Das BVB-Jahr 2020 in einem Bild: Die BVB-Profis bejubeln vor der leeren Südtribüne den 4:0-Derbysieg gegen Schalke 04 im Mai. © Ralf Ibing / firo
Borussia Dortmund

BVB-Momente 2020: Derbysieg ohne Jubel, ein Rest Normalität und immer wieder Haaland

2020 war ein besonderes Jahr. Das ist unbestritten. Die Corona-Pandemie hat auch Borussia Dortmund und unsere Reporter geprägt - und für so einige unvergessliche BVB-Momente gesorgt.

Beim Blick auf das abgelaufene Jahr „kommst du ja an Corona nicht vorbei“, sagt BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Das stimmt. Auch wir BVB-Reporter sind beruflich stark beeindruckt und beeinflusst von den Auswirkungen der Pandemie. Aber es gibt auch andere Szenen, die wir gerne teilen möchten im Rückblick auf besondere BVB-Momente in 2020. Nicht alle rufen nach einer Wiederholung im neuen Jahr.

Zu Gast bei einer lebenden Legende

von Sascha Klaverkamp

Frischer Kaffee, dazu selbst gebackene Plätzchen und ein urgemütliches Sofa. So empfing mich die lebende BVB-Legende im heimischen Wohnzimmer im sauerländischen Bigge. Wolfgang Paul plauderte über Borussia Dortmund, über den spektakulären Europapokal-Triumph 1966, über den tief verinnerlichten Leitsatz „Einmal Borusse, immer Borusse“.

Seine Augen leuchteten. Stopper Paul, einer der großen Helden der Dortmunder Fußballgeschichte, erzählte herrliche Anekdoten von bemalten Fußballschuhen und von Autogrammen in Krankenhäusern.

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Zum 80. Geburtstag: Die besten Bilder von BVB-Legende Wolfgang Paul

Es war ein wunderbares Treffen im Januar kurz vor dem 80. Geburtstag des früheren Abwehrchefs und Kapitäns, bei dem mir Wolfgang Paul auch einen Blick in seine ganz persönliche Schatzkammer gewährte. Darin finden sich unter anderem der Ball von der Weltmeisterschaft 1966, jede Menge Trikots und Wimpel von Spielen für die Ewigkeit. Legendäre Geschichten wurden an diesem Tag auf die denkbar schönste Art nochmal lebendig.

Mit offenem Mund: Das Haaland-Debüt in Augsburg

Von Dirk Krampe

Diese Gier auf das nächste Tor. Dieser unbeugsame Wille. Diese Lust aufs Gewinnen. Alle werden mitgerissen an diesem trüben Januar-Tag in der Augsburger Arena. Mitgerissen von einem jungen Norweger, den Borussia Dortmund gerade für viel Geld aus Salzburg verpflichtet hat.

Als Erling Haaland in der 56. Minute des Rückrunden-Starts eingewechselt wird, taumelt seine neue Mannschaft einer peinlichen Niederlage entgegen. Als das 1:3 fällt, reagiert Trainer Lucien Favre. Haaland kommt in eine Mannschaft, die fast alles schuldig geblieben ist. Und die ohne ihn dieses Spiel verloren hätte. Doch der 20-Jährige bricht wie eine Naturgewalt über die erst perplexen, dann hilflosen Augsburger herein.

Im Januar schoss Erling Haaland bei seinem Debüt den BVB fast im Alleingang zum Sieg gegen den FC Augsburg. © imago © imago

Drei Minuten dauert es bis zu seinem Premierentor zum 2:3, 20 Minuten später hat Haaland mit zwei weiteren Treffern das Spiel fast im Alleingang gedreht. Nicht nur den Augsburgern stehen staunend die Münder offen. Ein Traumeinstand, dem satt Tore und Taten folgen.

Eine stille Demontage: 4:0 im Derby und fast niemand jubelt

Von Tobias Jöhren

Am 16. Mai wird wieder Fußball gespielt. Die coronabedingte Bundesliga-Unterbrechung findet ein Ende. Borussia Dortmund empfängt den FC Schalke 04. Das ist nie ein normales Fußballspiel, doch dieses Mal ist es anders anders.

Es ist das erste Geisterspiel, das ich als einer von gut 300 zugelassenen Menschen im Stadion erleben darf, oder: erleben muss. Suchen Sie sich gerne etwas aus.

Schon die Anreise zum Derby fühlt sich falsch an, im Stadion ist das Gefühl dann noch viel schlimmer: Es klingt nicht nach Derby, es wirkt wie Kreisklasse (ohne Bratwurst). Ein bisschen Musik vor dem Spiel, danach viel Geblöke auf der Wiese. „Sauber, Junge!“ „Raus hinten die Blauen!“ „Ey, Schiri!“ „Der hat schon Gelb!“ „Schieben!“ „Jetzt alle nochmal ‚ne Schippe drauf!“ Und zumindest Schalke kickt auch so.

