In gewohnter Jubelpose: Rot-Weiss Essens Simon Engelmann. © picture alliance/dpa/AP POOL
Borussia Dortmund II

BVB II vor dem Duell mit RWE: „Er schießt die Liga kurz und klein“

Borussia Dortmund II trifft im Top-Spiel auf RW Essen und Stürmer Simon Engelmann. Der führt die ewige Regionalliga-Torjägerliste an - und ist in seinem Wesen ganz anders als Steffen Tigges.

Eine definitive Zusage von Steffen Tigges blieb am Wochenende aus. Er wisse nicht, „wie mit mir geplant wird“, sagte der 22-Jährige einzig und allein. Doch es müssten schon verrückte, aberwitzige Dinge passieren, um einen Einsatz von Angreifer und U23-Kapitän Tigges zu verhindern. Ist er fit – und daran bestanden bis zuletzt keinerlei Zweifel –, steht er am Mittwochabend in der ersten Elf, wenn das Regionalliga-Topspiel gegen RW Essen angepfiffen wird (19.30 Uhr).

Dieses Duell, das im Großen zwischen den hartnäckigsten Aufstiegsanwärtern ausgetragen wird. Und im Kleinen aus vielen Kleinstduellen besteht. Aus Duellen von Mann gegen Mann. Da kann man hinten anfangen bei Essens Keeper Daniel Davari, dem nunmehr 33-jährigen iranischen WM-Fahrer von 2014, und Dortmunds Luca Unbehaun, seinerseits 20 Jahre jung. Und da kommt man irgendwann ganz vorne an bei RWE-Angreifer Simon Engelmann sowie: Steffen Tigges.

BVB-Stürmer Steffen Tigges findet RWE-Spiel „extrem wichtig“

Der hat inzwischen fünf Bundesliga-Spiele absolviert – in diesem Jahr unterschrieb er einen Profi-Vertrag bis 2024. Und dennoch fehlt dem Borussen Tigges zum vollendeten sportlichen Glück noch viererlei: eine Bundesliga-Platzierung, die zur Champions League einlädt; sein erstes Bundesliga-Tor; der (gut denkbare) DFB-Pokalsieg; und der Aufstieg mit dem BVB II. Mehr ginge wohl nicht. Damit Punkt vier Anfang Juni abgehakt werden darf, ist der dieswöchige Mittwoch von gesonderter Bedeutung.

Natürlich sei nach dieser Partie „noch nichts entschieden“, sagt Tigges völlig korrekt. Doch seiner Einschätzung nach ist die zweite Auflage des Aufeinandertreffens mit RWE „ein extrem wichtiges Spiel. Wir werden versuchen, unseren Vorsprung auszubauen“. Von aktuell vier auf in Bälde bestenfalls sieben Punkte – dieses Ziel verfolgen sie bei der Borussia. Wohlwissend welch starker Gegner an der Hafenstraße auf sie wartet.

BVB-U23-Trainer Enrico Maaßen sieht RWE in der Favoritenrolle

„Essen hat das Team ganz klar zusammengestellt für Platz eins“, sagt U23-Trainer Enrico Maaßen. „Sie hatten letzte Saison schon eine gute Mannschaft“, hätten sich in diesem Jahr jedoch noch mal verstärkt. Einerseits strukturell – die RWE-Belegschaft kommt sehr gefestigt daher –, andererseits qualitativ. Zum Beispiel mit Engelmann, dem laut Maaßen „besten Torjäger der Regionalliga“, der für Lotte, Verl, RWO, Rödinghausen und jetzt RWE so viele Treffer erzielt hat wie kein anderer Akteur in dieser Spielklasse: 233.

„Engel schießt die Liga seit Jahren kurz und klein“, rühmt ihn BVB-II-Mann Franz Pfanne, der mit Engelmann wie Dortmunds Coach Maaßen noch im Jahr 2020 in Diensten des SV Rödinghausen den ersten Regionalliga-Platz erreichte. „Wie er das Woche für Woche macht, ist schon toll“, sagt Kronzeuge Pfanne – und fügt lachend hinzu: „Vor allem weil ich weiß, dass er im Training meistens nur mit 50 Prozent trainiert.“

RWE-Angreifer Simon Engelmann ist ein klassischer Neuner

Ein allzu fleißiger Stürmer sei er nicht, befindet Pfanne, jedoch ein äußerst instinktsicherer. Ein klassischer Mittelstürmer und Strafraumspieler, was ihn von seinem Gegenüber Tigges unterscheidet. Der, eher Typus Wandstürmer, kommt gern entgegen, lässt Anspiele klatschen, um anschließend schnellen Schrittes den Weg in die Tiefe zu suchen. Er ist somit deutlich häufiger am Offensivspiel seines Teams beteiligt (siehe Abbildung 1), zudem ganz und gar nicht lauffaul.

