Axel Witsel © imago / firo
Exklusiv-Interview

BVB-Profi Axel Witsel: „Ich habe nie ans Aufhören gedacht“

Axel Witsel hat sich im Januar schwer an der Achillessehne verletzt. Im Exklusiv-Interview spricht der BVB-Routinier über die Reha, seine Karriereplanung und den Trainerwechsel.

Axel Witsel, was schmerzt stärker: Die linke Achillessehne? Oder dem BVB zuschauen zu müssen, ohne selbst mitspielen zu können?

Meinem Team im Fernsehen zuzusehen und nicht auf dem Platz mithelfen zu können, ist eindeutig schmerzhafter. Es ist hart, so lange nicht bei meinen Teamkollegen zu sein.Es ist die erste schwere Verletzung Ihrer Karriere – haben Sie gleich gemerkt, dass etwas Schlimmes passiert war?

Es hörte sich in dem Moment so an, als ob ein Stück Holz in zwei Teile bricht. Im ersten Moment war ich geschockt. Ich wusste sofort, dass es die Achillessehne ist. Ich wollte auf meinen Füßen stehen, aber der linke Fuß hat nicht mehr reagiert, ich hatte keinen Kontakt mehr zu meinem Fuß. Ich wollte ihn anheben, aber er hat mir nicht gehorcht.Wie hart ist es, eine solch schwere Verletzung zu akzeptieren?

Ich war das nicht gewohnt, aber andererseits kann ich mich nicht beklagen, denn seit ich 16 Jahre alt bin, habe ich viele Spiele absolviert, zwischendurch immer nur kleine Verletzungen erlitten. Ich kann also dankbar sein, weil ich 16 Jahre lang meistens bei guter Gesundheit war.

Gestützt von BVB-Betreuern und mit schmerzverzerrtem Gesicht verließ Axel Witsel nach seiner Verletzung im Spiel bei RB Leipzig den Platz. © dpa © dpa

Was ist das Wichtigste, um eine solche Verletzung verarbeiten zu können?

Wenn so etwas passiert, weiß man, dass es fünf Monate oder länger dauern wird, bis man zurückkommen kann. Die Operation muss schnell kommen, denke ich, damit du den ersten wichtigen Schritt zur Heilung geschafft hast. Und dann darfst du nicht zu viel nachdenken. Du musst dir immer wieder sagen, dass du positiv bleiben musst. Dann folgt dir dein Körper auch. Natürlich ist das eine Herausforderung für den Kopf. Aber wer mich auf dem Spielfeld gesehen hat, der weiß: Eine Herausforderung gehe ich immer zu 100 Prozent an. So ist es auch mit dieser Verletzung.Mit Verlaub, Sie sind 32 Jahre alt: Gab es Gedanken, dass es das Ende Ihrer Karriere sein könnte?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Ich war immer positiv, meine Gedanken waren und sind immer darauf ausgerichtet, wieder zurückzukommen auf mein Top-Level. Glauben Sie mir: Ich habe nie ans Aufhören gedacht. Ich ziehe es sogar vor, diese Verletzung jetzt, mit 32 Jahren, zu haben anstatt als 20-Jähriger. Weil du dich als junger Spieler vielleicht sorgst und denkst: „Hoffentlich geht alles gut, ich möchte noch so viele Jahre spielen.“ Ich habe zwar sicher keine zehn Jahre mehr im Profifußball vor mir, aber zwei, drei Jahre will ich noch spielen. Und ich weiß, dass ich das erreichen kann.Wie sieht Ihr Alltag aus auf dem Weg zum Comeback?

Zuerst musste ich zwei Wochen lang einen Gips tragen und das operierte Bein hochlegen. Bett, Sofa, Fernsehen gucken – mehr war nicht möglich. Das war hart, ich konnte nichts tun. Dann begann die Reha, die Behandlung an Sehne und Fuß. Mittlerweile trainiere ich sechs Tage die Woche täglich, jeweils zwei Stunden. Ganz wichtig für mich: Seit Kurzem ist der Spezialstiefel am operierten Bein ab, so dass ich wieder gehen darf wie ein normaler Mensch. Diesen Stiefel zu tragen macht keinen Spaß: Du schläfst damit, trainierst damit, obendrein ist er recht schwer.Wie intensiv ist der Kontakt zu den BVB-Kollegen in dieser Zeit?

