Marco Reus ist das Gesicht der unbefriedigenden BVB-Saison. © imago / Witters
Borussia Dortmund

BVB-Kapitän Marco Reus: Die Chronologie eines schleichenden Niedergangs

Kein anderer Spieler verkörpert die Werte des BVB so sehr wie Marco Reus. Doch ein Unterschied-Spieler ist der 31-Jährige nur noch selten. Die Chronologie eines schleichenden Niedergangs.

Weil Kritik in den sozialen Medien selten gerecht, oftmals überspitzt und polemisch ist, könnte man diese Aussage auch einfach ignorieren. Aber sie beschreibt auf der anderen Seite ganz gut den deutlichen Akzeptanz-Verlust, den Marco Reus in dieser Saison bei vielen Fans der Borussia erlitten hat. Seine beste Szene, hieß es bissig nach seiner Auswechslung beim 1:2 in Freiburg, habe Reus in dieser Partie gehabt, als er auf der Ersatzbank Platz genommen habe und seinen Frust an einer Plexiglas-Scheibe abließ. Diese Entschlossenheit hätte man gern vorher von ihm gesehen. Auf dem Rasen.

Marco Reus – das Gesicht der unbefriedigenden BVB-Saison

Reus ist das prominenteste Gesicht der unbefriedigenden Dortmunder Saison. Er ist natürlich nicht der Einzige, der in unschöner Regelmäßigkeit so deutlich von seinem Potenzial abweicht. Aber er ist das prägnanteste Beispiel. Kapitän, Ur-Dortmunder, „einer von ihnen“ also, wahrscheinlich schmerzt es die Fans daher in besonderem Maße, den 31-Jährigen so spielen zu sehen wie über weite Strecken dieser Saison.

Als Sportdirektor Michael Zorc nach dem Spiel in Freiburg besonders die erfahrenen Spieler im Team in die Pflicht nahm und zu mehr Führung und Verantwortung aufforderte, musste sich in erster Linie natürlich der Kapitän angesprochen fühlen. Von ihm erwartet man, dass er auf dem Platz vorangeht, die Ärmel hochkrempelt und auch Impulsgeber ist, der die Nebenleute motiviert und mitreißt. Reus scheitert in diesem Punkt, wie er in dieser Spielzeit auch vor dem Tor mit zu großer Regelmäßigkeit scheitert. Der Kapitän hat viel zu viel mit sich selbst zu tun, vielleicht auch mit seinem Körper, der jetzt, im fortgeschrittenen Alter, nicht mehr dabei mitmacht, nach großen Verletzungen und langen Pausen wieder der Unterschied-Spieler zu sein, der er früher unzweifelhaft war.

Die Schonfrist für Marco Reus ist eigentlich seit Langem abgelaufen

Lucien Favre, einer von Reus‘ Förderern in seiner frühen Karrierephase, hat nach der langwierigen Sehnenverletzung, die sich der Blondschopf im Februar 2020 in Bremen zugezogen hatte, sehr lange schützend die Hand über den Kapitän gehalten. Favre hat Reus geradezu mit Samthandschuhen angefasst und darauf verwiesen, wie behutsam man ihn heranführen müsse, weil es eine Verletzung an einer sensiblen Stelle gewesen sei. Favre hat damit auch so manche frühe Auswechslung oder Nicht-Berücksichtigung in der Startelf begründet. Doch die Schonfrist für Marco Reus ist eigentlich seit Langem abgelaufen.

© Deltatre © Deltatre

Es ist ein ungewohntes Bild, dass Marco Reus nach einer langen Verletzungspause einfach nicht seinen gewohnten Schwung und in seinen Rhythmus finden will. Es war beeindruckend, wie er gesundheitliche Rückschläge wie seinen Kreuzband-Teilriss (kostete ihn mehr als die Hälfte der Saison 2017/18), den Riss der Syndesmose (kostete ihn die WM 2014) und eine Schambein-Entzündung (kostete ihn die EM 2016) nicht nur mental, sondern auch körperlich wegsteckte. Kleinere weitere Verletzungen waren über all die Jahre ein ständiger Begleiter. Stand Reus jedoch wieder auf dem Rasen, kehrte er gleich mit guten Leistungen zurück.

Marco Reus hätte auch in Barcelona oder Madrid landen können

Doch dieser Automatismus gilt nicht mehr. Nach seinem verletzungsbedingten Ausscheiden in Bremen vor fast genau einem Jahr verpasste er die komplette restliche Saison. Der verspätete Saisonstart im September verschaffte ihm zusätzliche vier Wochen, um sich die Basis für eine lange Spielzeit hoffentlich ohne weitere Blessuren zu schaffen. Vordergründig ging diese Rechnung bislang auf. Reus fehlte nur in einem Pflichtspiel, beim 1:1 in Frankfurt saß er 90 Minuten lang auf der Bank. Doch was bei ihm früher so leicht und selbstverständlich aussah, mag ihm heute manchmal auch nicht gelingen, obwohl er bereit ist, harte Arbeit dem Zauber voranzustellen. Als Mannschaftsspieler, der Wege nach hinten macht, verdient er sich auch heute noch einige Fleißkärtchen, auch wenn er für die Führung seiner Defensiv-Zweikämpfe keinen Szenenapplaus mehr erhalten wird. Doch das ist ja auch nicht das, wofür der Name Marco Reus früher auf dem Platz stand.

