Nichts los: Am ersten Spieltag dieser Saison durften gut 10.000 Zuschauer ins Stadion, aktuell keine. Das trifft auch die Menschen, die sonst an Spieltagen am Stadion arbeiten. © Inderlied/Kirchner-Media
Borussia Dortmund

BVB-Geisterspiele haben Stadion-Mitarbeiter „blank getroffen“

An einem normalen Bundesliga-Spieltag arbeiten gut 3000 Menschen im und am Stadion des BVB. „Geisterspiele“ treffen nicht nur die Fan-Seele, sondern auch den Geldbeutel vieler Menschen.

Ein Bundesliga-Stadion steht eigentlich nicht für Leere, sondern für Spektakel. Die Protagonisten sind die Spieler, die Trainer – und auch die Fans, die es erst zu einem solchen machen. Ihr Fernbleiben in der Pandemie fällt am meisten auf – speziell im Signal Iduna Park, dem größten Fußballstadion Deutschlands.

Aber es gibt da noch mehr Menschen, die derzeit im Stadion fehlen. Jene, die gewöhnlich am Zapfhahn, am Grill oder mit orangefarbener Warnweste an der Einlasskontrolle stehen. Sie sorgen im normalen Bundesliga-Alltag für einen reibungslosen Ablauf. In einer Zeit, in der es den nicht gibt, fällt nicht auf, dass sie gerade nicht aktiv sind – es geht ja schließlich kein Fan ins Stadion.

Der BVB ist nicht nur ein Fußballklub, sondern auch ein Arbeitgeber

Den Betroffenen aber fällt es natürlich auf, vor allem beim Blick in ihre Geldbeutel. Denn mit jedem Spieltag ohne Fans geht für sie eine Einnahmequelle verloren. Der BVB ist eben nicht nur ein Fußballklub, er ist auch ein Arbeitgeber, der Spieltag für Spieltag gewöhnlich eine ganze Menge Menschen beschäftigt.

Spiel vor leeren Rängen: Dortmunds Erling Haarland beim Elfmeter gegen den FC Augsburg. © David Inderlied/Kirchner-Media/pool © David Inderlied/Kirchner-Media/pool

Die Corona-Beschränkungen haben alles geändert: Einige Mitarbeiter sind zwar noch im Stadion zu den „Geisterspielen“ aktiv. Aber ihre Zahl ist kräftig zusammengeschrumpft. Normalerweise arbeiteten bei einem Spiel im Signal Iduna Park etwa 3000 Personen. Das teilte BVB-Organisations-Chef Christian Hockenjos auf Anfrage der Ruhr Nachrichten mit.

Bis zu 1000 Ordner sind bei einem BVB-Spiel im Einsatz

Dabei stellt das Catering im Stadion die größte Gruppe mit etwa 800 Mitarbeitern, neben dem Ordnungsdienst mit (je nach Spiel) 700 bis 1000 Personen. Die drittgrößte Gruppe sind mit circa 300 Personen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Pressemedien sowie von TV- und Radiosendern.

Außerdem im BVB-Stadion an einem Spieltag im Einsatz sind: Mitarbeiter des Deutschen Rote Kreuzes, Volunteers, BVB-Beschäftigte aus den Bereichen Spielbetriebsorganisation und Merchandising, technische Dienstleister, Promoter, Reinigungskräfte und natürlich die Mannschaften und das Trainer- und Betreuerteam.

Bei BVB-Spielen arbeiten im Lockdown gut 90 Prozent weniger Menschen

Von diesen 3000 Menschen arbeiten aktuell nur noch 350 pro Spieltag im Signal Iduna Park. Die Verhältnisse haben sich dabei verkehrt. Catering-Mitarbeiter sind zurzeit nicht eingesetzt, es gibt schließlich niemanden, der bewirtet werden muss.

Maximal 35 Journalisten sind aktuell bei Spielen im Stadion. © Maik Hölter/TEAM2sportphoto/Pool via David Inderlied/Kirchner-Media © Maik Hölter/TEAM2sportphoto/Pool via David Inderlied/Kirchner-Media

Etwa 160 Mitarbeiter von Presse und TV sind bei Spieltagen im Stadion weiterhin dabei – darunter sind allerdings höchstens 35 Journalisten, der Großteil ist mit der technischen und organisatorischen Abwicklung der TV-Übertragungen beschäftigt. Mit 70 Ordnern sind nur noch ein Zehntel des eigentlichen Mindestpersonals im Einsatz und damit in etwa so viele Personen wie beide Mannschaften plus Betreuerteam zusammen stellen. 50 Mitarbeiter kümmern sich um die Spielbetriebsorganisation und -durchführung.

