BVB-Abwehrchef Mats Hummel (am Ball) ist auch in der Nationalmannschaft gesetzt. © imago images/Jan Huebner
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BVB-Profi Hummels und das Kettenkarussell: Die Abwehrdiskussion der Nationalelf

Deutschland mit Dreierkette – die flexible Abwehrformation um BVB-Verteidiger Mats Hummels bietet für Bundestrainer Joachim Löw viele Vorteile für die EM. Nur ein Kompromiss ist dazu nötig.

Nach der Systemfrage tauchte auch noch die Sinnfrage auf. Wie aufschlussreich denn ein Testspiel gegen einen unterklassigen Gegner wie Lettland sei, um die favorisierte Dreierkette einem Belastungstest zu unterziehen? Joachim Löw entwertete am Montagabend nach dem 7:1 in Düsseldorf die Diskussion um die Abwehrformation als eine oberflächliche, „nur in der Öffentlichkeit“ beheimatete Debatte.

Joachim Löw: „Bei Dreierkette und Viererkette sind die Prinzipien gleich“

„Ob Dreier- oder Viererkette, die Prinzipien sind die gleichen“, lehrte der Bundestrainer. „Beim System sind wir flexibel, wir müssen auf jeden Fall zwei Grundordnungen beherrschen. Heute ist alles unglaublich dynamisch. Wir müssen die Räume gut besetzen. Wer das macht, spielt nicht immer die entscheidende Rolle.“ Und wer glaube, wegen der drei nominellen Innenverteidiger sei die Dreierkette die defensivere Variante, „der täuscht sich“.

Gegen die hoffnungslos unterlegenen Letten galt das auf alle Fälle. Sieben offensiv orientierte Spieler suchten permanent den Weg nach vorne, vor allem die Außenbahnspieler Robin Gosens, der diese Rolle auch für Atalanta Bergamo sehr erfolgreich interpretiert, und Joshua Kimmich standen hoch im Feld. Gosens darf sich bereits jetzt als Gewinner der EM-Vorbereitung fühlen. Bayern-Star Kimmich, der im Klub wie im DFB-Team rechts hinten begonnen hat, bevorzugt eigentlich eine zentralere Rolle. Wie dominant er auch von der Seitenlinie aus agieren kann, zeigte er nach kurzer Eingewöhnung im finalen Test.

„Man weiß ja, dass er keine lange Anlaufzeit benötigt, das macht seine Klasse aus“, lobte Löw. Kimmich außen einzusetzen, sei „ein Test“ gewesen, „der Jo“ habe das sehr gut gemacht. „Über rechts haben wir viele gute Angriffe inszeniert, sind gut in den Rücken der Abwehr gekommen.“ Eine ähnliche Positionsdebatte erlebte die Nationalmannschaft auch 2014, als Kapitän Philipp Lahm gerne im Mittelfeld spielen wollte. Deutschland nahm im Turnier erst Fahrt auf, als Lahm sich hinten rechts in den Dienst der Mannschaft stellte. Im aktuellen Kader stehen in Lukas Klostermann (defensiver) oder Jonas Hofmann (offensiver) schwächere Alternativen zu Kimmich.

BVB- und DFB-Abwehrchef Mats Hummels: „Wir können vieles spielen“

Wie gut die gesamte Absicherung funktioniert, konnten die Letten nicht prüfen. Im Falle eines Kontrollverlusts im Spiel sollen jedenfalls die drei Innenverteidiger ein Bollwerk bilden. Hummels hatte sich bei Borussia Dortmund für die Rückkehr zur klassischen Viererkette ausgesprochen, grundsätzlich hält er die Aufregung um die Kettendiskussion für zu hoch angesetzt. „Was die Formation betrifft: Wir können vieles spielen, mit Dreierkette, Fünferkette, mit Viererkette, tief stehend oder auch hoch anlaufend“, sagte der Abwehrchef von DFB und BVB dem „kicker“.

Es käme auch auf den Gegner und dessen Spielweise an. „Ich bin deshalb überhaupt nicht auf eine Formation festgelegt und sehe unsere Variabilität als Vorteil.“ Mit Matthias Ginter und Antonio Rüdiger an seiner Seite dürfte die grundsätzliche Wehrhaftigkeit gesichert sein. Auch Ginter betont, er fühle sich in beiden Systemen wohl. „Das ist ja oft auch fließend. Es gibt ein paar Unterschiede als Innenverteidiger. In der Dreierkette ist der Vorteil, dass man mehr am Offensivspiel teilnehmen kann.“

Löw wählt den Kompromiss mit Kimmich

Mit dem pragmatischen Kompromiss, Kimmich auf die rechte Seite zu beordern, wird aus dem bekrittelten Kettenkarussell ein klares Konzept. Die Spieler scheint Löw von seiner Idee überzeugt zu haben. Nur die Spieler haben ihn noch nicht in Gänze überzeugt, erklärte er. Mit der bisherigen Grundlage sei er „zufrieden“, sagte der 61-Jährige. „Jetzt geht es an die Details, wir benötigen noch viel Feinabstimmung.“ Daran wird von heute an im EM-Basislager in Herzogenaurach gearbeitet.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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