Früher, da war Reus dieser besondere Spieler. Er schoss beinahe 50 Mal das wichtige 1:0 für seine Mannschaft, er hatte das richtige Näschen und die notwendige Technik, um vor dem Tor immer für den besonderen Moment gut zu sein. Die Vermutung ist nicht zu weit hergeholt, dass Marco Reus auch in Barcelona oder Madrid hätte landen können, wenn ihn nicht permanent große Verletzungen ausgebremst hätten.

Statistik offenbart den schwindenden Reus-Einfluss beim BVB

Heute schreiben die statistischen Daten ein deutliches Urteil über eine schleichende Entwicklung, die in der zweiten Saisonhälfte nach der Wiedervereinigung des Jahrhundert-Talents Marco Reus mit seinem frühen Förderer Lucien Favre im Jahr 2018 einsetzte. In seiner ersten Spielzeit als BVB-Trainer machte ihn Favre zum Kapitän. Und Reus zahlte das Vertrauen seines einstigen Mentors mit außergewöhnlichen Leistungen in der Hinrunde zurück.

Umfrage

Gelingt dem BVB die Qualifikation für die Champions League?
Loading ... Loading ...

17 Treffer gelangen ihm damals in der Bundesliga, zwölf bereitete er vor. Schon in der Rückrunde aber lief es nicht mehr rund. Verletzungen, Rot im Derby gegen Schalke. Es war dennoch eine sehr ordentliche Saison. Heute hingegen liest sich Reus‘ Bilanz ernüchternd. Drei Tore, vier Vorbereitungen – war Reus vor zwei Jahren alle 80 Minuten an einem Dortmunder Tor beteiligt, braucht er dafür heute mehr als doppelt so lang – quälende 186 Minuten.

Marco Reus wartet seit acht Pflichtspielen auf einen BVB-Treffer

Alle statistischen Werte weisen darauf hin, dass sein Einfluss auf das Spiel seiner Borussia dramatisch schwindet. 70 Mal schoss er vor zwei Jahren in seinen 27 Liga-Spielen aufs gegnerische Tor, heute kommt er bei 19 Einsätzen nur auf 34 Torschüsse. 4,1 Schüsse benötigte er 2018/19 für ein Tor, heute sind es 11,3. Gesunken ist zudem die Quote der Großchancen, die er verwertet (33,3 statt 47,6 Prozent), die Zahl der Sprints pro Spiel (28,8 statt 32,1), auch sein Top-Speed ist signifikant niedriger (32,3 statt 33,3 Km/h).

2019 wurde BVB-Kapitän Marco Reus zum Fußballer des Jahres gewählt. © imago / Jan Huebner © imago / Jan Huebner

Seinen bislang letzten Bundesliga-Treffer hat Marco Reus am 15. Dezember beim 2:1 in Bremen erzielt. Reus schoss das Dortmunder Siegtor und bescherte dem neuen Trainer Edin Terzic damit ein gelungenes Debüt an der Seitenlinie. Seither aber sucht man den Dortmunder Kapitän vergeblich in den Torstatistiken, acht Partien ohne einen eigenen Treffer folgten. Eine derart lange Durststrecke musste er als Spieler der Dortmunder Borussia noch nie überwinden. In Leipzig setzte Reus nochmal ein Highlight, als er zwei Treffer vorbereitete und damit maßgeblichen Anteil am wichtigen Auswärtsdreier hatte.

Den Nimbus der Unersetzbarkeit hat Reus in dieser Saison eingebüßt

Dass der BVB danach in drei Spielen nacheinander ohne Sieg blieb, lag auch an drei schwachen Auftritten des Kapitäns. Dem anschließend ordentlichen Auftritt gegen Augsburg folgte das schwache Spiel in Freiburg. Munter bergauf, dann wieder bergab – ein Muster, das sich durch die gesamte Saison zieht. Es ist ein Grundübel, auch da ist Reus nicht allein: Mehrere Spiele hintereinander mit einer konstant guten Leistung sah man bislang von ihm in dieser Saison noch nicht.

Und die Frage nach der Zukunft stellt sich immer öfter. Reus‘ Vertrag in Dortmund läuft noch zweieinhalb Jahre, den Nimbus der Unersetzbarkeit hat er in dieser Saison eingebüßt. Giovanni Reyna drängt mit Macht von hinten, auch wenn der 18-Jährige wie so viele derzeit ein Tief durchläuft. In Freiburg holte Terzic Reus nach 60 Minuten vom Feld – ausgerechnet in einer Phase, in der Borussia Dortmund eine Reaktion benötigte auf den doppelten Gegentor-Schock. Doch diese Verantwortung legte Terzic in die Hände eines 16-Jährigen.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Dirk Krampe, Jahrgang 1965, war als Außenverteidiger ähnlich schnell wie Achraf Hakimi. Leider kamen seine Flanken nicht annähernd so präzise. Heute nicht mehr persönlich am Ball, dafür viel mit dem Crossbike unterwegs. Schreibt seit 1991 für Lensing Media, seit 2008 über Borussia Dortmund.
Zur Autorenseite
Avatar

Der neue Lokalsport-Newsletter für Dorsten

Immer freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Dorstener Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.