Bleibt er beim BVB oder verlässt er den Verein? Eine Entscheidung bei Jadon Sancho könnte erst nach der Europameisterschaft fallen. © imago / Geuppert
Meinung

Der BVB steht vor einem schwierigen Transfersommer – alles hängt an Sancho

Borussia Dortmund kann trotz teilweise unerklärlicher Leistungsschwankungen auf eine gelungene Saison blicken. Der BVB-Transfersommer wird herausfordernd - alles hängt an Jadon Sancho.

Acht Monate, 51 Pflichtspiele: Selten zuvor erlebte Borussia Dortmund eine Fußball-Saison in einer dermaßen komprimierten Form. Es war extrem intensiv fast bis ganz zum Schluss, die Umstände mit der fortdauernden Corona-Problematik waren eine ständige Herausforderung. Umso erleichterter waren am Samstag im immer noch leeren Signal Iduna Park alle darüber, dass die Abschiedsvorstellung von Lukasz Piszczek ohne sportliche Brisanz und großen Druck stattfinden konnte.

Der 35-Jährige durfte seine letzten Minuten auf der großen Bühne genießen. Sein BVB lieferte die passenden Begleitumstände, so gut das eben möglich war. Natürlich hätte Piszczek einen Abschied vor ausverkauftem Haus verdient gehabt, wie gern hätte die Borussia einem der verdientesten Spieler der vergangenen Jahre diesen auch geschenkt. Es wird noch einen nachträglichen Abschied in würdigem Rahmen geben für den Polen, der 2010 zum BVB kam. Das ist der klare Wunsch aller. Und die Pläne liegen längst in der Schublade.

Dem BVB gelingt ein beeindruckender Schlussspurt

Mit sieben Siegen in Serie hat Borussia Dortmund einen beeindruckenden Schlussspurt hingelegt. Die Mannschaft hat abgeliefert, als der Druck am größten war und am Ende noch einmal alles aus sich herausgeholt. Dadurch wurde das wichtigste Saisonziel, die Qualifikation für die Champions League, am Ende doch noch einigermaßen souverän erreicht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um ein Fazit zu ziehen, und die Bilanz liest sich unterm Strich gar nicht mal so schlecht: Platz drei in der Liga, Viertelfinale in der Königsklasse, dazu der Pokalsieg als Krönung. Vor allem in den Pokalwettbewerben herrschte eitel Sonnenschein.

Man muss allerdings differenzieren, denn von der Liga, dem so schön beschriebenen „Brot-und Butter-Geschäft“, lässt sich das nicht uneingeschränkt sagen. Wenn die sportliche Leitung der Borussia zur traditionellen Saisonanalyse zusammenkommt, wird nicht unter den Teppich fallen, dass knapp zwei Drittel der Bundesliga-Saison von Schwankungen geprägt waren, die nicht die Qualität dieser Mannschaft widerspiegeln. Als der BVB die Champions League nach dem 1:2 gegen Frankfurt auf Platz sieben liegend nur noch mit dem Fernglas erspähen konnte, waren schon 27 Bundesliga-Spieltage absolviert. Und auch Edin Terzic, heute zu Recht als Erneuerer gefeiert und als derjenige, der dem Kader neues Leben einhauchte, drohte lange an der Wankelmütigkeit dieser Mannschaft zu verzweifeln – und zu scheitern.

BVB kassiert zehn Bundesliga-Niederlagen – das ist enttäuschend

Zehn Niederlagen stehen in der Bilanz. Zehn! Mehr waren es zuletzt in Jürgen Klopps letzter BVB-Saison, als Dortmund zwischenzeitlich auch mal die Rote Laterne innehatte. Selbst in der turbulenten ersten Saison nach dem unschönen Abschied von Thomas Tuchel waren es am Ende nur neun Pleiten. Der BVB hat mit einem Schnitt von 1,88 Punkten keine berauschende Bundesliga-Saison gespielt und ist dort hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Man hat auch davon profitiert, dass die Konkurrenz mit den widrigen Umständen und der hohen Belastung ebenso stark zu kämpfen hatte.

Welche Konsequenzen wird der Klub aus dieser Saison ziehen? Noch Anfang April drohte ein viel größerer Umbruch unumgänglich zu sein, als dies ursprünglich mal geplant war. Das erfolgreiche Finale lindert nun ein wenig den Handlungsdruck. Das dürfte auch deshalb für Beruhigung sorgen, weil der Handlungsspielraum angesichts eines zu erwartenden Rekord-Verlusts ohnehin nicht allzu groß ist. Dennoch stehen einige Spieler im Kader, die die Erwartungen nicht erfüllt haben. Julian Brandt, Nico Schulz, auch Thomas Meunier. 2022 laufen die Verträge von Thomas Delaney, Axel Witsel, Dan-Axel Zagadou und Mahmoud Dahoud aus. Was passiert mit ihnen?