Erling Haaland und Julian Brandt bejubeln ein Tor im Derby gegen Schalke. Auf den Rängen aber ist es still. © imago © imago

Der BVB dagegen spielt wie aus einem Guss an diesem Tag, an dem die Wände des Westfalenstadions vor der Corona-Pandemie vermutlich bedenklicher gewackelt hätten als alte und neue Hüften in Tanzkursen. Einmal Erling Haaland, zweimal Raphael Guerreiro, einmal Thorgan Hazard: 4:0 im Derby, aber niemand jubelt. Der Beton schweigt, die Südtribüne bleibt stumm – das erste Geisterspiel ist wohl immer das schwerste.

Im Interview mit einem Eisschrank, der eigentlich keiner ist

Von Jürgen Koers

Im Studium gehörte das Interview zu den Klassikern unter den Lehrstücken: Profiboxer Norbert Grupe wird 1969 im ZDF-Sportstudio interviewt – und schweigt bei allen Fragen. Moderator Rainer Günzler? Hilflos. Was tun, wenn dein Gegenüber abblockt und nur Phrasen drischt?

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf und bestens vorbereitet sitze ich im Herbst Erling Haaland gegenüber. Der ist für frech-knappe Aussagen berüchtigt und streckt gleich mal die Beine von sich. Dann der Schocker: „Cool, dass du dein erstes Interview auf Deutsch mit uns führst!“ Der Eisschrank, der ja eigentlich keiner ist, reißt die Augen auf. „Mir gefällt die Idee“, antwortet er auf Englisch. Aber das Vokabular reiche nicht aus. Wir müssten doch auf Englisch …

Anschließend reden wir über seine exorbitante Eigenmotivation und Perfektion in allen Lebenslagen, über die Schönheit von Toren und den Rausch der Emotionen, wenn der Ball im Netz einschlägt. Wir sprechen über Brillen mit Blaulicht-Filter und Treckerfahrten in Norwegen. Haaland plaudert. Nach 40 Minuten stoppt der Pressesprecher das Gespräch. „Das ging schnell um“, sagt Haaland. Ich antworte: „Beim nächsten Mal dann auf Deutsch!“ Wir grinsen beide.

Die falsche Ausfahrt: Ein fast unbeschwertes Auswärtsspiel

Von Florian Groeger

Dass die Bundesliga-Partie der Dortmunder Borussia in Mönchengladbach am 7. März dieses Jahres in dieser Übersicht auftauchen würde, damit hätte ich nach dem Abpfiff an diesem kalten Samstagabend nie gerechnet.

Dortmund hatte das Topspiel mit 2:1 gewonnen, kletterte in der Tabelle von Platz vier auf zwei und fieberte – mit dem 2:1-Vorsprung aus dem Hinspiel – dem Champions-League-Rückspiel im Achtelfinale bei Paris Saint-Germain entgegen. Nicht mehr, nicht weniger.

Das letzte BVB-Spiel in einem vollen Stadion: Am 7. März gastierte der BVB bei Borussia Mönchengladbach. Dann bremste die Corona-Pandemie auch den Fußball aus. © imago © imago

Doch das Thema Corona wurde in diesen Tagen immer präsenter, mit drastischen Folgen auf allen Ebenen. Das Borussen-Duell wurde somit zum bis heute letzten BVB-Pflichtspiel unter normalen Bedingungen. Mit den klassischen Begleitumständen: Auf der Hinfahrt verpasste der Kollege die richtige Ausfahrt, der Rückweg wurde dann durch einen Halt am Schnellrestaurant unterbrochen.

Hoffentlich können wir in einigen Monaten wieder zu diesen Ritualen zurückkehren.

Als Bratwurst, Bier, Borussia noch möglich war

Von Marvin Hoffmann

Bratwurst, Bier, Borussia. Zumindest Punkt zwei ist für einen BVB-Reporter problematisch. Es sein denn, er hat frei. So geschehen am 22. Februar 2020. Borussia Dortmund war zu Gast bei Werder Bremen, meine Dienste wurden gerade mal nicht benötigt. Mein Kumpel fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, das Spiel mit ihm in der Eckkneipe nebenan zu verfolgen. Warum nicht?

Die Platzwahl gestaltete sich als schwierig, Stammgäste kontrollierten das Gebiet vom Tresen bis zur Wand, hinten links waren noch zwei Plätze frei. Wir saßen dicht gedrängt in einer schwarzgelben Masse. Damals schmeckte und roch das alles nach Normalität. Ein, zwei Pils. Nach dem Spiel noch ab zum Griechen, Gyros überbacken.

