Kai Havertz (l.) erzielt den Ausgleich zum zwischenzeitlichen 1:1 gegen Ungarn. © imago images/Laci Perenyi
Meinung

Die DFB-Elf im EM-Achtelfinale: Lachnummer vermieden, Euphorie weggespült

Fragezeichen, Ausrufezeichen, Alarmzeichen: Nach drei Vorrundenspielen stolpert die DFB-Elf ins EM-Achtelfinale. Eine Blamage ist vermieden, aber was die Mannschaft leisten kann, weiß keiner.

Lachnummer vermieden, Aufbruchstimmung verspielt: Wie ein Teilerfolg fühlte sich das spät geglückte Remis der DFB-Elf gegen Ungarn nicht an. Deutschland schlitterte beim 2:2 hauchdünn an einer erneuten Blamage vorbei. Und die hätten sich Mannschaft selbst zuschreiben müssen.

EM 2020: DFB-Elf stolpert gegen Ungarn auf den zweiten Gruppenplatz

Es fehlten nur sechs Minuten, und es wäre Aus gewesen. Trotz aller Beteuerungen vom guten Teamspirit, vom großen Ehrgeiz und dem festen Willen, bei diesem Turnier einen besseren Eindruck zu hinterlassen als beim WM-Debakel 2018 in Russland – Deutschlands Elitefußballer, gegen Portugal noch so feinfüßig, stolperten gegen Ungarn von einer Verlegenheit in die andere. Dass es am Ende doch gereicht hat für den Einzug ins Achtelfinale, sogar als Zweiter in der anspruchsvollen Gruppe F, verleiht beim Blick auf diesen Fußballabend bei den Fans wahrlich keine euphorisierende Wirkung.

Keiner weiß, was diese Elf kann. Und keiner ahnt, was sie alles nicht kann.

Im drei EM-Spielen ist die deutsche Mannschaft viermal in Rückstand geraten. Nach einem Einwurf mit folgendem Eigentor. Nach einem Konter nach eigener Ecke. Nach einer Freistoßflanke aus dem Halbfeld. Und gegen Ungarn, die nächste Peinlichkeit, nach einem Anstoß. Viel ungeschickter, fehlerbehafteter, dilettantischer kann man sich kaum anstellen. Von der verstärkten Defensivarbeit, mit der Bundestrainer Joachim Löw ein gutes Turnier vorbereiten wollte, ist wenig zu sehen. Deutschland steht vermeintlich solide – und lädt die Gegner zu billigsten Slapstick-Toren ein. Fünf Gegentore in drei Partien – da muss man kein Experte sein, um zu ahnen, dass die EM bei gleichbleibender Quote bald beendet sein dürfte. Mats Hummels kann die Abwehr nur bedingt stabilisieren. Eingespielt sind die Reihen nicht, sie wurden ja erst vor zwei Wochen so zusammengestellt.

Die deutsche Nationalmannschaft ist noch keine Spitzenmannschaft bei der EM 2020

Womöglich hat Deutschland die Ungarn auch gar nicht unterschätzt. Aus 75 Prozent Ballbesitz jedoch kaum Kapital schlagen zu können, nur mit zwei Hauruck-Toren das EM-Überleben zu sichern, das darf einer Spitzenmannschaft nicht passieren. Löws Plan ging diesmal überhaupt nicht auf. In fast bemitleidenswerter Stumpfsinnigkeit flogen diesmal die Flanken mitten ins Zentrum, wo baumlange Ungarn standen, aber kaum deutsche Stürmer.

Im Einzelnen: Matthias Ginter war mit den vielen Ballaktionen überfordert und patzte defensiv zweimal, Ilkay Gündogan und Toni Kroos bremsten sich gegenseitig aus oder übertrafen sich in Harmlosigkeit. Den größten Zorn allerdings trug sich, noch vor Serge Gnabry, Leroy Sané ein. Er spielte ein bisschen willig, ja. Vor allem aber hielt ihn Selbstüberschätzung auf den Beinen, er stümperte eine Partie zurecht, dass er früh um eine Auswechslung bettelte. Die kam erst, als er am zweiten Gegentreffer eine Mitschuld erlangte.

Bundestrainer Löw erwischt keinen guten Abend gegen Ungarn

Auch Löw hat keinen guten Abend erwischt. Er wird sich an das schmähliche 0:2 gegen Südkorea vor drei Jahren erinnert haben. Sein Konzept schlug fehl, er reagierte spät und unbeholfen. Ein erneutes vorzeitiges Ausscheiden hätte den Großteil der (frühen) Erfolge seiner Amtszeit weggespült wie der Starkregen im Spiel die Sommerlaune.

Was das alles zu bedeuten hat? Dieser DFB-Elf ist alles zuzutrauen, sie hat in drei Partien gegen unterschiedliche Gegner höchst unterschiedliche Leistungen gezeigt. Und für das Achtelfinale gegen England bedeutet diese erstolperte Qualifikation schlicht gar nichts. Dieses K.o.-Duell wird unter vielen Gesichtspunkten ein ganz anderes Spiel. Aus deutscher Sicht muss man sagen: zum Glück!

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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