Die Außenpositionen sind beim BVB viel zu dünn besetzt

Wie intensiv Dortmund am Transfermarkt agiert, hängt maßgeblich von den Verkaufserlösen ab. Der BVB wird die ein oder andere Kaderkorrektur vornehmen, denn auf einigen Positionen besteht Handlungsbedarf. Das betrifft die linke Seite der Abwehrkette, wo hinter Raphael Guerreiro ein riesiges Loch klafft. Auch rechts ist Dortmund nicht allzu üppig besetzt, erst recht nicht nach der schweren Verletzung von Mateu Morey. Dünn ist es auch auf beiden offensiven Außenbahn-Positionen. Gesucht werden schelle, trickreiche Spieler, die gegnerische Abwehrketten aufreißen können. Der Bedarf würde sich signifikant erhöhen, wenn ein Klub bereit ist, für Jadon Sancho die geforderte Summe von nicht weit unter 100 Millionen Euro auf den Tisch zu legen. Dann würde allerdings auch der finanzielle Spielraum signifikant steigen. Geduld, Hartnäckigkeit und Verhandlungsgeschick werden erst recht in diesem Sommer besonders gefordert sein.

Ob es bei Sancho im zweiten Anlauf zu einem Abschied kommt, könnte sich erst nach weit fortgeschrittener Vorbereitung entscheiden. Große Transfers dürften angesichts der weiter bestehenden Ungewissheiten ganz generell nur spärlich und nach der Europameisterschaft über die Bühne gehen. Es braucht den einen Domino-Stein, der zuerst fällt und dann eine Lawine ins Rollen bringt. Ob Sancho dieser Domino-Stein ist, muss man abwarten. Denn auch die Saison des jungen Engländers ist in zwei Abschnitte zu unterteilen. Er tat sich sehr lange schwer. Den „alten“ Sancho sah man erst im letzten Saisondrittel.

BVB-Entscheidung bei der Personalie Edin Terzic steht bevor

Borussia Dortmund nimmt einige Denk-Aufgaben aus dieser Saison mit in die Pause. Wie stark möchte man den Kader verändern? Wäre Erling Haaland auch dann unverkäuflich, wenn ein wirklich unmoralisches Angebot für den Norweger eintrudeln sollte? Alle Aussagen bislang lassen diesen Schluss zu. Wie leicht wird es fallen, durch Verkäufe Platz im Kader zu schaffen? Wie groß werden die Abstriche sein, die man machen muss, um gut verdienende Spieler, mit denen der neue Trainer Marco Rose nicht mehr plant, von der Gehaltsliste zu bekommen? Der letzte Transfersommer, den Sportdirektor Michael Zorc hauptverantwortlich gestalten und abwickeln wird, könnte ähnlich schwierig werden wie zu den Zeiten, als die Borussia mit sehr bescheidenen Mitteln wirtschaften musste.

Spätestens Ende kommender Woche hingegen dürfte sich die Zukunft von Edin Terzic klären. Er hat bis zuletzt an seiner Position festgehalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass er ab dem 1. Juli als Co-Trainer von Marco Rose weiterarbeitet, ist in den vergangenen Tagen nicht gesunken. Und man kauft Terzic ab, dass er diesen Schritt nicht als Degradierung empfinden würde.

Terzic als Co-Trainer unter Rose – eine brisante BVB-Konstellation

Offiziell wünschen sich alle diese Konstellation. Ob sich das intern etwas anders darstellt, ist nicht überliefert. Fakt ist, dass Marco Rose sich sicherlich etwas andere Startbedingungen in Dortmund gewünscht hatte, als er im Winter seinen Vertrag unterschrieb. Er kommt aus einem krassen Negativlauf, der just begann, als er seinen Wechsel nach Dortmund offiziell machte. Und er kommt zu einem Klub, dessen Fans seinen Vorgänger innerhalb kürzester Zeit in den Status einer Ikone erhoben haben. Und dieser Trainer bleibt womöglich auch noch als Co-Trainer in seinem Stab. Man muss kein negativ denkender Mensch sein, um die mögliche Brisanz in dieser Konstellation zu erkennen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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