Die Jungs senden Nachrichten, der eine oder andere ruft auch mal an. Auch Trainer Edin Terzic oder die Teamärzte melden sich bei mir. Wir sind stets in Kontakt, wie sich meine Reha entwickelt. Und zu jedem Spiel sende ich dem Team eine Nachricht.

Mit „Get well soon, chaloupe!“-Shirts sandten die BVB-Profis Genesungswünsche an Axel Witsel. © dpa © dpa

Dass Ihre Kollegen Ihnen vor dem Heimspiel gegen Mainz Genesungswünsche über extra angefertigte T-Shirts beim Aufwärmen übermittelt haben – hat Sie das überrascht?

Nein, weil ich unser Team kenne und den guten Charakter der Jungs. Aber ich war darüber sehr glücklich. Denn es hat mir Kraft gegeben.Wie gut sehen Sie Ihre Chancen, es im Sommer noch in Belgiens Kader zur Europameisterschaft zu schaffen?

Heute ist noch nicht der Tag, um über die EM zu sprechen. Ich bin fokussiert auf meine Reha. Darum denke ich noch gar nicht an das Turnier. Ich bin absolut im Plan, nur das zählt im Augenblick.Könnte Ihnen ein großes Ziel wie die EM nicht helfen, sich in der Reha besonders zu motivieren?

Auch ohne EM habe ich ein großes Ziel. Ich arbeite hart, ich sehe, dass es vorwärts geht. Es ist aber wichtig, die Schritte nicht zu schnell zu gehen, sonst könnte es später wieder Probleme mit der Achillessehne geben. Es ist also besser, in Ruhe zurückzukommen und dann möglichst keine Beschwerden mehr zu haben.Und im Sommer geht es für Sie weiter beim BVB – Stand jetzt gehen Sie in Ihr letztes Vertragsjahr …

Die Situation ist nicht einfach, weil ich aus einer langen Verletzungspause in die Saisonvorbereitung gehen werde. Aber das Jahr soll für mich, das Team und den Klub so gut wie eben möglich werden. Was dann die Zukunft bringt, kann ich jetzt noch nicht sagen. Sollte ich in Dortmund bleiben können, wäre das gut, ich fühle mich wohl hier im Klub und in der Stadt. Es ist ja noch ein bisschen Zeit in der Vertragsfrage. Fit zu werden ist erstmal deutlich wichtiger.

Ob Axel Witsel bei der EM im Sommer für Belgien spielen kann, ist nach wie vor ungewiss. © imago images/Xinhua © imago images/Xinhua

Thomas Meunier, Ihr Kollege beim BVB und in der belgischen Nationalmannschaft, will vielleicht auf seine alten Tage später nochmal in einer unteren Liga als Stürmer spielen. Ist das nicht auch für Sie ein reizvoller Gedanke?

Ich habe davon gelesen (lacht). Ich habe zwar in der Jugend so ziemlich alle Positionen gespielt, mal als Spielmacher, mal auf der Außenbahn, sogar als Verteidiger und auch als Stürmer. Aber heute im defensiven Mittelfeld zu spielen, das ist die beste Position für mich.In Ihrer Abwesenheit rücken gerade jüngere Spieler wie Jude Bellingham und Mahmoud Dahoud im Dortmunder Mittelfeld auf. Wie nehmen Sie deren Entwicklung wahr?

Ich bin nicht überrascht, wie gut Mo Dahoud spielt, er hätte seine Chance auch zuvor sicher genutzt, wenn er häufiger gespielt hätte. Und ich liebe Jude Bellinghams Stil, Fußball zu spielen: Er ist jung, talentiert, überall auf dem Platz unterwegs. Er muss taktisch natürlich noch lernen, aber er ist ja erst 17 Jahre alt. In dem Alter war ich wie er. Er muss sich jetzt Ratschläge von erfahrenen Spielen holen wie von Marco Reus oder Mats Hummels, um sich bestmöglich weiter zu entwickeln.Wie groß ist Ihre Sorge, dass Sie sich nach Ihrer Verletzung hintenanstellen müssen, wenn es um die Vergabe der Plätze im BVB-Mittelfeld geht?

