Freut sich über seine neue Rolle bei Borussia Dortmund: Felix Passlack. © Groeger
Borussia Dortmund

BVB-Rückkehrer Passlack im Exklusiv-Interview: „Ich hatte richtig Gänsehaut“

Felix Passlack ist zurück bei Borussia Dortmund - und überrascht sich selbst. Im Exklusiv-Interview spricht er über Rückschläge, Extra-Schichten und die emotionale Rückkehr ins BVB-Stadion.

Können Sie verstehen, dass ich vor vier Monaten niemals erwartet hätte, dass wir heute hier in der Geschäftsstelle zusammensitzen und über Ihre Entwicklung beim BVB sprechen?(lacht) Nein, das hätten wir damals wohl beide nicht erwartet.

Waren es die turbulentesten vier Monate Ihrer Karriere?Zumindest blicke ich sehr gerne auf diese Zeit zurück und bin froh, dass es sich so entwickelt hat. Ich konnte mich beim BVB empfehlen, ich habe Spielpraxis bekommen. Und ich finde auch, dass ich in dieser Zeit persönlich den nächsten Schritt gemacht habe. Es ist so gelaufen, wie ich es mir im Frühjahr erträumt habe, als in Holland die Saison abgebrochen wurde. Ich hatte mir damals überlegt, wie ich mit dieser Situation umgehen und wie ich mich topfit vorbereiten kann auf die Zeit in Dortmund.

Wie sah Ihr Plan aus?

Ich habe zwei Wochen Pause gemacht, danach habe ich mir die Hilfe von zwei Personal Coaches geholt. Mit dem einen habe ich vorwiegend im athletischen Bereich gearbeitet, wir sind tagtäglich gelaufen und haben auch an meiner Explosivität und den Sprints gearbeitet. Mit dem anderen habe ich das Krafttraining ausgeweitet und auch an meiner Mobilität gearbeitet.

Es war für alle eine Zeit der Ungewissheit. Fiel es Ihnen schwer, sich zu motivieren?

Anfangs nicht, ich hatte sogar richtig Lust darauf. Es kam natürlich der Moment, wo ich gerne auch wieder fußballerisch trainieren und den Ball am Fuß haben wollte. Das haben wir dann später auch zwei Mal wöchentlich machen können.

Mit welchen Zielen sind Sie in die Vorbereitung in Dortmund gestartet?

Ich wollte die Vorbereitung durchziehen und mich empfehlen. Dass es so gut gelaufen ist, damit habe ich ehrlicherweise nicht gerechnet. Ich habe gedacht: Okay, es ist jetzt sozusagen deine letzte Chance, und weil mein Vertrag nur noch ein Jahr lief, war ich eigentlich sehr früh sicher, dass ich das beim BVB auch versuchen möchte. Ich habe mir die Chance durch harte Arbeit auch verdient. Aber natürlich habe ich auch ein wenig Glück gehabt. Das Verletzungspech anderer hat mir ein bisschen geholfen.

Gab es früh Signale vom Trainer, dass aus dieser Situation mehr werden könnte als nur ein Übergangsjahr für Sie?

Am Anfang noch nicht. Ich habe dann aber viele Minuten in den Tests bekommen. Da hatte ich schon das Gefühl, dass Lucien Favre meine Spielweise ganz gut gefällt.

Er hat dann auch nicht gezögert, sie im ersten Spiel gegen Gladbach schon nach 19 Minuten einzuwechseln. Ihr Comeback im Signal Iduna Park …

… nach gefühlt 1700 und ein paar Tagen. Es war genial. Auch wenn nur wenige Zuschauer da waren, hatte ich richtig Gänsehaut. Die hatten schon beim Warmlaufen richtig Krach gemacht. Es war schön, endlich wieder in diesem Stadion spielen zu dürfen.

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Die nächste Wende in einer Karriere, in der Sie mit nur 22 Jahren schon viele extreme Situationen kennengelernt haben. Vier Mal Meister mit den BVB-Junioren, Fritz-Walter-Medaille als bester Nachwuchsspieler, dann aber harte Zeiten in Hoffenheim und Norwich …

Das stimmt. In der Jugend ging es fast nur steil nach oben, ich war ja auch Kapitän, wir haben viel gewonnen. Aber mir war klar, dass es nicht immer nur bergauf gehen wird. Das ist ja auch vollkommen normal in einer Fußballkarriere. Das Problem ist, man kann sich darauf nicht vorbereiten. Irgendwann beginnt es, es geht dann sogar noch weiter bergab und man stellt sich schon die Frage, was man anders und besser hätte machen können. Bei meinem Wechsel nach Hoffenheim zum Beispiel hätte ich mich rückblickend nicht erst so spät entscheiden sollen. Da stand die Mannschaft bereits und ich hatte es sehr schwer. In Norwich hatte ich auch Pech, weil Max Aarons, ein guter Junge aus dem eigenen Nachwuchs, auf meiner Position so durch die Decke gegangen ist.

