendwem, wichtig war eigentlich immer nur, dass Hauptsponsor „1&1“ das Schauspiel präsentierte.

Die BVB-Fans fehlen als stimmgewaltiges Korrektiv

Dazu gesellte sich fast Woche für Woche der mittlerweile ganz normale Video-Schiedsrichter-Wahnsinn und außerdem eine „Datei Gewalttäter Sport“ (DGS) bei den Polizeibehörden, die trotz der Geisterspiele in den vergangenen zwölf Monaten um 1056 Namen reicher wurde.

Normalerweise stehen hier 25.000 Menschen: die Südtribüne im Signal Iduna Park. © SVEN SIMON-Groothuis-Witters © SVEN SIMON-Groothuis-Witters

Viele Themen, zu denen die Zuschauer im Stadion und die Südtribüne ganz sicher eine Meinung hatten und gern geäußert hätten. Und so drängt sich durchaus ein bisschen der Eindruck auf, dass die Fans und die Gelbe Wand nicht nur als stimmgewaltiger Unterstützer, sondern vielleicht auch als stimmgewaltiges Korrektiv für die Entscheider und Funktionäre im Fußballgeschäft fehlt.

Der BVB steht im Austausch mit der aktiven Fanszene

Wurden die Geisterspiele also vielleicht sogar dazu genutzt, um unangenehme Entscheidungen an den Fans vorbei zu treffen? Hans-Joachim Watzke möchte diesen Vorwurf zumindest beim Blick auf Borussia Dortmund so nicht im Raum stehen lassen. „Ich glaube, dass der Vorwurf nicht greift“, sagt er. Sämtliche Themen seien stets mit der aktiven Fanszene diskutiert worden. „Dass wir auch mal daneben liegen, ist ja klar. Und dass wir, wenn wir in einer Pandemie um die Beschäftigung von rund 850 Mitarbeitern kämpfen, vielleicht den einen oder anderen Kompromiss mehr eingehen müssen, das gehört auch zur Ehrlichkeit dazu.“

Die spannende Frage ist, wie groß die Kompromissbereitschaft der Fans wirklich ist, wenn sie wieder eine Plattform vorfinden, um Meinungen kundzugeben. Die Südtribüne wird nicht auf ewig schweigen müssen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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