Ich sorge mich nicht. Nein, ich freue mich, dass die jungen Spieler einen guten Job machen und dabei in ihrer eigenen Entwicklung Schritte nach vorn gehen. Denn es geht ja darum, dass mein Team gewinnt. Ich habe keine Angst davor, mich beweisen zu müssen. Ich weiß, dass ich um meinen Platz im Team werde kämpfen müssen. Ich kann nach einer langen Verletzung nicht zurückkommen und selbstverständlich sagen: So, ich spiele jetzt. Es geht am Ende einzig darum, wer die beste Leistung bringt.Noch im Krankenhausbett haben Sie direkt nach der Operation verkündet: „Ich werde stärker sein als vorher.“ Wo kann Axel Witsel jetzt noch besser werden?

Du kannst dich immer verbessern, unabhängig vom Alter. Ich will zurückkommen, mindestens so gut, wie ich war. Du kannst in der Reha hart arbeiten, aber das Fußballerische muss erst zurückkommen, auch die Spielfitness. Das wird dauern. Aber ich werde mich sehr gut vorbereiten – und ich zweifle nicht an mir.

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Wie ist Ihr Eindruck vom BVB im Moment?

Wir haben unser Spiel zuletzt merklich verbessert. Wenn wir die Niederlage gegen die Bayern einmal ausklammern, so schaffen wir es, mehr Kontrolle auf dem Platz zu behalten – wir dominieren eine Partie häufiger. Das höchste Level über 90 Minuten zu halten, das muss unser Ziel sein.Wie schwierig war rückblickend die Phase im Winter, in der es etliche Niederlagen setzte?

Es war keine gute Situation. Aber wir haben an uns gearbeitet, haben uns verbessert und zurückgemeldet. Es bleibt schwierig, aber wir müssen und wollen in der Bundesliga mindestens Vierter werden. Und wir wollen den Pokal gewinnen!Wir haben im Winter die Frage nach der Mentalität gestellt. Haben dem BVB Gier und Siegeswille mitunter gefehlt?

Das glaube ich nicht. Jeder von uns, der auf den Platz geht, will unbedingt gewinnen. Immer. Aber manchmal laufen Dinge im Fußball nicht in deine Richtung. Dann geht es darum, zusammenzuhalten. Die wichtigen Ziele hat jeder von uns bei der Borussia vor Augen.War es die richtige Entscheidung, im Winter den Trainer zu wechseln?

Das zu beurteilen, ist an sich nicht meine Aufgabe. Doch wenn die Ergebnisse nicht stimmen und Ziele in Gefahr geraten, muss der Klub reagieren – und dann trifft es zumeist zuerst den Trainer.Was hat der neue Trainer Edin Terzic konkret geändert?

Die Ansprache in der Mannschaftssitzung, wenn wir den Gegner analysieren. Edin gibt dir das Vertrauen, dass die Dinge funktionieren werden. Ich kann nicht schlecht über Lucien Favre sprechen, er hat mich geholt, wir hatten erfolgreiche Zeiten, er hat eine gute Idee vom Fußball. Ohne damit das Gegenteil über Favre behaupten zu wollen: Edins bevorzugte Art des Fußballs ist vielleicht ein Stück moderner angelegt – was nicht zuletzt sicher auch am Altersunterschied zwischen den beiden liegt.

„Edin gibt dir das Vertrauen, dass die Dinge funktionieren werden“, sagt Axel Witsel über seinen Trainer. © imago / regios24 © imago / regios24

Der Profifußball bewegt sich beim Thema Corona in einer Blase, jeder Spieler wird mehrmals pro Woche getestet, es wird auf maximale Abschottung gesetzt, um Ansteckungsrisiken zu minimieren. Wie erleben Sie die Pandemie jetzt außerhalb dieser Blase?