2021 ist das hoffentlich wieder möglich. Den Stammgästen in schwarzgelb und dem Wirt hinter dem umzingelten Tresen wäre es zu wünschen – und der BVB-Reporter hätte auch mal wieder nichts gegen einen freien Tag in einer gut gefüllten Gaststätte seines Vertrauens einzuwenden.

Die große Leere ohne Fans im Stadion

Von Jana Klüh

Es ist ein grauer, kalter und damit typischer Novembertag, als ich zum ersten Mal seit fast einem Jahr den Signal Iduna Park betrete. Ich gehe die Treppen hinunter zur Nord-West-Ecke des Stadions. Wie so oft. Wie leider so lange nicht mehr. Es ist „mein Weg“ zu „meinem Platz“.

Mein Blick geht automatisch über den Rasen zur Südtribüne. Im ersten Moment fühlt es sich gut an, wieder hier zu sein. Ich war schon so oft in diesem Stadion, dass ich aufgehört habe zu zählen. Meistens war auch der letzte Platz besetzt, oft aber war es auch ganz leer. Nie aber hat es sich so eigenartig angefühlt, wie an diesem Tag. Zu wissen, dass hier noch für eine lange Zeit keine 80.000 Menschen mehr ihre Borussia anfeuern werden, macht mich wehmütig.

Doch ich bin nicht allein hier, sondern für einen Termin mit BVB-Sängerin Jo Marie Dominiak. Wir drehen ein Video zu ihrem schwarzgelben Weihnachtssong. Und als sie mit der Südtribüne im Rücken zu singen beginnt, füllt sich das Stadion plötzlich doch.

Eine tragische Nacht im Schatten des Monte Mario

Von Sascha Staat

Diese Bilder aus Rom, wie Franz Beckenbauer über den Rasen des Stadio Olimpico schlendert nach dem WM-Triumph von 1990, sie sind bis heute fest eingebrannt in den Köpfen der deutschen Fußballfans. Eine magische Nacht.

Klar, für den BVB ging es Ende Oktober im Schatten des Monte Mario, einem der sieben Hügel der ewigen Stadt, um deutlich weniger, es war nur der Auftakt in die Champions-League. Eine magische Nacht hätten sich die Borussen allerdings doch gewünscht, immerhin hatten sich ein paar Zuschauer im weiten Rund verlieren dürfen, dazu Flutlicht, die markante Königsklassen-Hymne und das Duell mit Ex-Kollege Ciro Immobile: Es war angerichtet zum Start der Saison in der Königsklasse, so fühlte es sich zumindest auf der Tribüne dieses historischen Stadions an.

Enttäusche Borussen nach einem enttäuschenden Champions-League-Abend in Rom. © imago © imago

Es lief rund, nur leider für den Gegner. Lazio und Immobile brachten Dortmund zur Verzweiflung. Heute fühlt es sich ein bisschen so an wie der Anfang vom Ende. Aus magisch wurde tragisch.

Berufung bei den Profis als frühe Bescherung

Von Leon Elspaß

Für gewöhnlich ist es ja so: Kurz vor einem Spieltag erhält das U23-Trainerteam die Info, dass Jungprofi X oder Y in der Regionalliga auflaufen soll. Unerwartet kommt das nicht, der BVB II hat schließlich einen Ausbildungsauftrag – und deshalb die Pflicht, Angestellten, die in der Bundesliga oder in den Pokalspielen keine Einsatzchance haben, Spielpraxis zu ermöglichen.

Dass allerdings ein U23-Mann befördert wird, ist lange nicht mehr vorgekommen. Am 24. Februar 2013 wurde Balint Bajner beim 1:1 in Gladbach eingewechselt, es blieben seine ersten und letzten 19 Bundesliga-Minuten. Mittlerweile kickt er in der zweiten Liga Ungarns.

Steffen Tigges kam kurz vor Weihnachten überraschend zu seinem Profi-Debüt für den BVB. © imago / Joachim Sielski © imago / Joachim Sielski

Deutlich anders soll es Steffen Tigges ergehen. Weil Erling Haaland und Youssoufa Moukoko fehlten, kam der 22-Jährige am 22. Dezember in Braunschweig zu seinem Profi-Debüt, durfte beim 2:0-Arbeitssieg von Anfang bis Ende mitmachen. Eine schöne vorweihnachtliche Bescherung für den BVB-II-Angreifer, der sich damit zumindest als Alternative für die Profis angeboten hat.

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Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp
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Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
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Tobias Jöhren, Jahrgang 1986, hat an der Deutschen Sporthochschule in Köln studiert. Seit 2013 ist er Mitglied der Sportredaktion von Lensing Media – und findet trotz seines Berufes, dass Fußball nur die schönste Nebensache der Welt ist.
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