BVB-Ordner hat seine Einnahmequelle verloren

Marvin Rötte war als Aushilfskraft Ordner beim BVB. Mit seiner Arbeit am Stadioneingang hat sich der Student der chemischen Biologie sein Studium finanziert. Es war die einzige Einnahmequelle des 26-Jährigen, als im März 2020 der Spielbetrieb ausgesetzt wurde. „Von da an musste ich von dem leben, was ich mir zurückgelegt hatte“, erzählt Rötte. „Hätten meine Eltern mich bei der Miete für die Wohnung nicht unterstützt, wäre das aber nicht gegangen.“

Für seine Arbeit an Spieltagen habe er den Mindestlohn bekommen, erzählt er. Im Monat habe er durchschnittlich zwischen 210 und 250 Euro verdient. „In Monaten mit vielen Spielen auch mal 350 Euro.“ Die Lage sei anfangs relativ unübersichtlich gewesen, da keiner genau gewusst habe, wie es weitergeht. Erst nach und nach seien die Informationen an ihn herangetragen worden, sagt Marvin Rötte. „Es wurden ja alle blank getroffen, der BVB, aber ich natürlich auch. Da steht man dann auf einmal ohne Geld da und fragt sich, wie es weitergeht.“

BVB hat Mitarbeiter an Supermärkte weitervermittelt

Diese Frage hat sich auch Franziska Alexandre gestellt. Die 32-Jährige ist ebenfalls Studentin und arbeitet normalerweise als Aushilfe in der BVB-Fanwelt. Aktuell geht das aber nicht. Die Fanwelt ist wie so vieles aufgrund des coronabedingten Lockdowns geschlossen. Franziska Alexandre attestiert dem BVB aber, dass der seine Beschäftigten schnell informiert habe. „Der Verein hat uns nicht alleine gelassen, sondern nach Lösungen gesucht“, sagt Alexandre.

Im ersten Moment habe sie erst mal dagestanden und sich gefragt, was sie jetzt machen solle, erzählt sie. „Der BVB hat dann das Angebot gemacht, uns als Arbeitskräfte an Rewe-Filialen weiterzuvermitteln. Das habe ich auch sofort angenommen.“ Sonst, sagt sie, wäre es auch bei ihr schwierig mit dem Geld geworden. Der Übergang sei nahtlos gewesen, lobt sie die Vermittlung von Borussia Dortmund. „Ich musste keine Kilometer-langen Bewerbungen schreiben. Ich bin dafür wirklich dankbar.“

Vertrag beim BVB ruht – eine Rückkehr ist möglich

Im April ging der BVB mit Rewe eine Personal-Kooperation ein. Die Supermarkt-Kette hatte aufgrund der Pandemie eine höhere Personalnachfrage und die Borussia viele Arbeitskräfte ohne Aufgabe.

Die Arbeit und der Trubel würden ihr fehlen, erzählt Alexandre. Sie sei schließlich selbst Fan. „Ich kann aber zum BVB zurückkehren. Mein Vertrag dort ruht.“ Marvin Rötte wird das nicht tun. Der Dortmunder wohnt mittlerweile in Marburg, wo er seine Doktorarbeit schreiben möchte.

Als wieder mehr Fans ins Stadion durften, stockte der BVB die Helfer auf

Als zwischenzeitlich wieder Fans ins Stadion durften, bewarb er sich nicht um einen der Plätze, da er wusste, dass er bald wegziehen würde. Gut 10.000 Besucher durften zu zwei Heimspielen im Herbst kommen, an diesen Tagen haben etwa 1700 Menschen im Signal Iduna Park gearbeitet.

Die größte Gruppe sei in dieser Zeit die der Ordner gewesen, sagt BVB-Organisations-Chef Christian Hockenjos. Zwar seien weniger Menschen im Ordnungsdienst eingesetzt gewesen, als es normal wäre, weil „die klassischen Aufgaben in reduziertem Maße anfielen, dafür kamen aber neue Aufgaben, insbesondere zur Einhaltung des Hygienekonzeptes dazu.“

Die meisten BVB-Ordner sind Aushilfskräfte

Die Zahl der Mitarbeiter im Catering sei jedoch deutlich geringer ausgefallen. Sind weniger Menschen im Stadion, müssen auch weniger bewirtet werden. Das Gros der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Catering ist nicht beim BVB beschäftigt, sondern wird von einem externen Personaldienstleister hinzugebucht. Die, die bei Borussia Dortmund angestellt sind, sind zum Großteil fest angestellt, sagt Hockenjos. Beim Ordnungsdienst ist es umgekehrt.

Die meisten sind dort Aushilfskräfte, wie Marvin Rötte es war. Der sagt, er könne sich vorstellen, dass viele sich mittlerweile anderweitig umgeschaut haben. Alternativen zu finden, dürfte aufgrund der aktuellen Lage allerdings nicht leicht sein.

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Als gebürtiger Dortmunder bin ich großer Fan der ehrlich-direkten Ruhrpott-Mentalität. Nach meinem journalistischen Start in der Dortmunder Stadtredaktion, schreibe ich mich gerade als Volontär durch die Redaktionen in der Region.
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Lukas Wittland

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