Jakob Scholz, Sprecher der BVB-Fanabteilung, positioniert sich klar gegen die Super League. © BVB / Simons
Borussia Dortmund

BVB-Fans zur Super League: Boykott als letztes Mittel der Wahl

Die BVB-Fanszene reagiert mit Wut, Protest und Angst auf die Pläne zur Super League. Auch einen Boykott der Dortmunder Spiele hält die Fanabteilung für möglich, wie Jakob Scholz im Interview verrät.

Ein breites Bündnis von BVB-Fans hat die Pläne für die Super League als Schlag ins Gesicht bewertet. Warum genau?

Die Super League ist aus Sicht der Fans ein Schlag ins Gesicht, weil sie den Fußball zerstört, wie wir ihn kennen, lieben und feiern. Fußballsport definiert sich aus unserer Sicht über das Leistungsprinzip und einen offenen Wettbewerb. Das macht die Fußballkultur aus, der unsere Leidenschaft gehört. Ohne Auf- und Abstiege, ohne Qualifikationsmöglichkeiten für einen übergeordneten Wettbewerb, wäre die Fußballkultur kaputt. Dieser Fußball wäre nichts mehr wert.

Was würde die Super League für BVB-Fans bedeuten – mit oder ohne Beteiligung von Borussia Dortmund?

Wenn der BVB da mitmacht, würde sich eine große Mehrheit der Fans vom Klub abwenden. Das hören wir aus allen Gesprächen heraus, die wir führen. Borussia Dortmund steht für unverrückbare Werte, die der Klub proklamiert, für die Verankerung in der Stadt und in der Region, für eine große Nähe zu seinen Fans. All das würde mit einem Schlag der Monetarisierung geopfert. Ein Dortmunder „Ja“ zur Super League wäre eine Entscheidung für das Geld und gegen die Menschen, die den BVB ausmachen.

Und wenn er nicht mitmacht?

Da ist die Frage, wie groß der Schaden im internationalen Fußball ausfällt, wenn sich dieses dreckige Dutzend von der UEFA abkoppelt. Wenn alle internationalen Wettbewerbe abseits der Super League an Wert verlieren, hätte das ja definitiv auch Auswirkungen auf den Fußball in Deutschland. Diese Entwicklungen sind schwer abzusehen. Aber ich bin mir sicher: Die BVB-Fans würden ihrem Verein bei einer Nichtteilnahme deutlich eher die Treue halten und ihn auch zukünftig mit großer Leidenschaft begleiten. Ob das auch uneingeschränkt für eine reformierte Champions League gilt, wage ich wiederum zu bezweifeln.

Die KGaA hat am Montag nur eine wachsweiche Stellungnahme abgegeben zu den Plänen rund um die Super League. Hat Sie das eher beruhigt oder eher Angst geschürt?

Wir hätten uns ein klareres Statement gewünscht und eine klare Absage an die Super-League-Pläne. KGaA-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat hier zu früheren Zeitpunkten viel deutlicher Position bezogen. Die Abkehr von dieser klaren Position hat uns irritiert.

Weshalb?

Wenn der BVB keinerlei Absicht hat, an der Super League teilzunehmen, und wenn er nicht an den Gesprächen beteiligt war oder zumindest davon gewusst hat, warum verkündet die Geschäftsführung das dann nicht auch öffentlich? Das sorgt für Unsicherheit und Angst beileibe nicht nur in der aktiven Fanszene, sondern weit darüber hinaus. Die Reihen der Fans waren nie so schnell geschlossen wie bei der Reaktion auf diesen Wahnsinn. Gerade weil die Situation so undurchsichtig ist, bleibt da die Angst, dass die Vereinsführung vielleicht am Ende den Verlockungen des Geldes nicht widerstehen kann.

