Die UEFA plant ab der Saison 2024/2025 eine Aufstockung der Champions League von 32 auf 36 Teams. © imago / Kirchner-Media
Borussia Dortmund

Das steckt hinter dem Protest der BVB-Fans gegen die UEFA-Pläne

Borussia Dortmunds aktive Fanszene protestiert beim BVB-Spiel gegen Sevilla gegen die Reformpläne der UEFA für die Champions League. Das sind die Hintergründe - und das sagt Hans-Joachim Watzke.

Der stille Protest fand dort statt, wo vor Corona eigentlich nie Stille herrschte, wenn Borussia Dortmund Fußball spielte. Mitten auf der Südtribüne hing beim Achtelfinal-Rückspiel zwischen dem BVB und dem FC Sevilla am Dienstagabend ein großes gelbes Banner. „Stop UCL Reforms!“ stand dort in großen schwarzen Lettern geschrieben, unterzeichnet vom Fanbündnis „Südtribüne Dortmund“.

Nach einer guten Viertelstunde Spielzeit verschwand das Banner wieder von der Tribüne, doch die Botschaft war durchaus angekommen. Die aktive Dortmunder Fanszene hält offenkundig nicht besonders viel von den Reformplänen der UEFA für die Königsklasse, die den bedeutendsten internationalen Vereinswettbewerb ab der Saison 2024/2025 grundlegend verändern und damit auch Einfluss auf die Bundesliga nehmen könnten. Wir beantworten die wichtigsten Fragen:

Welche Reformen plant die UEFA ab 2024?

Die UEFA plant ab der Saison 2024/2025 eine Aufstockung der Champions League von bisher 32 auf dann 36 Teams. Zudem sollen die Achtelfinalteilnehmer nicht mehr durch eine Gruppenphase, sondern durch ein Ligasystem ermittelt werden. Gespielt werden soll nach dem sogenannten „Schweizer Modell“.

Wie funktioniert das „Schweizer Modell“?

Alle 36 Teams würden und werden in einer Tabelle spielen, nicht mehr in Gruppen. Die jeweiligen Gegner einer Mannschaft werden anhand von Vorjahres-Platzierungen bestimmt. Bisher gab es dafür Auslosungen und Lostöpfe. Der neue Modus sieht vor: Die besten acht Mannschaften der Tabelle ziehen direkt ins Achtelfinale ein, die folgenden 16 Teams spielen eine Playoff-Runde um die übrigen acht Achtelfinal-Plätze aus. Der veränderte Ablauf würde den Champions-League-Teilnehmern mindestens acht oder zehn statt bislang sechs Spiele in der Königsklasse garantieren und damit auch höhere Einnahmen auf internationaler Bühne. Andrea Agnelli, der Vorsitzende der europäischen Klubvereinigung ECA, sagte jüngst: „Jeder hat die Schönheit des neuen Modus erkannt.“

An welche Teams sollen die vier zusätzlichen Startplätze in der Champions League vergeben werden?

Das ist einer der großen Streitpunkte. Die UEFA sieht in der Aufstockung der Champions League auf 36 Teams die Chance, eine Art Auffangnetz für internationale Topklubs zu spannen. Die UEFA pflegt eine Zehn-Jahres-Wertung für alle Vereine. Jeder Klub, der im Europapokal spielt, kann Punkte für diese Wertung sammeln. Die UEFA-Pläne sehen vor, dass Klubs, die regelmäßig international spielen, es auch über die Zehn-Jahres-Wertung in die Königsklasse schaffen können, wenn sie auf nationaler Ebene schwächeln. Das würde bedeuten, dass beispielsweise ein Klub wie Borussia Dortmund auch dann in der Champions League antreten dürfte, wenn er in der Bundesliga mal nicht auf einem der ersten vier Plätze landet.

Es würden also vor allem die großen Klubs von der Aufstockung der Königsklasse auf 36 Teams profitieren, denn drei der vier Startplätze sollen nach Ansicht der ECA über die Zehn-Jahres-Wertung vergeben werden. Es gibt allerdings auch Stimmen, die eine solche Vergabe verhindern wollen. Jacco Swart, Geschäftsführer des europäischen Ligaverbands European Leagues, sagte der „Sportschau“: „Wir wünschen uns, dass stattdessen mehr nationale Meister mitspielen.“ Aktuell haben zum Beispiel die Meister aus Österreich, Schottland, der Türkei oder aus Tschechien keinen direkten Startplatz in der Champions League sicher, sondern müssen zunächst in der Qualifikation antreten.

Wer entscheidet über die Reformpläne der UEFA? Und wann?

Die finale Entscheidung über die Reformpläne trifft das UEFA-Exekutivkomitee, das aus 17 Mitgliedern besteht, unter anderem aus UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und DFB-Vizepräsident Rainer Koch sowie dem ECA-Vorsitzenden Agnelli. Die UEFA sagt, einen genauen Zeitrahmen für eine Entscheidung gebe es nicht, doch erwartet wird sie bereits in den kommenden Wochen. Am 20. April steht ein UEFA-Kongress in Montreux in der Schweiz an. Dann könnte auch das Exekutivkomitee tagen und über die Reformpläne entscheiden. Der Weg hin zum Schweizer Modell ist nach Informationen der Ruhr Nachrichten deutlich vorgezeichnet.

Was bedeuten die Reformpläne für die Bundesliga?