Befindet sich der BVB II in Abwehrhaltung, greift Tigges für gewöhnlich als erster Verteidiger ins Offensivspiel des Gegners ein, versucht zu stören, den aufbauenden Kontrahenten auf die Außen zu drängen – dementsprechend ist ein Mehr an Zweikämpfen und Ballgewinnen zu verzeichnen. Setzt sich Tigges allerdings mal wieder auf die linke oder rechte Seite ab, fehlt es dem BVB II zuweilen an der nötigen Wucht im Strafraum. Diese Feststellung müssen sie in Essen deutlich seltener machen.

Engelmann, mit seinen 1,88 Metern Größe knapp fünf Zentimeter kleiner als Tigges, hält sich fast immer im brandheißen Bereich auf, lauert auf finale Zuspiele – und kommt häufiger zum (erfolgreichen) Schuss, siehe Abbildung 2. Dabei zeichnet ihn keine überragende Schnelligkeit aus, sondern vielmehr das Verständnis für die richtige Positionierung. Den Instinkt, wie Pfanne sagt. Essens Trainer Christian Neidhart erklärt: „Simon hat einen hohen Stellenwert für uns. Das Spiel ist natürlich auch mit auf ihn ausgerichtet.“

Hinsichtlich der Torstatistik ist gar eine gewichtige Abhängigkeit von Engelmann zu erkennen. 20 von 50 RWE-Treffern hat er in dieser Liga-Saison erzielt, Tigges kommt auf 16, belegt damit Position zwei der West-internen Torjäger-Hitliste. Während bei Dortmund II allerdings in Taylan Duman (11 Tore), Ansgar Knauff und Richmond Tachie (beide 7) weitere Offensive für die Trefferproduktion verantwortlich zeichnen, ist Essens zweibester Schütze der Fünf-Tore-Mann Cedric Harenbrock.

RWE-Torproduktion lastet auf den Schultern von Simon Engelmann

Nach Engelmann, der 4 Assists und damit drei weniger als Tigges geliefert hat, folgt demnach lange nichts. Und darum kommt kein seriöser Fußballlehrer umhin, seiner Mannschaft diesen Angreifer ein wenig genauer vorzustellen. Wie also ist er bestmöglich zu beschränken? Eine „richtige Formel“, meint Sechser Pfanne, gebe es nicht. Er müsse genervt und bearbeitet werden. Abwehrchef Niklas Dams betont: „Wir müssen die Spieler unter Kontrolle haben, die ihm die Bälle auflegen.“

Kurzum: Den Zufahrtsweg zu Engelmann gilt es zu kappen. Wenn der 31-Jährige keine Bälle bekommt, ist sehr viel erreicht. Er holt sie sich schließlich nicht ab wie Tigges, braucht die Kugel in Position. Dies zu verhindern und dabei den anderen Akteuren so wenig Raum wie möglich zu spendieren, darum wird es für die U23 des BVB gehen. Ein kompliziertes Unterfangen. Im Hinspiel beim 1:1 hatte die Borussia noch Glück: Engelmann versiebte seinerzeit gleich zwei Großchancen. Ausnahmsweise.

RWE-Angreifer Simon Engelmann traf gegen Bayer Leverkusen

Coach Neidhart rieb sich jedenfalls recht verwundert die Augen. Bei RW Essen sind sie es doch deutlich anders von ihrem „Engel“ gewöhnt. Seinen bisher wichtigsten Treffer für Rot-Weiss markierte er Anfang Februar im DFB-Pokal-Achtelfinale gegen Bundesligist Bayer Leverkusen. 117 Minuten nahm Engelmann da nur sehr leidlich am Spiel seines Teams teil, ehe er mit dem schwächeren rechten Fuß zum 2:1-Siegtreffer einschoss – geradlinig und unhaltbar.

BVB-U23-Trainer Enrico Maaßen hatte wenige Minuten vorher noch auf seinem Platz gesessen. Im Stadion Essen sah er an diesem Abend zu, machte sich indes frühzeitig auf den Heimweg, um das Pokal-Duell der Dortmunder Profis schauen zu können. Das entscheidende Tor für RWE sah er darum nur im TV, nicht vor Ort. Und Engelmann registrierte das offenbar. Seinen ehemaligen Chef soll er im Anschluss augenzwinkernd auf die Spieldauer hingewiesen haben.

BVB-U23 ist aktuell Regionalliga-Tabellenführer

Ganz nach dem Motto: Wir kämpfen und rackern bis zum Schluss. Eine Episode, die symbolhaft für den Aufstiegskampf vom Tabellenzweiten Rot-Weiss Essen stehen könnte. Wenn er denn am Ende – wie vom Verein und dessen Umfeld so sehr gewünscht – wirklich gewonnen werden kann. Derzeit liegen doch Tigges, Maaßen und Co. vorn. Und eine Eintagsfliege ist diese Borussia gewiss nicht. Das hat sie im bisherigen Saisonverlauf längst unterstrichen – ganz definitiv.

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Schreibt seit 2015. Arbeitet seit 2018 für die Ruhr Nachrichten und ist da vor allem in der Sportredaktion und rund um den BVB unterwegs.
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