Ich habe Corona schon vorher sehr ernst genommen, aber aufgrund persönlicher Ereignisse bin ich nun noch vorsichtiger geworden.Dürfen wir fragen: Was ist passiert?

Dürfen Sie! Ich habe mich zu Hause in Belgien nach meiner Operation mit dem Coronavirus infiziert. Meine Mutter war die erste in unserer Familie, die krank geworden ist, dann ich, dann meine schwangere Frau und meine Kinder. Meine Frau und die Kinder hatten zum Glück keine Beschwerden. Ich selbst dagegen hatte Fieber, habe mich so schlapp gefühlt, als hätte ich gerade drei Spiele am Stück absolviert. Ich war zehn Tage lang in Quarantäne, es war zum Glück die Zeit, in der ich mich ohnehin wegen des Gipsfußes nicht viel bewegen konnte. Sie erinnern sich: Bett, Sofa, Bett, Sofa. Wenn man dem Ganzen also etwas Positives abgewinnen will: Ich habe in der Reha dadurch zumindest keine zusätzliche Zeit verloren.Geht es Ihrer Mutter wieder gut?

Meine Mutter musste ins Krankenhaus, auf die Intensivstation, bekam Sauerstoff. Es war bedrückend erleben zu müssen, welch schlimme Auswirkungen eine Corona-Infektion haben kann. Erst nach zehn Tagen ging es etwas besser, Gott sei Dank ist sie nun wieder zu Hause und es ist alles gut ausgegangen. Das war keine einfache Zeit. Und es war auch nicht einfach, sich davon nicht herunterziehen zu lassen.Das Coronavirus trifft auch den Fußball hart. Die Klubs leiden unter heftigen finanziellen Einbußen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ja, die Lage ist sehr ernst für viele Klubs. Jeder hofft sehnsüchtig auf den Moment, wenn die Zuschauer zurückkehren dürfen in die Stadien. Aber wir Fußballer haben einen guten Job, dafür müssen wir dankbar sein, denn viele andere Menschen haben ihren Job aufgrund der Corona-Pandemie verloren. Ob in der Gastronomie oder im Handel, für sie ist es sehr schlimm.

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Fußball ohne Fans im Stadion – BVB-Präsident Rauball sagt, das sei ein anderer Sport…

Fußball ohne Fans ist kein Fußball. Wenn du Fußball spielst, willst du die Fans begeistern, du willst sie glücklich machen. Dafür holst du alles aus dir raus. Wenn du die Fans nicht hast, die dich pushen, ist es schwierig, denn du musst dich selbst umso mehr pushen. Diese Energie, die von den Rängen kommt, ist wirklich sehr, sehr wichtig. Eine gute Atmosphäre treibt dich als Fußballer an, hilft dir notfalls auch, Rückstände zu drehen.Haben Sie die BVB-Fans nach dem Derbysieg gegen Schalke erlebt? Sie haben das Team mit Pyrofackeln empfangen, viele Fans trugen keine Schutzmaske …

Allen ist klar, dass man das auf keinen Fall tun sollte inmitten der Pandemie. Ich will deshalb auch nichts beschönigen, verteidigen oder gar entschuldigen. Aber das Spiel gegen Schalke ist für unsere Fans das wichtigste Spiel des Jahres. Sie konnten schon ewig nicht mehr ins Stadion, dann gewinnen wir das Derby – und ihre riesige Freude darüber musste raus. Sie wollten dem Team irgendwie Danke sagen. Wir vermissen die Fans ja auch. Trotzdem, noch mal: Es ist notwendig, die Regeln zum Schutz aller zu beachten.Zum Abpfiff unseres Interviews haben Sie noch drei Wünsche frei!

Darf es auch einer mehr sein?Gerne.

Wir schaffen es in dieser Saison wieder in die Champions League!

Wir gewinnen den DFB-Pokal!

Ich komme gesund und stark zurück zum BVB!

Die Fans kommen bald zurück ins Stadion!

Ihre Autoren
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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