Sie haben unter Thomas Tuchel noch mit 17 in der Bundesliga debütiert, standen regelmäßig im Kader. Warum war der Schritt nach Hoffenheim dennoch aus damaliger Sicht richtig?

Ich habe auf regelmäßige Spielpraxis gehofft, es gab auch ein echtes Interesse. Dazu hatte der BVB ja Jeremy Toljan verpflichtet, was meine Chancen nicht unbedingt verbessert hat. Die Leihe sollte zwei Jahre laufen, das hörte sich alles sehr vielversprechend an. Ich habe es so gesehen, dass ich Trainings- und Spielpraxis auf hohem Niveau bekommen kann, und dass es mir auch hilft, unter Julian Nagelsmann zu trainieren und von einem weiteren renommierten Trainer zu lernen.

„Es war eine Situation, die ich so nicht kannte.“

Felix Passlack

Es kam dann ganz anders. Wie ist das dann, wenn man mit 19 Jahren in einer kleinen Stadt wie Sinsheim weit weg von zu Hause sitzt und kaum spielt? Da wird die Lust auf Training an manchen Tagen auch nicht besonders ausgeprägt gewesen sein …

Natürlich war das nicht immer einfach, es war eine Situation, die ich so nicht kannte. Ich hatte bei den Junioren immer das Gefühl, gebraucht zu werden. Das fehlte damals. Zum Glück war meine Freundin mit in Sinsheim, dazu sind ihre oder meine Eltern zu jedem Heimspiel gekommen, auch wenn ich nicht gespielt habe. Mit ihnen konnte ich immer sprechen, wenn es mir mal nicht so gut ging. Geholfen hat mir auch, dass ich einige Spieler wie Robin Hack oder Dennis Geiger schon von der Nationalmannschaft kannte. Sie haben einiges abgefangen an schlechter Laune.

Dann kam die Anfrage von Daniel Farke, der Sie nach Norwich holen wollte …

Da musste ich nicht zwei Mal überlegen. Viele Spiele, gute Qualität, ein neues Land mit einer interessanten Liga. Dazu ein guter Trainer. Mit ihm und den deutschsprachigen Jungs wie Moritz Leitner, Christoph Zimmermann oder Marco Stiepermann kannte ich auch einige Gesichter.

Auch die Spielweise dürfte Ihnen gelegen haben …

Absolut. In England gilt die 2. Liga als die härteste der Welt. Es geht zur Sache, ist intensiv. Das mag ich. Leider lief es nach einer guten Vorbereitung dann nicht mehr so rund. Und dann kam Max Aarons …

… von dem Farke sagte, er sei leider so gut, dass es zwar schade für Sie sei, aber er könne an ihm einfach nicht vorbei …

Das war tatsächlich so. Das habe ich auch akzeptiert.

Die Wende zum Besseren kam mit der dritten Leihe in drei Jahren. Es zog Sie zu Fortuna Sittard in die Niederlande. Warum lief es dort endlich wieder?

Ich hatte mir bewusst Zeit gelassen mit der Entscheidung in dem Jahr. Ich hatte sehr viele gute Gespräche mit dem Trainer, auch die Spielweise passte zu mir. Es war wichtig für mich, dieses gute Gefühl wieder zu haben. Gebraucht zu werden.

Bis zum Saisonabbruch waren Sie Stammspieler …

Es war absolut die richtige Entscheidung, ich konnte danach für mich sagen, dass ich wieder auf dem richtigen Weg bin. Ich habe Selbstvertrauen gesammelt, ich habe einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht. Dafür bin ich Fortuna Sittard sehr dankbar. Sie hatten ja schließlich auch mitbekommen, dass es zwei Jahre für mich nicht gut gelaufen war.

Beim BVB sind Sie richtig nahe dran an Einsätzen und stehen immer im Kader. Spürt man das in der Kabine, hat sich die Akzeptanz der Kollegen verändert im Vergleich zur Vorbereitung, wo alle dachten, dass sie auf dem Sprung zu einem anderen Klub sind?

Schon, ja. Als es losging, wusste keiner, wie es weitergeht mit mir, wie ich mich im Training präsentiere und ob ich das Niveau habe, um mit den Jungs mitzuspielen. Von daher hat sich das schon verändert. Jetzt geht es darum, weiterzumachen. Ich habe im Endeffekt ja noch nichts erreicht.

