Stehen als BVB-Ersatz für Axel Wistel parat: Jude Bellingham (vorne) und Emre Can. © dpa
Borussia Dortmund

Bellingham oder Can: Wer wird Terzics neuer BVB-Stratege?

Axel Witsel fehlt dem BVB ein halbes Jahr - ist das die Chance für Jude Bellingham, sich den Strategen-Stammplatz zu schnappen? Oder fällt Emre Can die Schaltzentrale zu? Eine Analyse.

Um nichts weniger als die Stabilität des Dortmunder Spiels dreht sich diese entscheidende Frage: Welchem Profi traut es Trainer Edin Terzic zu, die Mittelfeldzentrale des BVB zu steuern? Nicht nur ab und an. Für das nächste halbe Jahr. Denn Axel Witsel, der dort seit zweieinhalb Jahren den Stammplatz innehat, setzt ein Achillessehnenriss mindestens sechs Monate außer Gefecht.

Zwar hat Witsel zuletzt an Dominanz auf dem Platz merklich eingebüßt und es mangelte an Tempo und offensiven Impulsen, so erfüllte er doch einen immens wertvollen Part: Er hielt konsequent die Position des Sechsers vor der Abwehrkette und leistete als Konterabsicherer kluge Fleißarbeit. Witsels Ball- und Pass-Sicherheit taten dem Spiel des BVB oft gut. Nicht ohne Grund zählte er zu den Profis mit den meisten Einsatzminuten im schwarzgelben Trikot – und stellt der BVB das Team mit den wenigsten Fehlpässen der Bundesliga. 95 Prozent von Witsels Zuspielen kamen beim Mitspieler an.

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Bis zu seiner schweren Verletzung nach einer halben Stunde im Duell mit Leipzig vor einer Woche war der zweikampfstarke 32-jährige Belgier klare Führungskraft. Als Witsel gestützt von Betreuern den Rasen verlassen musste, übernahm Emre Can diesen Job mit Bravour. „Emre hat nach seiner Einwechslung geackert, sich in die Zweikämpfe geworfen. Genau das brauchen wir“, lobte Torhüter Roman Bürki.

BVB-Duo Delaney/Can beweist sich im Topspiel gegen Leipzig

In der Tat: Für Can als Witsel-Ersatz Nummer eins spricht seine Robustheit im Eins-gegen-Eins. Ligaweit hat sich der deutsche Nationalspieler mit 70 Prozent gewonnener Duelle auf Rang zwei katapultiert. Bei seinen Einsätzen im Mittelfeld kommt Can zudem auf mehr als 90 Ballkontakte im Schnitt pro Partie – und dank seines im Vergleich zu Witsel deutlich höheren Tempos und mutigeren Vorstoßens erzielt Can offensiv stärkere Wirkung, zwei Tore und ein Assist stehen für ihn schon zu Buche. Bei Witsel steht in beiden Kategorien in dieser Saison die Null.

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Was hinzu kommt: In Leipzig bewies das international erfahrene Duo Thomas Delaney/Emre Can über eine Stunde, dass es miteinander auf höchstem Niveau funktionieren kann, viele Zuspiele abfängt, die Zentrale schließt – gegen einen spielstarken Kontrahenten. Edin Terzic weiß jedoch noch eine weitere Option in seinem Kader, die andere Vorzüge im Motorenraum des BVB einbringen kann: Jude Bellingham.

Jude Bellingham steht vor der Rückkehr in den BVB-Kader

Der Engländer hat seine Fußverletzung überwunden und meldete sich vor dem Spiel gegen Mainz fit. Was neben guter Physis für den 17-Jährigen spricht: Er strahlt für sein Alter bereits eine ungewöhnliche Reife und Spielintelligenz aus, Mitspieler und Trainer schwärmen von Bellinghams Übersicht, mentaler Stärke und der Qualität, die Bälle aus der eigenen Hälfte ebenso clever wie fix bis zum gegnerischen Strafraum zu tragen. „Er hat großes Potenzial“, bescheinigt ihm Borussias Sportdirektor Michael Zorc.

Was Bellingham sowohl Axel Witsel als auch Emre Can voraus hat, ist sein variables Offensiv-Arsenal. Can ist zwar schneller (Top-Speed 34,4 km/h) als Bellingham (31,8), doch der Engländer zieht mehr Sprints an, wagt sich doppelt so häufig ins Dribbling und schafft so mehr Räume für seine Mitspieler. Und mit sieben Flanken, zehn Torschussvorlagen und zwei Assists in nur 523 Minuten Spielzeit hat der lauffreudige Youngster seinen Gefahrenwert längst dokumentiert.

Der eng getaktete Spielplan kommt BVB-Trainer Terzic entgegen

Edin Terzic muss jedoch abwägen: Soll es der offensiver ausgerichtete Bellingham sein, dessen mitunter rikanterer Kurzpass-Stil sich im Falle von Ballverlusten als defensives Problem erweisen könnte? Schließlich fehlt der konsequent zentral absichernde Witsel. Oder ist der aggressive Balleroberer Can die bessere Wahl für die Stabilität des Dortmunder Spiels, da Bellingham bei aller Dynamik in punkto Zweikampfhärte und Defensiv-Kopfball als 17-Jähriger naturgemäß noch Lernbedarf aufweist?

Ein Stück weit dürfte der eng getaktete Spielplan der nächsten Wochen Terzic die Entscheidung abnehmen: Mal Bellingham, mal Can aufstellen zu können, je nach Fitnessstand und je nach Stil des aktuellen Gegners, ist wahrlich nicht die schlechteste Auswahl, die man ohne Axel Witsel als Trainer derzeit haben kann.

Über den Autor
Sportredaktion Dortmund
Sascha Klaverkamp, Jahrgang 1975, lebt im und liebt das Münsterland. Der Familienvater beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Sportberichterstattung. Einer seiner journalistischen Schwerpunkte ist Borussia Dortmund.
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Sascha Klaverkamp

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