Die neuen Pläne für die Champions League dürften sich in erster Linie auf den Terminkalender der Bundesliga auswirken. Durch die Reformen stünden ab 2024 nicht mehr 125, sondern 225 Champions-League-Partien auf dem Spielplan. Der ohnehin schon volle Fußballkalender würde sich weiter verengen. Ob die Winterpause in der Bundesliga in ihrer jetzigen Form weiterhin tragbar wäre, erscheint zumindest fraglich.

Und auch finanziell könnten die UEFA-Reformen Auswirkungen auf die Bundesliga haben. Mehr Spiele in der Champions League sollen freilich auch höhere TV-Erlöse generieren. Die Frage ist aber zum einen, woher das frische Geld kommen soll? Fließt ab 2024 tatsächlich mehr Geld in den Fußball? Oder fließt das vorhandene Geld nur woanders hin, nämlich zu den europäischen Topklubs. Die zweite Frage ist – und auch darüber wird aktuell wieder gestritten – wie das viele Geld zukünftig verteilt werden soll.

Aktuell werden vier Prozent der internationalen Einnahmen in Form eines Solidaritätsabschlags auch an die Bundesliga-Klubs ausgeschüttet, die nicht mitspielen dürfen, beispielsweise an Mainz 05, den 1. FC Köln oder den FC Augsburg. Die European Leagues fordern in Zukunft acht statt bisher vier Prozent der Einnahmen, die ECA sieht das – wenig überraschend – anders. „Ich sehe ihren Standpunkt“, sagt Agnelli mit Blick auf die Anliegen der nationalen Ligen, „aber sie müssen ihre eigene Arbeit machen.“

BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärte am Mittwoch im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten: „Zu der Verteilungsdebatte möchte ich anmerken, dass es Klubs gibt, die mittlerweile 60 oder 70 Prozent ihres Umsatzes rein durch TV-Gelder erzielen. Wir müssen nicht immer nur über Verteilungsschlüssel reden, sondern schon auch darüber, dass die Klubs aufgefordert sind, auch selbst noch gut zu arbeiten und weitere Einnahmen zu generieren. Unter dem Strich wurden bisher immer vernünftige Kompromisse gefunden, das wird dieses Mal auch wieder gelingen.“

Was ist der Grund für die Protestaktion der BVB-Fans beim Champions-League-Spiel gegen Sevilla?

Eine große Sorge der Reform-Kritiker, also auch der aktiven Dortmunder Fanszene, ist, dass die ohnehin schon vorhandene Langeweile in der Bundesliga und den nationalen Wettbewerben ab 2024 noch einmal zunehmen und weiter manifestiert werden könnte. Die finanzielle Schere zwischen Klubs, die international vertreten sind, und Vereinen, die international nicht mit dabei sind, könnte noch weiter auseinandergehen. Die zusätzlichen Sicherheiten für die Top-Klubs durch die Vergabe der weiteren Champions-League-Startplätze sowie die allgemein höheren Einnahmen in der Königsklasse durch mehr garantierte Spiele könnten die Zutrittsbarrieren für „kleinere“ Klubs zusätzlich erhöhen.

In der Bundesliga könnte der FC Bayern München in dieser Saison seine neunte Meisterschaft in Serie gewinnen, der BVB hat sich in den vergangenen zehn Jahren neunmal für die Champions League qualifiziert – und auch RB Leipzig schickt sich an, ein Stammgast auf der ganz großen Bühne des europäischen Vereinsfußballs zu werden.

Was sagt der BVB zu den Reformplänen der UEFA und zur Protestaktion der Fans?

Borussia Dortmunds Boss Hans-Joachim Watzke gilt als Befürworter der Reformpläne. Im Gespräch mit den Ruhr Nachrichten erklärte der Vorsitzende der BVB-Geschäftsführung am Mittwoch: „Der entscheidende Punkt, warum ich für das Schweizer Modell eintrete, ist, dass es in meinen Augen der einzige Weg ist, um eine Super League der internationalen Topklubs zu verhindern. Die Spitzenklubs stehen aktuell unter enormem Druck, weil die Verluste, die gerade wegen der Corona-Pandemie eingefahren werden, unfassbare Dimensionen erreicht haben. Insofern musste schon ein Format gefunden werden, dass eine Super League abwendet. Für mich ist immer die Integrität eines Wettbewerbs ein ganz entscheidender Faktor. Und ich werde niemals einen Wettbewerb unterstützen, zu dem es keine offenen Zugänge gibt. Eine geschlossene Gesellschaft wie in der amerikanischen NFL, NHL oder NBA, das ist nicht unser Fußball und das kann es meines Erachtens nach auch nicht sein.“ Er persönlich fände es allerdings in Ordnung, „wenn Klubs belohnt werden, die in der Zehn-Jahres-Wertung gut dastehen und deswegen vielleicht mal einen Wettbewerb nach oben rutschen“.

Für die Proteste der Fans gegen die Reformpläne zeigt er dennoch Verständnis. Er habe sich daher bei der UEFA dafür eingesetzt, sagte Watzke, „dass dieses Banner dort hängen darf“. Nicht etwa, weil er die Reformpläne der UEFA schlecht fände. „Im Gegenteil: Ich halte das Schweizer Modell für gut, weil es mehr Abwechslung verspricht. Unabhängig von meiner Meinung ist mir aber die Diskussionskultur in unserem Verein wichtig, solange sich alle an die Spielregeln halten und niemand beleidigt wird. Dann muss man auch andere Meinungen aushalten können.“ Darüber hinaus, meinte Watzke, sei er sich ziemlich sicher, „dass sich unsere aktive Fanszene mit diesem Banner eher gegen eine mögliche Super League aussprechen wollte“.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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Tobias Jöhren

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