„Jetzt geht es darum, weiterzumachen. Ich habe im Endeffekt ja noch nichts erreicht.“

Felix Passlack

Von Michael Zorc stammt über Sie der Satz: „Es tut uns gut, dass er hiergeblieben ist.“ Kennen Sie dieses Zitat, wie denken Sie darüber?

Ich kenne den Satz, und natürlich freut mich so eine Aussage sehr. Das hat mir gut getan nach den vielen negativen Zeiten, die ich auch hatte. Das ist für mich ein Ansporn, so weiterzuarbeiten.

Sie sind durch ihre Leistungen auch wieder in den Kreis der U21-Nationalmannschaft zurückgekehrt. Da steht nun im Frühjahr eine merkwürdige Europameisterschaft an …

Allerdings. Wir spielen die Gruppenphase im März quasi ohne spezielle Vorbereitung aus dem laufenden Spielbetrieb heraus. Die Endrunde findet dann erst im Juni statt.

Gab es von U21-Trainer Stefan Kuntz schon Signale in Ihre Richtung?

Nein, noch nicht. Es kann sich aber im Prinzip kaum ein Spieler sicher sein, seinen Platz zu haben. In dieser Altersklasse ist es wichtig, dass du gesund bleibst, regelmäßig spielst und deine Leistung zeigst.

Zurück in der DFB-U21: Felix Passlack. © imago / Sven Simon © imago / Sven Simon

Sie haben in der U21 unter Kuntz vor drei Jahren debütiert. Die meisten Spieler müssten sie auch deshalb kennen, weil sie quasi alle Auswahlmannschaften beim DFB durchlaufen haben.

Ja, da waren nicht viele dabei, die ich noch gar nicht kannte. Es ist klasse, die Stimmung im Team ist gut, es ist mir sehr leicht gefallen, mich da wieder reinzufinden. Es macht Spaß, wieder dabei zu sein.

Auf Sie und den BVB warten jetzt intensive Tage bis Weihnachten. Wie steht es um Ihren körperlichen Zustand?

Gut! Ich habe ja im letzten Spiel nicht gespielt, wäre also bereit (lacht).

Wie kommen Sie generell mit der fast vollständig fehlenden Atmosphäre in den Stadien klar?

So verständlich das ist, dass wir aktuell wieder Geisterspiele haben, bin ich aber auch der Typ, der diese Atmosphäre vermisst, die Stimmung von den Rängen, die Spannung und das Prickeln, das von den Zuschauern kommt. Das hat mir immer einen Extra-Schub gegeben. Ich bin damit aber ganz gut umgegangen.

Was können Sie in Ihrem Spiel noch verbessern?

Generell gibt es immer viel zu verbessern. Der erste Kontakt, die Ruhe am Ball, vor allem in kritischen Situationen die beste Lösung zu finden. Auch, den Spielfluss unserer Mannschaft noch besser zu verstehen, in welche Räume die Jungs laufen.

Ihr Vorteil ist, dass Sie gleich beide Außenpositionen in der Abwehrkette spielen können. Wie kam es zu dieser Entwicklung? In der Jugend waren sie ja eigentlich offensiver unterwegs.

Das war unter Thomas Tuchel. Er hatte relativ schnell für mich dort eine Perspektive gesehen. Für mich war das keine ganz neue Geschichte, ich hatte unter Hannes Wolf in meinem ersten U17-Jahr auch rechter Verteidiger gespielt. So, wie die Außenverteidiger heute spielen, mit viel Offensivdrang, ist das für mich eine gute Position. Und für die Trainer ist das komfortabel, wenn sie wissen, dass ich beide Seiten spielen kann. In Sittard habe ich übrigens relativ häufig auf der Acht gespielt. Diese Flexibilität ist sicher ein Vorteil für mich.

Im Sommer gab es die Systemdiskussion in Dortmund. Präferieren Sie die Viererkette, oder eher die Dreier-/Fünferkette?

Mit Dreierkette hast du als Außenbahnspieler noch eine Absicherung hinter dir und im Spiel vielleicht ein paar offensive Aktionen mehr. Taktisch ist es ein Unterschied, weil man in der Viererkette weiter durchschieben muss und in der Fünferkette eher die Breite halten muss. Ich komme mit beiden Varianten zurecht.

Ihr Vertrag läuft am Saisonende aus. Welchen Zeitrahmen setzen Sie sich, um eine Entscheidung über Ihre Zukunft zu fällen?

Ich denke, wenn ich weiter meine Leistung bringe, wird es irgendwann Gespräche mit dem BVB geben, in welche Richtung auch immer die dann laufen. Ich muss dranbleiben, das ist jetzt das Wichtigste. Ich bin relativ entspannt, was meine Vertragssituation angeht und mache mir keinen Druck. Ich muss es auch nicht im November klären.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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