Zig Tausend BVB-Fans sind Mitglieder des Vereins und haben ein Mitspracherecht, weil der eingetragene Verein die KGaA kontrolliert. Wie müsste Ihrer Meinung nach dort die Reaktion aussehen, sofern denn eine Einladung zur Super League in Dortmund eintrifft?

Die KGaA müsste ja rechtlich die Voraussetzung schaffen, an einer Super League teilzunehmen. Dafür ist nach unserem Sachstand und den juristischen Bewertungen eine Satzungsänderung durch die Mitgliederversammlung notwendig. Es dürfte für die KGaA sehr schwierig werden, ein Votum mit einer Dreiviertel-Mehrheit gegen die breite Masse an Mitgliedern zu organisieren.

Diese Mitsprache ist ein seltenes Gut. Viele der künftigen Super-League-Klubs haben ihre Werte längst verkauft an US-amerikanische Investoren, die die Abseitsregel nicht verstehen oder chinesische Investoren, die AC und Inter Mailand nicht unterscheiden können. Ist dies das richtige Milieu für Borussia Dortmund?

Wir haben das große Glück in Deutschland, dass wir die 50+1-Regel haben und Klubs, in denen wider der DFL-Vorgaben Investoren das Sagen haben, die Ausnahme sind. Das ist vielleicht auch einer der Gründe, warum Borussia Dortmund und der FC Bayern München noch nicht Mitglied in diesem Klübchen sind.

Außer Bannern, Protestnoten und Mitgliederentscheiden: Welche Möglichkeiten des Widerspruchs schweben Ihnen aktuell vor?

Wir machen uns dazu viele Gedanken und wollen verschiedene Möglichkeiten nutzen. Der eine Weg führt in die Öffentlichkeit, wo wir unsere Argumente platzieren wollen. Ein anderer Weg ist das direkte Gespräch mit der Geschäftsführung der KGaA und dem Präsidium des eingetragenen Vereins. Alle Mitglieder und Fans von Borussia Dortmund sind aufgerufen, diesen Prozess aktiv mitzugestalten. Wir würden bei Protestaktionen und Bannern nicht Halt machen. Käme es zum Super-GAU, könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass auch ein Boykott der Spiele des BVB als letztes Mittel der Wahl ein Thema wird.

Gegen die Kommerzialisierung und die Korruption im nationalen wie internationalen Fußball hat bisher vor allem die aktive Fanszene protestiert. Es scheint, als erreiche die Wut über die Super-League-Pläne auch den durchschnittlichen Fan.

Die Abkehr vom Fußball würden beim Start einer Super League weit über die aktive Fanszene hinaus auch viele nicht-organisierte Borussen vollziehen. Das würde eine Abstimmung mit den Füßen geben, die der BVB sehr deutlich zu spüren bekäme. Unser Stimmungsbild ist hier sehr eindeutig: Selbst Fans, die mit sport- und fußballpolitischen Themen nichts am Hut haben, würden sich vom Fußball abwenden.

Es gibt für den BVB also viele hundert Millionen Euro zu gewinnen für den Preis, einen Großteil der Fans zu verlieren. Läuft es auf eine Gretchenfrage hinaus?

Ja. Am Ende steht die klare Frage: Geld oder Liebe? Bei der Super League gibt es nur die Entscheidung zwischen Geld oder Fußballkultur. Die Super League in irgendeiner Form schönzureden, wäre hanebüchen und unglaubwürdig. Dort geht es allein um Gewinnmaximierung und Finanzsicherheit. Dafür müsste Borussia Dortmund alle Werte verkaufen, für die der Klub jemals stand.

Über den Autor
BVB-Redaktion
Jahrgang 1980, liebt Sport und lebt (meistens) sportlich. Erste journalistische Gehversuche mit 15. Einser-Diplom in Sportwissenschaft an der Universität Hamburg (2006). Heinz-Kühn-Stipendiat. Seit 2007 bei Lensing Media tätig. Seit 2012 BVB-Reporter.
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